Moorleichen

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Leichen, die es nie gab

Blick auf ein MoorAlfred Dieck war ein Experte für Moorleichen; und seine Zusammenstellung der Funde in Europa galt lange als Standartwerk – bis die Archäologin Sabine Eisenbeiß den inzwischen verstorbenen „großen“ Gelehrten entlarvte: Von den rund 1.800 Moorleichen, über die Alfred Dieck berichtete, existierten über 1.000 nur in seiner Fantasie! Gerade die spektakulären Fälle hat er sich schlicht ausgedacht. In anderen Fällen erfand er Fakten zu wahren Berichten dazu: Aus einer zerfallenen Holzaxt wurden zerfallene Knochen, zu dem Fund eines römischen Holzbohlenwegs dichtete er die passende Leiche hinzu. Sabine Eisenbeiß arbeitet jetzt an einer Inventarliste aller Moorleichen Deutschlands. W wie Wissen sieht ihr dabei über die Schulter.

Grausige Fundberichte - gefälscht

Sabine Eisenbeiß untersucht Haare aus dem MoorEs muss ein grausamer Tod gewesen sein, vielleicht eine Bestrafung in einem archaischen Ritual: „ …eine erdrosselte Männerleiche mit einem Kadaver von einem erschlagenen Hund, beide mit Rindshaut zugedeckt…Über dem Körper schräg gerammte Knüppel… zwischen den Füßen die Trümmer einer Urne… die Asche eines halbwüchsigen Menschen, wie an dem Schädeldach zu erkennen.“ Diese Beschreibung einer Moorleiche findet sich in den Veröffentlichungen des Moorleichenforschers Alfred Dieck – und sie ist frei erfunden.
Alfred Diecks Zusammenstellung der Moorleichenfunde Europas war lange das Standardwerk seiner Zunft. Doch eine einfache Magisterstudentin entlarvt nach seinem Tod den „großen“ Gelehrten: Von den 1800 Moorleichen, über die Alfred Dieck in seinen Fachartikeln berichtet, haben mindestens 1000 nur in seiner Phantasie existiert. Gerade die spektakulären Funde, hat er schlicht erfunden.

Moorleichenforschung ist Archivarbeit

Verschiedene UntersuchungsgegenständeMöglich war dieser Betrug, da die meisten Moorleichen vor 1950 gefunden wurden. Heute zerhäckseln die großen Torfabbaumaschinen vermutlich die Körper ehe sie entdeckt werden. Die Archäologen sind daher auf historische Berichte, Überlieferungen, Akten und Zeitungsartikel angewiesen, denn meist wurden Funde nicht aufbehalten oder konserviert, sondern wieder begraben oder zerstört. Alfred Dieck hat seit seiner Doktorarbeit 1939 alle Berichte rund um das Moor und Moorleichen wie besessen gesammelt. Bei seinem Tod füllten seine Unterlagen rund 60 Aktenordner, sowie mehrer Archivkästen und Kartons, in denen er auch Moorleichenreste wie Haare, Leichenwachs und Kleidungsreste aufbewahrte.

Eine Studentin entlarvt den Forscher

Moorleiche in einem MuseumSabine Eisenbeiß bekam für ihre Magisterarbeit den Auftrag, diesen Nachlass zu sichten. Im Laufe ihrer Arbeit versuchte sie stichprobenartig die Angaben Diecks mit den archäologischen Ortsakten im Denkmalamt abzugleichen. In ihnen sollten eigentlich alle Funde wieder zu finden sein. Doch alle Stichproben von Sabine Eisenbeiß fielen negativ aus. Jetzt wandelte sich der Charakter ihrer Arbeit: Aus einer Aufarbeitung der Unterlagen des großen Forscher wurde eine Detektivarbeit auf der Suche nach gefälschten Berichten. Zum Abschluss ihrer Arbeit konnte sie nur für 61 der 654 Moorleichenfunde in Niedersachsen eine unabhängige Bestätigung finden.

Viele Arten der Fälschung

Nicht in allen Fällen konnte sie Dieck einen direkten Betrug nachweisen. In hunderten von Fällen beruft er sich auf Akten, die im Krieg zerstört worden sein sollen. Das betreffende Museum blieb von Bomben verschont und auch die noch lebenden Museumsdirektoren konnten sich nicht an die Existenz dieser Akten erinnern. In einigen Fällen konnte Sabine Eisenbeiß aber zeigen, dass Dieck eine Technik anwendete, die auch in Geheimdienstkreisen beliebt ist: Er erfand Fakten zu wahren Berichten hinzu. So wurden aus einer zerfallenden Holzaxt, zerfallende Knochen; zu dem Fund eines römischen Holzbohlenweges erfand Dieck eine römische Moorleiche hinzu, zu einer Keule den mumifizierten Träger.

Inflation der Moorleichen

Neben diesen direkten Nachweisen des Betrugs, gibt es aber viele andere Ungereimtheiten: Die Zahl der angeblichen Moorleichen stieg bei Dieck von Jahr zu Jahr an: 1965 berichtete er noch über rund 700 in ganz Europa, 1972 waren es 1354, 1986 gar 1873. Alle heute unbestätigten Funde zeichnen sich auch dadurch aus, dass Dieck bei ihnen über ungewöhnlich reichhaltige Beigaben berichtet: Tongefäße, Waffen, Goldschmuck- und münzen, Flintgeräte und Tierleichen. Außerdem sind gerade diese Berichte extrem detalliert und drastisch, berichten von grausamen Todesarten oder medizinischen Einzelheiten (zum Beispiel ein operativ entferntes Gaumenzäpfchen).


(Quelle: wdr/werg)

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