Die neue Strategie...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Kaum begonnen endet die Patrouille der Baker-7-Kompanie hektisch im Bunker - ersteinmal. Raketen der Taliban sind gerade über unsere Köpfe gezischt und etwas weiter eingeschlagen. Alltag auf dem US-Stützpunkt Tillmann, hier im südostafghanischen Stammesgebiet, nur vier Kilometer entfernt von der pakistanischen Grenze. „Man weiss leider nie, wo diese Dinger einschlagen“, presst Patrouillenführer Jonathan Khan durch seine Zähne. Mal werden die Geschosse aus dem afghanischen Hinterland abgefeuert, mal von drüben, aus Pakistan. Alle wohlbehalten im Bunker, erfolgt die Meldung an den Stab. Von nebenan feuert US-Artillerie Salve um Salve auf die Rebellen.

Die Patrouille startet

Dann macht sich die gemischte Patrouille auf den Weg. Afghanische und US-Soldaten. Zu Fuss geht's raus ins Talibanland. Bei den deutschen Soldaten in Afghanistan wäre das undenkbar. Die Botschaft der Patrouille an die Einheimischen: Seht her, Afghanen und Amerikaner gemeinsam sorgen für Eure Sicherheit. Khan war bereits im Irak stationiert, wie fast alle seiner US-Kollegen hier. Er hat pakistanische Großeltern und lebt mit seiner Familie in Alaska. „Es gibt Informationen, dass Taliban die Händler unten im Dorf zwingen wollen, die Läden zu schliessen“, erklärt Jonathan Khan. “Die Geschäfte aber sind die einzigen Einkommensquellen dieser Leute. Wir werden nicht erlauben, dass Taliban die Händler terrorisieren.“

Kooperation mit der Bevölkerung

Aktive Kooperation mit der Bevölkerung statt bedingungsloser Jagd auf Talibanrebellen. So sieht sie aus, die neue US-Strategie bei der Aufstandsbekämpfung in Afghanistan. Auch im US-Camp Salerno, ein paar Kilometer weiter, beginnt eine Patrouille, aber eine ganz spezielle: Amerika schickt seine Bauern ins Gefecht. In den Uniformen stecken Landwirte, Förster und Wasserexperten aus Indiana. Robert Cline und Co's Aufgabe: afghanische Bauern beraten. „Rauszufahren, mit Bauern zu sprechen und rauszufinden, wie sie ihre Arbeit verbessern können, ist interessant. Aber es geht auch darum zu helfen. Denn Menschen, die Geld verdienen und etwas zu Essen im Bauch haben, die werden sich nicht den Taliban anschliessen.“ Die Dienstfahrzeuge der Landwirtschaftsberater: martialische, panzerverglaste Fahrzeuge, die sogenannten Imraps. Sicher ist sicher. Die Provinz Khost ist die Kornkammer für Ostafghanistan. Hier auf dem Land war es, wo vor 25 Jahren die Sowjetarmee gegen die Mujaheedin verlor, weil die Bevölkerung den Aufstand unterstützte. Jetzt will hier die US-Armee die Herzen der Bauern und damit den Kampf gegen die Taliban gewinnen.

Mißtrauen und Enttäuschung bei den Afghanen

Zunächst steht ein Treffen in einem Regierungsgebäude am Rande der Stadt Khost auf der Agenda. Das US-Team will mit einheimischen Bauern potentielle Hilfsprojekte sondieren. Schnell kommt Ernüchterung auf bei den Amerikanern, denn die Afghanen sind mißtrauisch. „In den vergangenen sieben Jahren ist uns viel versprochen worden“, beklagt sich Abdul Hanan, Bauernsprecher und Vize-Gouverneur Provinz Khost. „Auch von Euch Amerikanern. Aber niemand hat seine Versprechen gehalten. Wir sind enttäuscht“. Robert Cline versucht zu schlichten. „Wir wollen nichts versprechen, was wir nicht halten können. Wir wollen mit Euch zusammenarbeiten.“ Am Ende keimt bei den US-Landwirten wieder der Hoffnung auf. Beide Seiten einigen sich zügig auf ein fünfjähriges Projekt gegen Bodenerosion. Die Amerikaner geben Geld, in zwei Monaten soll das sein, dann starten die afghanischen Bauern mit den Arbeiten. Trotzdem ein riskantes Projekt. „Es scheint so, dass die Taliban in der Gegend hier die Menschen in Ruhe lassen, solange wir da sind“, sagt Robert Cline. „Wenn wir aber beispielsweise zurück in unser Camp fahren zum Übernachten, entführen die Taliban die Einheimischen oder belästigen sie. Davor haben die Leute hier Angst.“ Später schauen die Amerikaner auf dem lokalen Ziegenmarkt vorbei. In der gesamten Umgebung gebe es keinen Tierarzt, erfährt Robert Cline's Kollegin Cindy Chastain von einem Händler. Hier könnte sich das nächste Projekt anbahnen. Die müssen alle dringend entwurmt und geimpft werden, ansonsten aber seien die Viecher gut in Schuss, schliesst Robert Cline seine Ad-hoc-Inspektion. Jetzt wollen die Landwirte aus Indiana ersteinmal sehen, wen sie hier zum Tierarzt ausbilden könnten. Auch ein Langzeitprojekt.

Jonathan Khan's Patrouille ist im Dorf Zhangi angekommen, kaum zwei Kilometer vom Stützpunkt entfernt. Die Ladenbesitzer sind merklich eingeschüchtert, reden kaum. Angeblich sitzen zwischen den Männern ein paar Taliban ohne Kalaschnikow aber mit grossen Ohren, erfährt Khan von seinem Dolmetscher. Nur ist nicht klar, wer hier wer ist. Die Situation ist brenzlig, ein Hinterhalt nicht ausgeschlossen, vom Stützpunkt feuert noch immer die Artillerie. Die Händler lassen sich dann plötzlich überreden zu einem Treffen am nächsten Tag oben im Stützpunkt. Das Vertrauen der Afghanen - für heute - offenbar gewonnen, bricht Jonathan Khan mit seiner Kompanie wieder auf. „Wir müssen hier uns richtig engagieren. Wenn das die Menschen sehen, wird nicht nur die Regierung gegen die Taliban kämpfen, sondern auch die einfachen Afghanen. Das ist genau das was wir wollen.“ Okay, das könne noch eine Weile dauern, gibt Khan zu. Ungefähr eine Generation, vielleicht auch länger. Die Probleme hier liessen sich eben nur mit einer guten Portion Geduld lösen. Davon aber, hätten sie, die Amerikaner hier, inzwischen reichlich.


(Quelle: Stephan Kloss,Neu Delhi/ard/swr/werg)

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