Mord von zarter Hand

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Giftmorde habe eine lange Tradition, besonders beliebt sind sie bei Frauen. Nicht selten ist der lästige Ehemann das Opfer. Das Motiv: Gewalt in der Ehe, Eifersucht oder ein Liebhaber. Nicht zu verachten das eventuelle Erbe. Das perfekte Mordwerkzeug: Gift, die klassisch-weibliche Methode, dieses Problem zu lösen.

Ein Giftmord ist raffiniert, heimtückisch, und, wichtig für das »schwache Geschlecht«, ohne Kraftaufwand in die Tat umzusetzen. Und bis Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Giftmord nicht als solcher entlarvt wird. Für das Opfer ist es oft ein qualvoller Tod.

Erika Eikermann Die Apothekerin Dr. Erika Eikermann hat in Ihrer Doktorarbeit rund 40 Giftmorde der letzten 200 Jahre genauer untersucht. Die Pharmazeutin ist Expertin in Sachen Giftmord und weiß, warum Frauen prädestiniert für dieses Verbrechen sind.

"Die traditionelle Rolle der Frau war es, sich zuhause um die Kinder zu kümmern, das Essen zu kochen und sie musste auch die Kranken pflegen. Dadurch bekam sie detaillierte Kenntnisse über Stoffe aus der Natur. Diese Stoffe wahren zum einen Lebensmittel, dienten als Arzneimittel, konnten aber auch, in entsprechender Dosis, vergiften."

Arsen war anfangs nur ein Rattengift

Arsen-Tongefäß in einer alten Apotheke Arsen gilt als Königin der Gifte und ist wahrscheinlich an mehr Mordfällen beteiligt gewesen als jedes andere Toxin. Das geschmacklose Gift war schon im Mittelalter ein wirksames Mittel gegen Schädlinge, z.B. gegen die Rattenplage. Mit diesem Argument konnten sich Hausfrauen in vergangenen Jahrhunderten einfach und ohne Verdacht zu erwecken, Arsen in der Apotheke besorgen. Arsen ist ein Zellgift. Es stört den Energietransport in den Körperzellen. Sie sterben ab und die Organe versagen. Ab 1832 kann man Arsen im Körper nachweisen. Seither gibt es kaum noch Arsen-Morde.

Ein Pflanzenschutzmittel wird Arsen-Ersatz

Anfang der 50er-Jahre sorgt ein neuer Stoff für einen spektakulären Kriminalfall. Mit einer heißen Stricknadel öffnet die Mörderin Cognac-Pralinen und ersetzt den Alkohol durch E-605 – ein hoch giftiges Pflanzenschutzmittel. Danach streicht sie das Loch mit heißer Schokolade wieder fein säuberlich zu. Ihren Mann und ihren Schwiegervater hat sie bereits unbehelligt vergiftet. Da beide ohnenhin schwer krank waren schöpft niemand Verdacht.

Frau füllt mit Spritze Gift in Praline Dann soll auch noch die Nachbarin dran glauben, weil sie ihr ständig moralische Vorhaltungen macht, ihren lockeren Lebenswandel kritisiert. Doch durch einen »Betriebsunfall« greift die Freundin der Mörderin nach dem tödlichen Schokostückchen. Der Tod tritt durch Atemlähmung ein. Da die junge Frau aber völlig gesund war und auch noch ein Hund stirbt der Pralinenreste vom Boden gefressen hat, fliegt die Sache auf. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch kein Nachweisverfahren für das Gift. Es wurde extra für diese Aufsehen erregende Mordserie unter Hochdruck entwickelt.
Erstaunlicherweise wurde das Gift danach besonders häufig von Selbstmördern benutzt – vermutlich weil es kein Gegenmittel gab. Heute ist E-605 verboten.

Gift – von Geheimdiensten auch gerne benutzt

Erika Eikermann hat herausgefunden, dass wenn Frauen morden, sie es zu 90% mit Gift tun. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass 90% aller Giftmorde von Frauen begangen werden. Auch Männer greifen gerne zu tödlichen Mittelchen. Besonders in Geheimdienstkreisen ist das Töten mit Gift eine gängige Methode unliebsame Personen mundtot zu machen, wie der Polonium-Mord an dem russischen Ex-Spion Litwinenko erst vor wenigen Monaten gezeigt hat. Allein auf das Konto des russischen Geheimdienstes gehen viele solcher Attentate. Giftmorde an Regime-Kritikern haben etwas Mystisches und gleichen meist einer Hinrichtung: sie sind als deutliche Warnung gedacht.

München 1957: ein KGB-Agent lauert dem Exilpolitiker Lew Rebet auf. Mit einer umgebauten Gaspistole, schießt der Killer Blausäuregas ins Gesicht des Opfers. Ein einziger Atemzug reicht für die tödliche Dosis. Der Arzt diagnostiziert zunächst Herzversagen. Die Wahrheit kommt erst ans Tageslicht, als der Mörder später in den Westen überläuft und mit einer neuen Identität ausgestattet wird.

Massen-Spektrometer – die heutige Giftspürnase

Ausschläge auf Kurve des Massenspektrometers Heute ist das Aufspüren giftiger Substanzen einfacher. Es gibt Verfahren mit Massen-Spektrometern, die selbst Millionstel Gramm einer Substanz nachweisen können. Mit Hilfe von Datenbanken lassen sich schnell 100.000 verschiedene Stoffe identifizieren. Trotzdem sind Vergiftungen immer noch eine Herausforderung für Rechtsmediziner. Biologische Gifte etwa, sind nach wenigen Tagen im Körper nicht mehr nachzuweisen. Andere Stoffe, z.B. aus Medikamenten, werden immer unauffälliger. Beste Voraussetzungen dass die Tat unentdeckt bleibt – könnte man meinen.
Der forensische Toxikologe Prof. Rolf Aderjan vom rechtsmedizinischen Institut der Universität Heidelberg sieht das etwas anders:

"Giftmorde sind eher selten geworden. Das könnte natürlich auf der einen Seite bedeuten, dass immer raffinierter vorgegangen worden ist und man die Tat nicht entdeckt hat. Aber auf der anderen Seite spricht Vieles dafür, dass die Anwendung eines Giftstoffes für den Täter heute ein hohes Risiko ist."

Den perfekten Giftmord hält denn auch der Toxikologe für reine Theorie – perfekt gibt es nicht, sagt er. Aber es gibt mit Sicherheit eine gewisse Dunkelziffer. Denn nach Gift wird nur gesucht, wenn ein konkreter Verdacht besteht.


(Quelle: swr/werg)

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