Kartoffelläufer in den Anden

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Die peruanischen Anden. Immer höher geht es hinauf. Dort, wo wir hinwollen, enthält die Luft kaum mehr Sauerstoff. Mauro Quispe ist der Stammesführer der Aymara, und dieser Tag ist ein ganz besonderer für ihn. Aus dem Familienvater wird heute, am Ende der Erntezeit, der Vertreter seines Volkes. Ihm obliegt es, mit den Göttern zu reden. Hier an diesem heiligen Ort auf fast 5000 Meter - wo man ihnen ganz nah ist. Vorbereitung für das große Gebet, Mauro wird nur begleitet von drei Männern. Sie gehören einer anderen Indio-Ethnie an, den zähen, konditionsstarken Chopcca. Sie werden nach dem Ritual aufbrechen auf das Dach der Welt. Doch jetzt werden zunächst Kokablätter, Obst und Blumen geopfert... „Wir danken und wir beten, dass wir auch im nächsten Jahr eine gute Ernte haben. Wir bitten um den Segen der Erdgöttin Pachamama.“

 Auf der Suche nach neuen Sorten

nullUnd dann machen die Chopcca sich auf und davon: das, was sie suchen, wächst in Felsspalten und unter Granitplatten. Dort, wo es wenigstens einige Zentimeter Erdreich gibt... „Wir suchen immer nach neuen Kartoffelsorten: nach süßen, bitteren und wilden Kartoffeln, und besonders solchen, mit denen man Menschen heilen kann“ erklärt der Kartoffelläufer Pablo Soto Ortez. Die drei Kartoffelläufer haben uns geraten, ihnen nicht zu folgen. „Unsere Suche wird mindestens fünf Tage dauern“, haben sie gesagt, „und ihr werdet ab heute Nachmittag vor Kopfschmerzen nicht mehr wissen, wie ihr heißt!“ Höhenkrankheit, Soroche. Wir wünschen den drei Chopcca das beste und machen uns wieder auf den Rückweg. Der Dorfacker von San Jose de Aymara liegt immer noch auf über 4300 Meter. Hochbetrieb, denn es ist der letzte Tag der gemeinsamen Kartoffelernte. Es wird gebuddelt und gehackt, um auch die letzten Erdäpfel aus dem schon fast gefrorenen Boden zu holen.


nullPeru – die Heimat der Kartoffel. Über 3000 Arten hat man schon gefunden, und jedes Jahr werden es Dank der Kartoffelläufer mehr. Die Andenbewohner leben hauptsächlich von Erdäpfeln, 3 mal am Tag: gekocht, püriert und gebraten. Doch heute wird etwas besonderes gegessen: Als natürliche Kochplatte dienen heiße Steine, darauf werden gut hundert Kilo Kartoffeln verteilt. „Pachamanca“ heißt diese Jahrtausende alte Kochkunst der Anden, übersetzt „Topf in der Erde“. Dass heute ein Festtag für die 53 Familien von San Jose ist, sieht man daran, dass es ausnahmsweise Fleisch dazu gibt. Viel Fleisch. Die Pachamanca wird luftdicht verschlossen, mit einer Papierplane, Gräsern und einer Abdeckung aus Erde. Es riecht so gut, dass man unweigerlich Hunger bekommt. „Wir machen das, weil das Essen dann besser schmeckt als aus dem Topf“, sagt Aymara-Chef Mauro Quijada Quispe. „Die heißen Steine geben dem ganzen einen besonderen Geschmack.“

Vielfältige Variationsmöglichkeiten

nullZwei Stunden lang brutzelt der Andeneintopf jetzt erst mal vor sich hin. Genug Zeit, sich um die einzigartige Vielfalt des stärkehaltigen Rundlings zu kümmern, der viermal mehr Vitamin C als Äpfel oder Birnen enthält, und praktisch fettlos ist. Sieglinde oder Grata – das ist die Frage in deutschen Supermärkten. In Peru dagegen: Erdäpfel von A bis Z, von violett bis blau, von gewellt bis bananenförmig. Das Internationale Kartoffelinstitut in der Hauptstadt Lima ist das Fort Knox der Knollen. In den nächsten 20 Jahren wird die Weltbevölkerung jährlich um 100 Millionen Menschen wachsen, und die Ernährungsprobleme haben jetzt bereits begonnen. „Solanum tuberosum“ könnte dazu beitragen, diese in den Griff zu bekommen, denn sie wächst auch dort, wo Reis und Mais nicht mehr angebaut werden können. Das einstige Schmuddelkind hat sich gemausert zum viertwichtigsten Grundnahrungsmittel der Welt. Gentechnik, um die olle Knolle noch leistungsfähiger zu machen. Peruanische Wochenmärkte: ein Schmaus für den Gaumen und fürs Auge. Camote, Camotillo und Canchan, Mariba, Maria Legitima und Mashua. Fest oder weichkochend, früh- oder spätreif, mehlig oder körnig. Das nationale Nahrungsmittel bietet schwindelerregende Variationsmöglichkeiten, dazu kommen noch die anderen Verlockungen der Andenküche: Die Kartoffel - eine eigene Welt des Geschmacks.


nullZurück in San Jose de Aymara: die perfekt gegarten Erdäpfel haben sich mit den Lamm- und Lamakeulen zu einem Duft vermählt, der scheinbar das ganze Tal erfüllt. Bei Sonnenschein und fast Null Grad heißt es dann endlich: Mahlzeit! „Der Name dieser Kartoffel ist “Chiriruntus”. Das ist meine absolute Lieblingskartoffel“, meint Mauro Quijada Quispe, „weil sie so schmackhaft ist. Sie hat den Geschmack von Eigelb.“ Peru – die Heimat der Urkartoffel. Seit 8000 Jahren ernährt das Nachtschattengewächs ein ganzes Volk. „Wenn die Kartoffel eines Tages verschwinden würde, dann würde unser ganzes Volk hungern. Es ist unser Hauptnahrungsmittel: für die Kinder und für uns Erwachsene“, so Mauro Quijada Quispe. Pachamama, die Erdgöttin ist durch das Opfer wohlgestimmt, in Lima werden Gene separiert und die kopfschmerzfreien Kartoffelläufer sind unterwegs, um neue Knollen zu entdecken. In den Anden wird alles getan, um den Erdapfel am Leben zu erhalten: Für Peru, und - so sagen die Experten - wahrscheinlich für die Zukunft der ganzen Menschheit. Erstaunliche Karriere eines Kellerkindes.

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post