Verlorene Gewinner

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Samuel Tiago Samuel Tiago sieht aus, als ob er den Krieg verloren hätte. Dabei hat er ihn gewonnen. Er ist während des Bürgerkriegs Leutnant bei der leichten Infanterie Angolas, kämpft auf der Seite der marxistischen Befreiungsbewegung MPLA. Die hat den Krieg gewonnen und regiert das Land heute. Samuel Tiago aber wird 1992 verwundet. “Es hat heftige Gefechte gegeben. Plötzlich griff der Feind völlig überraschend unsere linke Flanke an. Ich habe versucht wegzurennen, aber die Erde auf der anderen Seite war vermint. Ich bin dennoch voller Panik in das Minenfeld hinein, und prompt hat mir eine Mine ein Bein abgerissen.“

José HamukwanyaJosé Hamukwanya sieht aus, als ob er den Krieg gewonnen hätte. Dabei hat er ihn verloren. Während eines kurzen Waffenstillstands 1992 ist er Rechtsberater der Rebellenbewegung Unita, stationiert hier im Hotel Turismo, das der Unita als Hauptquartier dient. Im September 92 zerstören MPLA-Soldaten das Hotel völlig. “Diese Tage waren schrecklich. Ich kam verspätet von einer Sitzung zum Hotel zurück. Als ich Schüsse hörte, habe ich mich versteckt. 3 Tage lang haben die Gefechte gedauert. Fast alle meine Kollegen kamen ums Leben. Ich bin untergetaucht und geflohen. Wenn ich nicht verspätet gewesen wäre, hätte ich das nicht überlebt.“

Das ehemalige Hotel steht heute noch als Ruine in Angolas Hauptstadt Luanda. Die MPLA greift damals an, weil die Unita das Ergebnis der Parlamentswahlen nicht anerkennt, die kurz zuvor stattgefunden haben. Unita-Soldaten leisten überraschend großen Widerstand. Die Menschen in den umliegenden Häusern suchen verzweifelt Schutz in ihren Wohnungen. Die Straßen Luandas bieten damals ein schreckliches Bild.

Rap-Musiker verspotten Regierung

Heute sind diese beiden jungen Rap-Musiker in Luanda sauer, dass 5 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs die Straßen nicht viel besser aussehen. Die beiden 26jährigen mussten nicht mehr in den Krieg. Sie kämpfen aber trotzdem, mit Worten, gegen ihre eigene Regierung, die eine miserable Menschenrechtsbilanz hat. Er nennt sich „Brigadegeneral mit 10 Paketen“, eine Anspielung auf die korrupte Oberschicht in Angola. „In Angola macht die Regierung die Musik“, heißt sein bekanntester Song. „Aber die Menschen wollen dazu nicht tanzen.“ Er singt seine politischen Texte nur noch innerhalb der eigenen vier Wände, seitdem ein Mordanschlag auf ihn verübt wurde. “Im Bürgerkrieg haben nur die kleinen Leute gelitten“, meint der Rap-Musiker “Brigadeiro 10 Pacotes”. „Die da oben haben ihre Söhne nach Europa geschickt, die haben dort ein tolles Leben geführt. Hier haben die Menschen aus lauter Not im Müll nach Nahrungsmittelresten gewühlt. Die Armen haben gekämpft, um die Interessen der Politiker zu verteidigen. Es hat sich wirklich nicht viel geändert bei uns. Klar, heute haben wir Frieden, die da oben haben sich miteinander versöhnt.“

Als der Bürgerkrieg 2002 zu Ende ging, kam José Hamukwanya nach Luanda zurück und wurde Parlamentsabgeordneter der Unita. Die ehemaligen Rebellen sitzen heute mit in der Regierung der nationalen Versöhnung. Viel zu sagen haben sie dort aber nicht. Das angolanische Volk sei jetzt bereit für Parlamentswahlen, meint José Hamukwanya, die ersten seit 1992. Nächstes Jahr sollen sie stattfinden. Aber, man müsse den Angolanern immer noch zeigen, wie man das macht. “Das angolanische Volk will eigentlich nur in Frieden leben und gemeinsam an der Zukunft bauen. Unsere Aufgabe ist es ihnen zu zeigen, dass dies mit demokratischen Wahlen am besten geht. Die Menschen hier haben doch keine Ahnung, was Demokratie ist. Wir aber haben es geschafft, den Friedensprozess zu konsolidieren, wir sind ein demokratisches Land.“

Kriegsveteranen im Abseits

Samuel TiagoSamuel Tiago ist da ganz anderer Meinung. Das einzige, was in Angola stabil sei, sei die Tatsache, dass sich viele Politiker ungestört bereichern können. Während eine hauchdünne Oberschicht vom Ölreichtum des Landes profitiert, haust die große Mehrheit der Angolaner unter unwürdigen Bedingungen. Ein steifer Händedruck zur Begrüßung, vielleicht der Kamera wegen, es ist ihnen unangenehm, dass fremde Menschen ihre Armut sehen. Der Kriegsveteran der MPLA hat sieben Kinder, das jüngste ist erst 2 Wochen alt. Eine Prothese hat ihm die Armee gegeben, und eine Rente von umgerechnet 50 Euro monatlich. So wie ihn gibt es Tausende von Kriegsveteranen in Angola, und denen, die auf der Seite der Rebellen gekämpft haben, geht es noch viel schlechter. “Mein Leben sieht immer gleich aus. Die Regierung gibt nur ein bisschen, meine Familie aber ist groß. Ich muss auch meine Eltern und meine Schwester ernähren, sie haben alle keine Arbeit. So sollte die Regierung ihre Veteranen nicht behandeln. Wir haben schließlich den Krieg für sie gewonnen.“ Auf dem Markt bessert er seine magere Rente auf. Das bringt ihm zwischen 10 und 20 Euro täglich, wenn er genug Zigaretten, Kekse und Seife verkauft. Nur so können sie überleben. Vielleicht ist es an dieser Stelle angebracht zu erwähnen, dass Angolas Einnahmen aus der Erdölförderung mehr als 30 Milliarden Euro jährlich ausmachen.


Der zornige junge Rap-Musiker meint, dass ein Fünftel davon in den Taschen der Regierenden verschwindet. Aber wer weiß das schon, die lassen sich ja nicht in die Karten schauen. Hier stellen sie eine neue CD vor, mit unpolitischen Texten. Und er überlegt sich, ob er Angola nicht lieber verlassen soll .

(Quelle:ard/swr/werg)

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