Im Knast in den Tod

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Seit Jahresbeginn 2009 haben sich in französischen Gefängnissen schon 26 Insassen das Leben genommen. Unabhängige Beobachter beklagen seit Jahren die katastrophalen Haftbedingungen in Frankreich: überfüllte und völlig verwahrloste Haftanstalten, Dreck und Ungeziefer auf der einen, mangelnde soziale Betreuung der Häftlinge auf der anderen Seite. Die Selbstmordrate stieg im vergangenen Jahr um 18 Prozent. Da wird jetzt selbst die als Hardlinerin bekannte Justizministerin Rachida Dati aktiv und gibt eine Studie zu den Ursachen in Auftrag. Ellen Ehni besucht betroffene Hinterbliebene und zeigt heimlich gedrehte Innenaufnahmen aus französischen Gefängnissen.


Dieser Mann wurde nur 22 Jahre alt. Raymond Cortes nahm sich das Leben, weil er das Gefängnis nicht mehr ertragen konnte. Er erhängte sich in seiner Zelle. Für die Hinterbliebenen ein Schock, von dem sie sich nur schwer erholen. Raymonds Freundin Denise muss den gemeinsamen Sohn nun alleine groß ziehen, er ist 20 Monate alt. Und auch der Vater hat den wichtigsten Halt in seinem Leben verloren. „Raymond ist vor einem halben Jahr von uns gegangen, aber es tut immer noch so weh.“ Für den Vater war Raymond der Mittelpunkt der Familie. Umso tiefer sitzt die Wut gegenüber der Gefängnisleitung – sie ist schuld am Selbstmord, sagen die Angehörigen, denn sie hat Raymond nicht vor seinen Mithäftlingen beschützt. „Als ich ihn besucht habe, da hatte er eine Beule und einen blauen Fleck unter dem Auge. Außerdem haben sie ihm in die Seite getreten, ich habe den Abdruck der Sportschuhe gesehen. Er wurde dauernd bedroht im Gefängnis. Die Mithäftlinge haben ihn abgezockt, sie wollten seine Schuhe, seine Wäsche, sein Radio, sein Essen.“

Hier wächst Raymond heran: in einem ärmlichen Viertel von Avignon. Er wird mehrfach wegen Kupfer-Diebstahls verurteilt und bekommt schließlich eine hohe Strafe zur Abschreckung – so sieht es das gerade erst verschärfte Gesetz für Wiederholungstäter vor. Raymond muss für drei Jahre in das Gefängnis: Avignon-Pontet. Die Anstalt gibt es erst seit fünf Jahren, doch in diesem Zeitraum haben sich schon 12 Häftlinge umgebracht. Das Gefängnis ist überbelegt: hier sitzen ein Drittel mehr Menschen ein als Plätze vorhanden sind. Was wirklich innerhalb dieser Mauern abläuft, dürfen wir nicht sehen geschweige denn filmen. Aber wir befragen den Rechtsanwalt von Raymond Cortes – er bereitet zur Zeit eine Klage gegen die Gefängnisleitung vor. „Raymond Cortes hat sich mehrfach über gewisse Mithäftlinge beklagt“ sagt Serge Billet. „Die wollten ihn zwingen, Drogen in das Gefängnis hinein zu schmuggeln. Und wenn er nicht spurte, dann wurde er geschlagen.“ Der Anwalt schreibt am 17. Juli 2008 zum ersten Mal an die Gefängnisleitung. Er will, dass sein Mandant in einen anderen Trakt verlegt wird. Doch weder auf dieses Schreiben, noch auf zwei weitere Briefe vom August bekommt der Anwalt eine Antwort. Am 12. September erhängt sich Raymond, weil er zutiefst verzweifelt ist. So wie er haben sich im vergangenen Jahr insgesamt 115 Häftlinge in Frankreich das Leben genommen.

In modernen Gefängnissen wie in Avignon-Pontet sind die Selbstmordraten am höchsten: hier steht die Sicherheit an erster Stelle, und der menschliche Kontakt an letzter. Die älteren Gefängnisse haben ganz andere Probleme, zum Beispiel Fleury-Mérogis, Europas größte Haftanstalt mit über 3.800 Insassen. Sie wurde in den sechziger Jahren in einem Vorort von Paris erbaut und ist ein einziger Problemfall. Schon lange sind Fernsehkameras hier unerwünscht, sogar von außen dürfen wir das Gebäude offiziell nicht drehen. Aber: es gibt diese Amateurbilder, illegal von Häftlingen aufgenommen und herausgeschmuggelt. Sie riskieren mehrere Monate Strafe, aber sie wollen, dass die Öffentlichkeit erfährt, wie es wirklich hinter den Mauern aussieht. Ob draußen oder drinnen – die Waschräume sind in einem katastrophalen Zustand. Die wenigen Duschen, die funktionieren, müssen sich die Häftlinge teilen. Kein Wunder, dass es in diesem Trakt Flöhe und Bettwanzen gibt. Ein Problem, das noch dadurch verschärft wird, dass die Insassen oft zu dritt oder zu viert auf 10 Quadratmetern leben. Zwischen den Zellen herrscht ein reger Austausch von Gegenständen aller Art. Die Bilder zeigen auch, wie eintönig und sinnlos der Gefängnisalltag ist – für zwei Drittel der Häftlinge gibt es keine Arbeit. Sie dürfen Essen kaufen, aber auf der Zelle nicht kochen. Sie machen es trotzdem, mit in Öl getränkten Lappen. Sport dient nicht nur zum Zeitvertreib, sondern auch, um sich gegen die Angriffe anderer Häftlinge zu wehren. „Es gibt auf dem Gefängnishof tote Winkel, die die Wächter aus Angst nicht betreten“, erklärt François Bès von der Organisation ‚Observatoire International des prisons’. „Dort rechnen die Häftlinge untereinander ab. Wer verletzt wird, muss sich bis zur Tür schleppen, um von den Wächtern aus dem Verkehr gezogen zu werden. Diese toten Winkel sind absolut rechtsfreie Räume.“

In Fleury-Mérogis haben sich im vergangenen Jahr vier Häftlinge umgebracht. Eine traurige Statistik, die die Mitarbeiter des „Observatoire international des prisons“ führen. Dieser unabhängige Verein untersucht die Haftbedingungen in Frankreich, und dass diese oft desolat sind, ist nicht neu. Schon zwei Mal wurde das Land vom Menschenrechtskommissar des Europarates verwarnt, zuletzt im vergangenen November: Die Anstalten seien im Schnitt zu 30 Prozent überbelegt; die Insassen seien Aggressionen ausgesetzt und medizinisch und psychologisch nicht ausreichend betreut. Justizministerin Rachida Dati will uns dazu kein Interview geben, verweist aber auf einen Bericht, den sie zur Zeit erarbeiten lässt. Titel: ‚Die Verhütung von Selbstmorden im Gefängnis’. „Nachdem, was wir bisher wissen, enthält dieser Bericht viele Vorschläge, wie Selbstmorde praktisch verhindert werden können: zum Beispiel durch mehr Kontroll-Rundgänge der Wächter, durch Papierhandtücher oder dadurch, dass nichts mehr an der Decke angebracht wird, woran man sich aufhängen könnte. Aber die wirklichen Ursachen für einen Selbstmord werden dadurch nicht bekämpft“, meint François Bès von der Organisation ‚Observatoire International des prisons’. Zudem dürfte sich die Lage in Frankreich noch zuspitzen: nach der Verschärfung des Strafrechts müssen immer mehr Menschen immer länger ins Gefängnis. Dadurch wird die Zahl der Häftlinge in den nächsten Jahren von 65.000 auf bis zu 80.000 ansteigen – nach eigenen Schätzungen der Justizverwaltung.


(Quelle: swr/werg)

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