Die Knute des Militärregimes

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Die Shwedagon-Pagode in Yangoon ist der heiligste Ort von Myanmar: 2500 Jahre alt, überzogen mit sechzig Tonnen purem Gold. Jährlich kommen Zehntausende von Pilgern. Der Tempelkomplex ist ein religiöses Monument, aber er verkörpert auch die Geschichte und die Essenz des Lebens in Myanmar. Die Shwedagon-Pagode war das Zentrum des Aufstands der Mönche im Jahr 2007. Er wurde blutig niedergeschlagen. Viele Mönche sind noch in Haft.
Zunehmende Verarmung im Land

 In einem der typischen Wohnblocks von Yangoon sind schon am Morgen Mönche unterwegs auf ihrem Bittgang. Die “Saffran-Revolution” , so genannt nach der Farbe der Mönchsroben, richtete sich gegen die miserablen Lebensbedingungen der Menschen in Myanmar, gegen Armut und Unterentwicklung. Durch die Bittgänge weiss man in den Klöstern sehr genau, wie es in den Städten und Dörfern aussieht. Das Land verarmt weiter, sagen Mönche in heimlichen Gesprächen. Schuld sei die Misswirtschaft der Militärregierung. Nachts gleisst die Shwedagon-Pagode über einer in weiten Teilen dunklen Stadt. Frau Thain Thain Soe hilft ihrem Mann beim Betelnuss-Verkauf. Mit Kleinhandel im Wohnviertel verdient die Familie ihren Lebensunterhalt. Der Weg zu ihrer Wohnung im fünften Stock ist dunkel. Strom gibt es nur jeden zweiten Tag und auch dann nur für ein paar Stunden. Zehn Personen leben in den drei Zimmern, auf 40 Quadratmetern. Sie, die beiden Kinder und die Grossfamilie ihres Mannes. Was ist das grösste Problem? „Das meiste Geld“, sagt sie, „geht für Lebensmittel drauf. Und der ältere Sohn bekommt neben der Schule Privatunterricht, er soll doch was lernen“, sagt sie. „Der Schwiegervater ist krank, seine Medizin kostet Geld.“

Die neue Hauptstadt

Myanmars Lebensstandard liegt weit unter dem der Nachbarländer Thailand und Malaysia. Es gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Dabei geht es dieser Familie mit einem Monatseinkommen von umgerechnet 60 Euro noch vergleichsweise gut. Im einzigen Bett liegt ein Kranker. Ein Verwandter vom Land, zum Arztbesuch in der Stadt. Alltag in Yangoon. Eine Kopie der Shwedagon-Pagode leuchtet 320 Kilometer nördlich von Yangoon in die Nacht. Wir sind in Naypyidaw, der neuen Hauptstadt von Myanmar. Eine Stadt vom Reissbrett. Hier sind die Strassen gut beleuchtet. Aber praktisch menschenleer. Die Militärs haben die viele tausend Quadratkilometer grosse Stadt aus dem Boden des trockenen Buschlandes gestampft und 2005 zur Hauptstadt erklärt. Ein pompöser Präsidentenpalast und ein ebensolches Parlamentsgebäude, prägen das Stadtbild. Für 2010 sind Wahlen versprochen. Hier werden die Abgeordneten tagen. Kilometerweit auseinander liegen die Ministerien verteilt im Busch. Nur deren Angestellte dürfen ins Regierungsviertel. Die Weitläufigkeit der Stadt, sagen Kritiker, dient der Sicherheit des Regimes: Wie sollte sich hier ein Volksaufstand entfalten? Das Planungsprinzip von Naypyidaw ist: Kontrollierbare Ordnung durch Leere. Arbeiterinnen polieren den Marmor. Die Anlage ist eine bewusste und äusserlich getreue Kopie der Shwedagon Pagode in Yangoon. Aber ohne die verwinkelten und verwirrend-lebendigen Nebengebäude. Und, anders als das Original, ist dieser Bau innen hohl.

Ein Denkmal für die Generäle

Nur wenige Mönche sind zu sehen in der Pracht des Innenraums. Myanmars Generäle verstehen sich als fromme Buddhisten. Mit einem solchen Werk wollen sie Verdienst fürs nächste Leben erwerben. Und sich selbst ein Denkmal setzen. Der Bau von Pagoden galt in Myanmars Geschichte als Grosstat der jeweiligen Könige. In dieser Tradition sehen sich die Militärs. Mit dem Pagodenbau buhlen die Machthaber um die Gunst der frommen Menschen im Land. Ein Buddhismus des Machterhalts. Von der Pagode kann man einen Blick erhaschen auf den Golfplatz der Generäle. Er liegt im militärischen Teil der Stadt, der ist für gewöhnliche Bürger tabu. Die Führer des Landes leben in einer künstlichen Welt, die wenig zu tun hat, mit den Realitäten des Lebens in Myanmar.

Kontakt zu Ausländern unerwünscht

Zurück in Yangoon, mit seinen uralten Pagoden und den verfallenden Fassaden. Am Morgen in unserem Wohnviertel, wo der Austräger die Trinkwassercontainer in die Wohnungen hinaufbringt. Das Leitungswasser ist ungeniessbar. Trinkwasser muss eigens gekauft werden. Unsere Familie ist nicht da. Stattdessen kommt der Blockwart, um uns zu kontrollieren. Unser Dolmetscher und selbst der von der Regierung gestellte Aufpasser haben sichtlich Angst. Unsere Papiere sind in Ordnung, aber Frau Thain Thain Soe will nicht mehr mit uns reden. Nachbarn und Verwandte, so erfahren wir nach und nach, haben sie gewarnt, sich mit Ausländern einzulassen. Das sei doch zu gefährlich. Angst vor der Regierung, Angst aufzufallen: Das ist Teil des Lebens der Menschen in Myanmar. Auch in den Klöstern rund um die Shwedagon Pagode herrscht Angst. Ein erneuter Aufstand erscheint unwahrscheinlich.

(Quelle:  swr/werg)

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