"Nollywood"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Aus den Anfangszeiten

Oke Ogunjiofor (2. v.l.)Der Stadtteil Surulele ist ein bisschen heruntergekommen. Doch in diesem Viertel von Lagos liegen die Anfänge von Nigerias Filmindustrie. Ein Veteran der ersten Stunde ist Oke Ogunjiofor. Ausgebildet an Nigerias Fernsehakademie, schenkte ihm ein Freund vor 17 Jahren eine Super-VHS-Kamera. Damit ging es los.

Wiedersehen mit Schauspielern seines ersten Films. Nicht mal 5.000 Euro hatte er zur Verfügung und nur 20 Drehtage. Heute ist sein Film ein Klassiker. Okes Film erzählt von einem Mann, der in die Fänge einer Sekte gerät. Er ist bereit, seine Frau für einen Ritualmord zu opfern - in der Hoffnung, endlich reich zu werden.

Okes Mischung aus Kult, Geld und Verrat wurde ein Riesenerfolg: Eine halbe Million Videokopien wurden verkauft. Den Gewinn haben andere gemacht, doch Oke gilt seitdem als "Vater von Nollywood".

Oke Ogunjiofor:
"Schauspieler zu finden, war nicht schwer. Sie saßen mit den Technikern hier in den Cafés. Sie haben ihre Fotos und Adressen an die Wand gehängt. Dann kam ich vorbei oder andere, und wir haben uns ausgesucht, wen wir brauchen. Das waren Zeiten, da gab es noch keine Handys."

Nollywood ist erwachsen geworden

Wirtschaftsmetropole LagosInzwischen ist Nollywood erwachsen geworden. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor mit über 200 Millionen Euro Jahresumsatz. Und der Markt verlangt ständig neue Filme. Produziert werden sie heute in Wohnvierteln von Nigerias Mittelschicht. Um Geld zu sparen, wird ein Haus angemietet. Vorne steht der Jaguar, hinten wird noch ein Fenster abgedeckt.

Afrikanische Dramen

Spielszene aus einem Nollywood-StreifenImprovisation ist alles. Mehr als 14 Drehtage für einen 90-Minutenfilm sind selten drin. Eine echte Herausforderung, denn in Lagos fällt alle paar Stunden der Strom aus. Heute hat das Team Glück. Gedreht wird eine Soap über ein frisch verheiratetes Paar. Auftritt für die böse Cousine: Sie wirft der Ehefrau vor, nicht mal richtig kochen zu können. Genervt verlässt die das Zimmer.
Die Geschichten spiegeln den Alltag, die Probleme und Hoffnungen von Millionen Afrikanern.

Chris Ihidero, Nollywood-Regisseur:
"Wir mögen das Drama. Wir erzählen Familiengeschichten: Liebe, Enttäuschung, Verrat, aber auch Korruption. Es sind Geschichten, die jeder schon mal erlebt hat, die uns jeden Tag passieren."

In Nollywood-Filmen wird viel geredet. Afrikanisches Kolorit mit Menschen in traditioneller Kleidung. Dazu kommt die Sehnsucht nach einem besseren Leben, nach einem großen Haus und schicken Autos. Ein Traum vom Luxus. Mittlerweile gibt es auch aufwendig produzierte Action-Filme. Von der Machart ähneln sie amerikanischen Vorbildern. Aber sie spielen in Afrika, hier im nigerianischen Bürgerkrieg.

Massenprodukt Nollywood

Nollywood-Produzent Charles IgweCharles Igwe gehört zur neuen Generation von Nollywood-Produzenten. Ständig im Auto unterwegs, sucht er Geldgeber und Sponsoren. Filmkunst interessiert den ehemaligen Banker nicht, ihm geht es allein ums Geschäft.

In einem Möbel-Laden sucht er Ausstattungsstücke für sein nächstes Projekt. Was immer er will, bekommt er umsonst. Dafür wird im Filmabspann das Möbelgeschäft genannt. Berührungsängste mit Werbung kennt Nollywood nicht. Tabu ist etwas anderes.

Charles Igwe, Nollywood-Produzent:
"Sex können wir in unseren Filmen nicht zeigen. Das geht in Afrika einfach nicht. Aber wir zeigen dem Zuschauer mit einem solchen Bett, was möglich ist. Und wir sagen ihm: solche Luxusmöbel kannst Du auch mal haben - selbst wenn Du jetzt noch nicht so weit bist."

Jeden Tag kommen im Schnitt zwei neue Filme auf den Markt. Dabei den Überblick zu behalten, fällt selbst Charles Igwe schwer. Durch Videotheken und Straßenverkäufer werden pro Film 50.000 bis 100.000 Kopien verkauft. Eine DVD aus heimischer Produktion kostet knapp zwei Euro. Das können sich die Leute gerade leisten und macht Raubkopien wenig lukrativ.

Charles Igwe, Nollywood-Produzent:
"Piraten, die illegal Filme kopieren, interessieren sich für amerikanische Filme viel mehr als für unsere. Da ist die Gewinnmarge größer. Die Piraten haben eigene Vertriebswege. In Videotheken geht das nicht."

Nigerias Oscar

Tava, der nigerianische FilmpreisProduzenten wie Charles Igwe setzen auf niedrige Produktionskosten und hohen Output. Die künstlerische Qualität ist ihnen egal. Genau darum geht es bei Tava, dem nigerianischen Filmpreis, der in diesem Sommer zum ersten Mal vergeben wurde. Die Ähnlichkeit mit einer Oscar-Verleihung ist gewollt. Selbst die Goldstatue gleicht dem amerikanischen Vorbild. Nur ist es hier ein Mann mit einer Holztrommel.

Geehrt wird schließlich auch der Mann, der den Grundstein gelegt hat für Nigerias Film-Industrie: Oke Ogunjiofor, der "Vater von Nollywood".

In einem Hinterhof-Haus hat er ein kleines Büro. Hier produziert er eine wöchentliche Fernsehserie und eine Talkshow. Die Gier nach dem Geld stößt ihn ab. Lieber bleibt er sein eigener Herr. Dabei ist er ein leidenschaftlicher Filmemacher, für den Nollywood viel mehr ist als eine Goldgrube.

Der "Vater von Nollywood"

Oke Ogunjiofor, Oke Ogunjiofor, "Vater von Nollywood":
"Nollywood hat Afrika eine Stimme gegeben. Eine Stimme, mit der wir uns wehren können, gegen die Propaganda und das negative Bild, das man sich gemeinhin von uns macht. Wir haben unsere eigenen Geschichten. Und die können wir Afrikaner jetzt der ganzen Welt erzählen."

Jeder Drehtag ist eine neue Herausforderung: Die technischen und auch die finanziellen Möglichkeiten von Nigerias Filmindustrie mögen beschränkt sein, die Stories einfach, die Bilder grell und der Ton verzerrt. Doch Nollywoods Siegszug auf dem afrikanischen Kontinent wird das nicht stoppen.

(Quelle: br/ws/werg)

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post