Literatur auf Eseln

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ein Buch kann die Welt verändern


Soriano liest mit LandarbeiternKurz vor Sonnenaufgang sattelt Luis Soriano einen Esel mit zwei schweren Kisten voller Bücher. Ein Buch kann die Welt verändern, das ist sein Credo, und so macht er sich jeden Samstagmorgen auf den Weg. Der Lehrer will die Welt zu seinen Lesern bringen, ins kriegsmüde Hinterland von Kolumbien. Im Norden ist seine mobile Bibliothek eine Institution; sie bringt Romane, Lexika oder Zeitungen zu den Menschen.

Luis Soriano:
“Der Bücheresel ist seit über zehn Jahren eine gelebte Erfahrung“, erzählt der 37-Jährige. “Kinder wie Erwachsene können so etwas über die Welt dort draußen erfahren.“

Es sind Farmarbeiter auf entlegenen Bauernhöfen, die zum Stammpublikum von Luis gehören. Meist liest er ihnen dann aus Bildbänden vor und erzählt ihnen von den Volksstämmen im fernen Europa. Solche illustrierten Wälzer leihen sich seine Kunden am liebsten aus. Bei solchen Besuchen wird die große Armut des Landes deutlich. Der Lehrer muss mit elementaren Dingen beginnen; geduldig bringt er seinen Zuhörern das Schreiben bei - freiwillig, jedes Wochenende.

Landarbeiter Fredy Orosco:
“Ich würde gerne noch mehr lernen, aber das ist schwierig, weil wir die meiste Zeit in den Bergen arbeiten.“

Bildung gegen die Gewalt 

Soriano in seiner Schule in La GloriaEs geht weiter durch unwegsames Marschland: Hier haben sich linksgerichtete Guerilla und paramilitärische Banden schwere Gefechte geliefert. Die Ausflüge mit dem Bücheresel sind nicht ungefährlich – immer wieder stößt Luis Soriano auf die Spuren der Gewalt, hier ein niedergebranntes Dorf.

Rechte Paramilitärs terrorisieren die Gegend - von Großgrundbesitzern wurden diese Schlägertruppen aufgestellt. Die Regierung in Bogotá hat sie vor einiger Zeit offiziell entwaffnet, aber die Menschen im Norden leiden weiter unter ihrer Gewalt. Ein Anwohner erzählt dem Lehrer, dass die Menschen in diesem Dorf erschossen wurden, weil sie keine Schutzgelder zahlen wollten. Und auch Luis Soriano erzählt von Drohungen.

Luis Soriano:
“Ja, ich bin beiden Seiten ein Dorn im Auge, weil ich den Menschen Wissen bringe. Es ist doch die große Armut und der Mangel an Bildung, die den Konflikt in Kolumbien weiter schüren.“

In dem kleinen Dorf La Gloria arbeitet Luis als Grundschullehrer. Die Erfahrungen, die er hier macht, motivieren ihn: ein Buch, das sagt er immer wieder, kann die Welt verändern. Und es ist eine brutale Welt, in der seine Schüler leben. Wenn sie Bilder von ihrem Alltag malen, handeln die meist von Gewalt. Fast jedes Kind hat die Auseinandersetzungen zwischen Guerilla, Paramilitärs und Armee miterlebt, nicht wenige mussten mit ihren Eltern fliehen.


Eine Welt von Mord und Totschlag

Der Schüler Carlos erzählt Der zwölfjährige Carlos erzählt:
“In meinem Dorf haben sie einen Mann erschossen, zwei anderen haben sie die Kehle durchgeschnitten.“

Der Lehrer ist immer wieder aufs Neue schockiert. “Schauen Sie mal“, sagt er uns und zeigt ein Bild, “Hier hat ein Kind einen Teich mit einem Krokodil gemalt. Dort hinein werfen die Paramilitärs ihre Opfer.“

Gegen Mord und Totschlag setzt Luis Soriano seine Welt der Bücher. Zuhause hat er eine Sammlung von fast 5.000 Titeln angehäuft. Dieser bemerkenswerte Einzelkämpfer bekommt zwar gelegentlich Spenden von Privatpersonen, aber von der Regierung erhält er keine Hilfe.

Die Politik vernachlässigt das Land


Soriano: Zu oft nur als Folklore betrachtet
Ab und wann wird Luis Soriano mit seinem Esel in die Provinzhauptstadt zu Veranstaltungen eingeladen. Da lassen sich dann Politiker und Gouverneure zusammen mit ihm ablichten, und der Lehrer muss dazu gute Miene machen. Drinnen im Konferenzzentrum wird über Reformen, ein besseres Kolumbien diskutiert, aber Luis Soriano, der dazu einen ganz konkreten Beitrag leistet, bleibt draußen.

Luis Soriano:
“Ich werde oft nur als Folklore gesehen. Das mag ich nicht, wenn man mit mir und meiner Bibliothek nur eine Show macht.“

Unterwegs in der Sierra Nevada Kolumbiens: Hier lässt sich kein Politiker blicken. Schreibstifte, Papier, Bücher: Alles Fehlanzeige. Unter einem Zitronenbaum werden die Kinder von Farmarbeitern unterrichtet. Das ist ihre Schule.

Hier kommt Luis Soriano mit seinem Bücheresel gerade recht, und die Begeisterung über seinen Besuch ist bei den Kindern riesig.

Schulen sind zerstört

Die Schule zerstört, der Unterricht unter dem ZitronenbaumEs scheint, als würden viele von ihnen zum ersten Mal ein Buch sehen, und so studieren auch sie enthusiastisch dicke Bildbände mit Geschichten aus der fernen Welt.

Neben dem Zitronenbaum stehen noch die Mauern des früheren Schulgebäudes. Bei einem Angriff der Guerilla wurde es zerstört, der damalige Lehrer umgebracht.

Luis Soriano:
“Wir träumen von einem Kolumbien ohne Gewalt, aber wenn Schulen keine Bücher haben, dann können Kinder keinen Frieden lernen.“

Ein Buch kann die Welt verändern, davon ist dieser Einzelkämpfer überzeugt. Und so reitet er mit seiner subversiven Fracht weiter durch Kolumbien.



(Quelle: BR/werg)

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