Wer fernsieht riskiert sein Leben

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

In Somalia darf die Weltmeisterschaft nicht im Fernsehen verfolgt werden. Die radikalislamischen Milizen verbieten es aus religiösen Gründen. Es gab schon Tote und Verhaftungen.

Während auf der ganzen Welt Millionen Menschen die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika verfolgen, können Fans im ostafrikanischen Somalia das Großereignis wenn überhaupt, dann nur klammheimlich sehen – unter Lebensgefahr. Denn große Teile des Landes haben radikale islamische Milizen unter Kontrolle. Und die haben nicht nur Kinos und DVD verboten, sondern jede Form der Unterhaltung. „Ich warne alle somalischen Jugendlichen, die Spiele nicht anzusehen. Das ist nur Geld- und Zeitverschwendung“, sagte Sheik Mohammed Abdi Aros, Sprecher der Miliz „Hezb al Islamiya“, am Montag in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. „Es ist Zeitverschwendung, verrückten Männern beim Auf- und Abspringen zuzusehen.“ Auch die islamistische „Schabaab-Miliz“ will nach eigenen Angaben WM-Fans in Somalia bestrafen. Denn das Verfolgen der Spiele in Rundfunk und Fernsehen sei „unislamisch“, halte vom heiligen Krieg ab und sei deshalb verboten.

Am Sonntag wurden in Somalia mindestens 14 jugendliche Fußballfans festgenommen, die heimlich eine Übertragung des Spiels Deutschland gegen Australien gesehen hatten. Am Tag zuvor wurden mindestens zwei Männer erschossen, die in ihren Häusern das Spiel Argentinien gegen Nigeria im Fernsehen verfolgt hatten. Weitere zehn WM-Fans wurden in der Hauptstadt verhaftet.

Vor vier Jahren hatten die damals in Somalia regierenden islamischen Gerichtshöfe die Ausstrahlung von Fußballspielen verboten und öffentliche Vorführungen gestürmt. Die Übergangsregierung des gemäßigten Islamisten Sheik Sharif Ahmed kann gegen die Milizen nicht viel ausrichten. Die Regierungstruppen kontrollieren nur einen geringen Teil des Landes, das seit 1991 ohne funktionierende Regierung ist.

Nationalteam kann nur unter Polizeischutz trainieren

„Die Weltmeisterschaft ist ein historisches Ereignis, aber in Somalia werden wegen der Restriktionen der Islamisten nur sehr wenige Leute sie sehen können“, klagt Abdi Ali Yarisow aus dem Distrikt Waberi im Süden Mogadischus. Die wenigen Glücklichen, die eine Satelliten-Verbindung für ihren Fernseher haben, werden nicht das Risiko eingehen, Freunde zum Fußball-Schauen einzuladen. Eher werden sie mit einem Auge ein Spiel verfolgen, mit dem anderen aber angstvoll die Haustür beobachten. Zu ihnen gehört Yarisow, und auch er wird nicht viele Bekannte in sein Haus lassen. „Wenn alle aufgeregt sind und anfangen zu schreien, bekomme ich Schwierigkeiten“, sagt er. „Vielleicht kann ich ein paar Leute tagsüber einlassen, wir werden uns dann in mein Zimmer setzen und das Spiel schweigend anschauen.“

Somalia war das einzige Land, das der WM-Pokal bei seiner Reise durch Afrika nicht durchquerte. Die somalischen Kicker hatten kaum eine Chance, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Das Nationalteam kann nur unter Polizeischutz trainieren, alle internationalen Spiele mit somalischer Beteiligung finden aus Sicherheitsgründen in Nachbarstaaten wie Kenia oder Djibouti statt. „Fußball ist nichts anderes als Zeitverschwendung“, sagt der Shabaab-Vertreter Sheik Mohammed Ibrahim. „Wissen Sie nicht, dass Allah Sie fragen wird, womit Sie Ihre Zeit verbracht haben, wenn der Tod kommt?“

Wer Sport brauche, könne sich selber betätigen, aber ein Spiel im Fernsehen zu sehen, sei im Islam verboten. „Dieser Sport soll die jungen Generationen blind machen und sie davon abhalten, Allah durch gute Taten zu ehren“, sagt der Kleriker.

Zwei Kinos trotzen den Drohungen

Allen Drohungen zum Trotz wollen zwei Kinos die WM übertragen. Sie liegen in dem kleinen Teil von Mogadischu, der von der international unterstützten, aber weitgehend machtlosen Übergangsregierung kontrolliert wird. „Wir werden die Spiele zeigen, und ich bin sicher, dass viele junge Männer aus der Gegend kommen werden“, sagt Abdi Mohammed vom Cinema Mogadischu im Stadtteil Medina. Die Leinwand des Lichtspiels gibt es nicht mehr, stattdessen werden mehrere Fernsehapparate aufgestellt, um die sich die Zuschauer in Grüppchen scharen.

Mehrfach sei das Kino mit Handgranaten angegriffen worden, berichtet Mohammed „Aber es ist das einzige Kino, das in Medina noch läuft, wir haben der Einschüchterung widerstanden.“ Für die Bewohner der benachbarten Stadtteile wird Cinema Mogadischu wohl ein ferner Traum bleiben. Zu gefährlich ist es vor allem nach Anbruch der Dunkelheit, Frontlinien zu überqueren und Militärkontrollen zu passieren. Kadro Alas aber ist entschlossen, ihr Leben zu riskieren, um ihren Favoriten Brasilien zu sehen. „Brasilien zu verpassen wäre das Schlimmste, was mir geschehen könnte“, sagt die junge Frau.

 

(Quelle: dpa, faz, spiegel, werg) 

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