Dunkle Wolken über Toyota-City

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Toyota auf Talfahrt

Reisfelder vor einer FabrikZwei Hoffnungsträger für Toyota: Der neue Prius und der Mann am Steuer. Pressevorführung für die dritte Generation des Erfolgsautos mit Hybridantrieb. Die Präsentation übernimmt der ab Juni neue Toyota-Präsident persönlich. Ich heiße Toyoda, sagt der Enkel des Firmengründers. Nach 14 Jahren Pause ist wieder ein Familienmitglied zum Konzernlenker gewählt worden: Aber Akio Toyoda hat ein Problem, das seinen Vorgängern fremd war: Toyota ist auf Talfahrt.

Reisfelder, Fabriken, und die eher unscheinbare Firmenzentrale. Das ist Toyota City. Seit 50 Jahren trägt auch die Stadt den Namen der Autos, die in ihr gebaut werden. Denn die Mehrheit der 420.000 Einwohner lebt in irgendeiner Form von dem Unternehmen, das hier klein anfing und zum größten Autobauer der Welt wurde. Viel Arbeit, viel Geld, eine heile Autowelt - bislang.

Jetzt steht die Kommunistische Partei regelmäßig vor den Werkstoren und verurteilt die Entlassung von Zeitarbeitern. 6.000 Verträge wurden bei Toyota nicht verlängert, weil weltweit die Verkäufe eingebrochen sind. Die Angestellten ignorieren die Flugblätter. Jeder ist froh, dass er selbst Arbeit hat. Toyota feierte Rekordgewinne und wurde plötzlich von der Weltwirtschaftskrise ausgebremst. Auch festangestellte Mitarbeiter haben nun Angst.

Einer sagt uns:
"Keiner weiß, ob wir zum nächsten Detroit werden oder was morgen mit uns passiert."

Zulieferer ohne Arbeit

Zulieferer Koji SakuraiWenn Toyota leidet, schmerzt es auch die vielen Zulieferer. Koji Sakurai hat kaum noch Aufträge: Der Ein-Mann-Betrieb stellt Spezialteile für Toyotas Testwagen her. In den fetten Jahren hat er viel gespart, damit kann er sich noch längere Zeit über Wasser halten. Aber erste kleine Zulieferer sind pleite. Koji Sakurai meint, weitere würden das Jahr vielleicht nicht überstehen. Dass Toyota einmal Milliarden-Verluste machen würde, war für ihn vor kurzem noch undenkbar.

Koji Sakurai, Toyota-Zulieferer:
"Wenn es sogar bei Toyota nicht mehr läuft, dann läuft es in ganz Japan nicht mehr. Wenn es soweit kommen sollte, dass ich mir woanders als bei Toyota Arbeit suchen müsste, dann wäre Japans Wirtschaft wirklich am Boden."

So viele Menschen waren hier früher nie - jetzt jeden Tag. Das Arbeitsamt von Toyota heißt freundlich "Hello Work, Hallo Arbeit". Und bislang gab es die auch. Bewerber konnten oft unter mehren Angeboten auswählen. Jetzt suchen Tausende vergeblich nach Arbeit.

Eine Vorstadtsiedlung: Hier wohnen vor allem Gastarbeiter aus Brasilien und Peru: Fast alles Zeitarbeiter, und 70 Prozent nun arbeitslos. Sie kamen vor Jahren her, als mit Toyota auch die Zulieferer immer schneller wuchsen und in den Fabriken Personal fehlte.

Die Gastarbeiter müssen zurück

Gastarbeiter Gabril do Silva mit SohnJetzt sind einige auf Lebensmittelspenden angewiesen, weil das Arbeitslosengeld nicht reicht, und außerdem gibt es das nur sechs Monate. Sozialhilfe ist noch geringer und nicht leicht zu bekommen. Einige sind schon in die Heimat zurückgekehrt. Japans Regierung will sie loswerden und zahlt die Rückflüge.

Familie do Silva hat noch Glück, weil Ehefrau Kiyomi als Fahrerin etwas Geld verdient. Nach zwölf Jahren als Zeitarbeiter bei einem Toyota-Zulieferer musste Vater Gabril gehen: keine Abfindung. Bald läuft sein Arbeitslosengeld aus. In Japan fühlen sie sich zu Hause, aber wenn er nicht bald was findet, können sie sich das teure Leben hier nicht mehr leisten und müssen zurück nach Brasilien. Sie sparen überall: Lebensmittel, Wasser, Strom. Die Krise hat sie wie alle hier kalt erwischt.

Gabril do Silva, Brasilianischer Gastarbeiter
"Bis zum letzten Oktober war es hier wunderbar. Keiner von uns Gastarbeitern hat sich Sorgen gemacht. Da wurden Wohnungen und Autos gekauft. Niemand hielt Sparen für notwendig, so gut lief es. Jetzt ist die Wirtschaft zusammengebrochen, und man kann einfach nichts tun."

Prächtiges Stadion, Konzerthalle, Kunstmuseum: Die Autoindustrie hat die Stadt Toyota zu einer der reichsten Kommunen Japans gemacht mit vielen Serviceleistungen für die Bürger. Konzerngründer Kiichiro Toyoda mit "d" steht daher als Denkmal vor dem Rathaus. Er nannte seine Autos Toyota, weil die japanische Schreibweise mit "ta" am Ende mehr Glück verheißt.

Die goldenen Zeiten sind vorbei

Arbeitssuchende vor ComputernDas Glück hat die Stadt nun verlassen. Diese Angestellten sollten längst der Abrissbirne Platz gemacht haben für den Bau eines neuen Rathauses. Der Auszug wurde mittendrin gestoppt und alles ein Jahr auf Eis gelegt. Die Steuereinnahmen von den Unternehmen sind um satte 94 Prozent gesunken. Der Stadtkämmerer gerät dennoch nicht in Panik: Denn in den guten Jahren wurde reichlich zur Seite gelegt.

Shoji Sawahira, Finanzabteilung Toyota-City
"Wenn wir unser Geld sparsam ausgeben, können wir die nächsten fünf Jahre überstehen, ohne dass der Service für die Bürger übermäßig leiden wird. Wir versuchen in der Krise eine sanfte Landung und warten darauf, dass die Wirtschaft wieder anzieht."

In schweren Zeiten rückt die Stadt noch enger zusammen. Mit der "We love Toyota"-Kampagne ruft der Einzelhandel seine Kunden auf, jetzt einen Toyota zu kaufen, dann gibt es einen Einkaufsgutschein im Wert von 150 Euro oben drauf.

Herr Yoshimura vom Fotoladen glaubt nicht an den Vergleich mit Detroit: Festangestellte würden hier nicht so schnell entlassen und Toyota sei nicht General Motors.

Tatsuya Yoshimura, Kamerashop:
"Toyota hat großartige Sachen entwickelt wie die effizienten Produktionsabläufe. Als Bürger hoffen wir, dass Toyota in der Krise wieder etwas Neues erfindet, das das Unternehmen voran bringt."

Ein-Mann-Zulieferer Koji Sakurai hat auch den letzten Auftrag erledigt. Noch ist nichts Neues reingekommen. In seiner Werkstatt steht der große Glücksbringer für Erfolg im Geschäft vom Jahresanfang: Bislang rausgeschmissenes Geld. Aber Herr Sakurai glaubt an Toyota.

Koji Sakurai, Toyota-Zulieferer:
"Wenn eine Autofirma diese Krise überlebt, dann Toyota. Das Unternehmen hat große Geldreserven und kann daher leichter in neue Entwicklungen investieren als die, die hochverschuldet sind. Da sehe ich die große Stärke."

Aber die goldenen Zeiten, befürchtet er, werden so schnell nicht wiederkommen.


(Quelle: daserste/werg)

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