Iraker suchen Zuflucht

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

In Sicherheit, aber vor dem Nichts

Schwester und Bruder umarmen sichSan Diego, Kalifornien. Szenen, die sich so Woche für Woche abspielen: Irakische Flüchtlinge begrüßen Familienmitglieder, die es ebenfalls in die USA geschafft haben. Fareal hat ihren Bruder Fahmi zwei Jahre nicht gesehen, jetzt muss auch er mit Frau und Tochter ein ganz neues Leben anfangen.

Kinder spielen auf der Straße - für die Neuankömmlinge ungewohnte friedliche Bilder. Zuhause lebten die chaldäischen Christen in ständiger Angst vor muslimischen Extremisten und Kriminellen. Zu acht werden sie jetzt zunächst bei der Schwester leben - auf 90 Quadratmetern. Eine eigene Wohnung, Möbel, ein Auto gar - das bleibt ein Traum bei 600 Euro monatlicher Unterstützung.

Fahmi:
"Ich muss jetzt unbedingt eine Arbeit finden, und ich würde mir auch gerne Kalifornien ansehen."

Irakische Diaspora in den USA

Ein irakisches GeschäftEl Cajon ist die zweitgrößte irakische Diaspora in den USA: 10.000 Flüchtlinge leben hier bei San Diego. Die Geschäfte heißen Ali Baba oder Babylon, Sonderangebote auf Arabisch an den Schaufenstern. Die Bush-Regierung ignorierte das Problem der irakischen Flüchtlinge viele Jahre. Erst seit kurzem nimmt Washington deutlich mehr Emigranten auf.
Kamil kam vor zwei Jahren nach einer abenteuerlichen Flucht illegal über die mexikanische Grenze hierher und beantragte erfolgreich Asyl.

Nach acht Monaten in die Sozialhilfe

Der irakische Flüchtling KamilKamil:
"Vorher hatte ich nur Gutes über Amerika gehört: Da gäbe es Jobs, hieß es. Aber als ich ankam, merkte ich: Es gibt keine Arbeit. Und dann", meint der ehemalige Ölarbeiter verbittert, "habe ich nur acht Monate lang einen Scheck bekommen über 359 Dollar."

Das meiste hier ist unerschwinglich für Kamil. Wer als irakischer Flüchtling nach acht Monaten keine Arbeit gefunden hat, bekommt nur noch Sozialhilfe. Seit kurzen hat Kamil einen Teilzeitjob: neun Dollar pro Stunde. Damit kann er gerade überleben, mehr aber nicht, in seiner neuen Heimat.

Nur mit Hilfe eines Dolmetschers verstehen die Neuankömmlinge aus Bagdad, Kirkuk oder Falludja den Einführungskurs.

Lehrerin:
"Wenn sie die Notrufnummer 911 wählen, muss Ihr Englisch nicht gut sein, keine Angst: Sagen sie nur: Hilfe, ich kann kein Englisch. Und legen sie dann bitte nicht auf."

Noch einmal von vorne anfangen

Die ehemalige Dolmetscherin BushraViele der Flüchtlinge müssen jetzt wie hilflose Kinder noch einmal von vorne anfangen. Aber die meisten sind froh, zumindest Ihr Leben gerettet zu haben. Besonders Übersetzer für die amerikanischen Militärs lebten in ständiger Todesangst. Menschen wie Bushra wurden von den Extremisten als Kollaborateure gehasst, fast 300 von ihnen wurden ermordet. Nach fünf Jahren voller Angst erhielt Bushra jetzt die Einreiseerlaubnis.

Bushra:
"Es ist alles ganz anders hier, aber die Leute sind so nett."

Ihre Familie sah sie kaum in Bagdad, sie lebte bei den Militärs in der Sicherheitszone.

Bushra:
"Es war so gefährlich, ich konnte nur einmal im Monat meine Kinder besuchen, für vier Tage."

Bushras Mann wurde von Islamisten entführt. Sie musste ihn mit ihren Ersparnissen freikaufen. Jetzt haben sie nichts mehr.

Die Wirtschaftskrise macht die Hoffnungen zunichte

Ein irakischer Vater mit seinem SohnKamil ist nach zwei Jahren enttäuscht von den USA: Er lebt in einem kleinen Wohnkomplex mit Swimmingpool, der einzige Luxus hier. Sein kleines Apartment kostet umgerechnet 600 Euro Miete. Zuviel - er muss es mit Salem teilen, einem Landsmann.

Kamil:
"Alles hier ist nicht gut. Kein Job. Und wenn Du einen hast, gibt es wenig Geld."

Es gibt nur ein Schlafzimmer, die Couch im Wohnzimmer ist Salems Schlafplatz. Essen gehen sie selten, meist gibt es Reis und Gemüse, weil das Geld so knapp ist. Heute allerdings grillt Karim - irakische Gastfreundschaft. Salem ist schwer krank, erzählt er, irgendetwas mit der Leber. Aber Geld für eine Untersuchung hat keiner von ihnen.

Kamil:
"Salem hat genauso wie ich keine Krankenversicherung. Und was soll ich tun ohne Geld? Wie soll ich da einen Krankenwagen, einen Arzt oder die Klinik bezahlen?"

Nur während der ersten acht Monate zahlen die Behörden Irakflüchtlingen eine Krankenversicherung. Wer dann noch keinen Job gefunden hat, lebt gefährlich. Auch die Pflegekraft dieser Behinderten ist von den Behörden gestrichen worden, sagt sie. Kalifornien ist fast pleite. Wer wie diese Iraker auf amerikanische Großzügigkeit hoffte, hat sich geirrt.

Ein anderer Iraker sagt uns:
"Ich denke, für irakische Flüchtlinge ist es besser, in ein anderes Land zu gehen."

Kamil:
"Nein, sie verhalten sich nicht gut den Irakis gegenüber, vor allem nicht in Kalifornien."

Trotz Grill und Pool ginge er morgen zurück nach Bagdad, sagt Kamil, wenn es dort nur sicher wäre. Die Wirtschaftskrise in den USA hat all seine Hoffnungen zunichte gemacht, hier mehr als diesen Job als Wächter zu bekommen. Seine Frau und zwei Kinder, die nach Deutschland flohen, hat er seit drei Jahren nicht mehr gesehen.

Getrennte Familien

Die Leiterin des EinwanderungszentrumsAbends treffen wir Bushra und ihre Töchter wieder. Die Übersetzerin zeigt uns den amerikanischen Offizier, der ihrer Familie in Bagdad half, als bedrohte Flüchtlinge anerkannt und ausgeflogen zu werden. "Ein guter Mensch", sagt sie. Doch für ihre Schwester kam all das zu spät. Bushra hatte sie überredet, auch für die Amerikaner zu übersetzen, in derselben Einheit.

Bushra:
"Als sie einmal nachhause ging, haben Terroristen sie getötet."

Jetzt, wenn die Amerikaner aus den Städten abziehen, wird alles noch schlimmer werden, glaubt Bushra.

Bushra:
"Mein Bruder, meine Schwester und meine Eltern sind noch immer da."

Einwanderer, Schmelztiegel Amerika, die Chance auf ein neues Leben? Jetzt, in der schwersten Rezession seit langem, ist das noch härter als sonst schon. Sie bekommen Impfungen, Sprachkurse, Startkapital - doch dann US-Kapitalismus pur.

Die Leiterin des Einwandererzentrums:
"Sie kommen ja nicht für einen besseren Job her, sondern um ihr Leben zu retten. Der Start ist vielleicht hart, aber wenn bessere Zeiten kommen, können sie Teil des amerikanischen Traums werden."

Fahmi und seine Familie sind am Tag nach ihrer Ankunft auch hier, um Papierkram zu erledigen und ihre Schecks abzuholen: Das kleine Startkapital. Jetzt haben sie genau acht Monate, um auf eigenen Beinen zu stehen.


(Quelle: ws/ard/werg)

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