Bürgersinn in Harlem

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Es ist 12 Uhr – Zeit für das Mittagsgebet. Abseits von den Männern, wie in der Moschee üblich, betet auch eine Frau. Ihr Name: Nura Ama´tullah.

Von Nura hängen hunderte von Familien ab. Wir sind im wohl härtesten Stadtteil von New York. Wir sind in der Bronx.

Fast eineinhalb Millionen Menschen leben hier. Aber vor allem wohnen hier eine gewaltige Menge sozialer Probleme. Auch dafür ist sie bekannt – die Bronx.

Immigranten, legal oder illegal, finden in die Bronx. Und darunter die Rapper mit ihrer Gettomusik und die Sprayer. Viel hat sich gebessert, aber viele Probleme sind auch geblieben.

Die Menschen, die sich hier versammeln und Schlange stehen, bekommen Nummern in die Hand. Und dafür gibt es später Lebensmittel. Die immer härtere Wirtschaftskrise fegt auch immer härter durch die Bronx.

„Es ist hart geworden hier, und die Schlangen werden länger,“ sagt Nura Ama´tullah. „Was sie hier sehen, ist das Ergebnis der Rezession. Das hier sind nicht unbedingt Leute, die keinen Job mehr haben. Aber ihr Lohn reicht nicht mehr, um die Familien durchzubringen.“

Wer hier steht, sieht nur noch diesen Ausweg an genügend Lebensmittel zu kommen – auch wenn er oder sie es auf dem Arbeitsmarkt probiert hat.

Sie hat drei Kinder. Sie hat keine Arbeit mehr und geht selbst noch wie ihre Kinder zur Schule, es ist hart, sagt sie.

Woher aber kommen eigentlich diese Lebensmittel in einer Garage in der Bronx, die hier an die Leute ausgegeben werden?

Es ist eine private Organisation, die das ganze auf die Beine stellt und die eigentliche Kraft dahinter ist Nura Ama´tullah. Sie wollte sich das alles nicht mehr ansehen, hat Sponsoren mobilisiert, bekommt finanzielle Unterstützung von der Stadt New York und brachte das Ganze auch mit Hilfe von Freunden und Freiwilligen ins Laufen.

„Mit dieser Versorgungsstelle haben wir zunächst drei Mahlzeiten für drei Tage zur Verfügung gestellt. Aber mit der Krise und den immer teureren Lebensmitteln ist das für die Menschen hier keine zusätzliche Ergänzung mehr, sondern absolute Notwendigkeit.“

Um die Ecke liegt das Institut muslimischer Frauen für Forschung und Entwicklung – Nura hat es vor Jahren gegründet. Aber sie helfen allen, egal welchen Glauben sie haben. Für rund 1800 Haushalte organisieren sie hier Lebensmittel.

Nura selbst stammt aus Trinidad, konvertierte zum Islam, in dem sie sich mehr zuhause fühlte als in anderen Religionen, studierte in Amerika, machte in mehreren Fächern brilliante Examina - und blieb. Gesellschaft, das ist für sie längst weit mehr als nur eine Ansammlung von Einzelghettos.

Eine Gesellschaft überlebt gemeinsam oder geht gemeinsam unter, sagt sie.
Mühsam unterdrückt sie ihren Ärger darüber, dass Spekulanten an der Wallstreet mit wenig Kontrolle gewaltige Staatshilfe bekommen. Nura ist auch eine kritische Intellektuelle.

Schneefall in der Bronx, der Weg zur Garage mit den Lebensmitteln wird beschwerlicher, aber sie kommen trotzdem, denn heute ist Kindertag. Einmal die Woche ist das so. Nura, die Intellektuelle, versteht sich aber auch als eine Art Sozialarbeiterin. Wie nebenbei zeigt und erklärt sie den Kindern, was gesundes Essen ist und zum Schluss darf sich heute jedes Kind auch ein kleines Spielzeug mitnehmen.

Unter den Besuchern ist heute auch Jamie, drei ihrer Kinder hat sie dabei, aber eigentlich hat sie fünf. Jamie wohnt nur ein paar Strassen weiter in der Bronx, wir dürfen sie besuchen. Es ist eine zweieinhalb Zimmerwohnung in der Jamie und ihre Familie wohnen und als wir dort ankommen stellt sich heraus, es sind nicht 5, sondern 12 Kinder, die derzeit hier unterkommen. Kinder von einer Freundin, die im Krankenhaus liegt und dann noch die ihrer Schwester.

Ihr Mann B.J. ist gerade zuhause, er arbeitet bei einer Sicherheitsfirma, doch das Geld reicht hinten und vorne nicht. Die beiden versuchen ihr Leben trotzdem zu organisieren.

„Ja, die Lebensmittel helfen vielen Familien hier in unserer Gegend, sie helfen, dass die Kinder genug gesundes zu essen zu bekommen. Es ist hart, sagt ihr Mann. Aber wir halten trotzdem den Kopf über Wasser und die Lebensmittel von Nura helfen dabei.

Nura unterwegs in Harlem, wo sie nebenher auch noch als ausgebildete Bibliothekarin arbeitet. In Harlem gibt es immer noch Stände mit Material zu Barack Obama, auf den sie hier stolz sind. Auch Nura. Wie sie hat er studiert, war auch mal Sozialarbeiter und auch für ihn war Gesellschaft früh schon viel mehr als nur eine Ansammlung von Gettos.

Ein Salsa Tanzclub am Ende eines harten Tages. Wer hierher kommt lernt Salsa tanzen, Alkohol gibt es hier nicht, aber dafür gute Musik.

Ausgerechnet hier treffen wir Nura Ama´tullah wieder. Nicht jeder ihrer Glaubensbrüder sieht es gerne, dass sie einfach hierher kommt und tanzt, aber auch hier geht sie ihren eigenen, besonderen Weg. Es geht um sie, ja, aber dann doch nicht nur:

„Ich brauche auch Freude, und das Tanzen bringt meinen Geist auf andere Wege, es macht mich wieder offen gerade für die Leute, die meine Hilfe brauchen.

Die Bronx, das ist New Yorks härtester Stadtteil. Aber die Bronx, das ist wahr, manchmal kann sie ganz weich sein.



(Quelle: New York Times/WS/werg)

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