Kino im Gottesstaat

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Teheraner Filmfestival

Filmfestival in Teheran - KinosaalEs ist der gesellschaftliche Höhepunkt im Gottesstaat. Wer am Teheraner Filmfestival teilnehmen darf, der gehört zu dem Kreis der Künstler, bei denen die Regierung nicht ganz so streng auf islamische Sitten und Gebräuche achtet. Schließlich handelt es sich um Stars, die bei den Leuten beliebter sind als die meisten Politiker. Diese Gelegenheit lässt sich sogar der Revolutionsführer nicht entgehen. Per Videobotschaft fordert Ajatollah Chamenei: Ein Film müsse Hoffnung und Halt geben.

Dafür sorgen die Sittenwächter und der Kulturminister. Ohne seine Genehmigung darf in Iran kein Filmprojekt begonnen werden.
Umso erstaunlicher bei dieser rigiden Regie, dass ausgerechnet beim Filmfestival es jemand wagte, dies als Zensur zu kritisieren.
Die Schauspielerin Nassir Pour wies unter Beifall darauf hin, dass einige Filme nur deshalb hier nicht gezeigt werden dürfen, weil sie den Kulturbeamten nicht gefallen haben. Das Bemühen der Kollegen um Qualität sei oft umsonst.

Wie das Regime zensiert

Menschenschlange vor der KinokasseWährend der Festivalwoche werden in den Kinos der iranischen Hauptstadt auch neue Filme aus dem Ausland gezeigt. Der Andrang ist deshalb so groß, weil nur während dieser Tage die Filme unzensiert und in voller Länge zu sehen sind. Um eine Karte zu bekommen stehen die Menschen hier auch schon einmal drei Stunden an.

Verständlich, wenn man das normale Kinoprogramm betrachtet. Bei den etwa 70 Filmen, die pro Jahr in Iran genehmigt und gedreht werden, ist das Interesse des Publikums geringer.

Und Filme aus dem Ausland gibt es nur in sittenstrenger Version. Da wird in mühsamer Trickarbeit das Kleid über das Knie verlängert. Und das Dekollete in der Originalversion sieht nach der Arbeit des Zensors äußerst züchtig aus. Streng wird auch jede Alkoholflasche verbannt. Zu sehen ist dann nur noch ein Glas, in dem auch Wasser sein könnte. Beim Tanz verstehen die Sittenwächter überhaupt keinen Spaß. Er wird prinzipiell herausgeschnitten.


Der Schwarzmarkt bietet alles

Koffer mit SchwarzmarktfilmenDie internationalen Filme sind dann nach der Zensur oft 20 Minuten kürzer. Dafür haben sie jedoch vom Kultur- und Führungsministerium ein amtliches Zertifikat erhalten: Betrachten unbedenklich.

Wer dennoch nicht auf Originalfilme verzichten will, dem steht ein umfangreicher Schwarzmarkt zur Verfügung. Auf Wunsch kommt der Händler auch in die Wohnung. Vom Porno bis zur Hollywoodschnulze - zwar streng verboten, doch das Geschäft mit den Raubkopien blüht. Schwarzmarkt und Zensur – das sind große Herausforderungen für die etwa 300 iranischen Regisseure.

Kamal Tabrizi ist einer der bekanntesten.
Mit kleinem Team und geringem Aufwand dreht er gerade, wie ein reicher Mann zusammen mit seinem Diener eine Pilgerfahrt plant. Ein heikles Thema. Immer wenn es um Religion geht, wird das Drehbuch besonders unter die Lupe genommen. Da gibt es rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen.
Tabrizi reizen gerade die roten Linien:
"Man muss an diese Grenzen so nahe herangehen wie möglich. Man darf sich auch nicht einschüchtern lassen. Die Verbote sind doch abhängig von Personen. Was die heute verbieten, wird morgen vielleicht von anderen erlaubt. Also denke ich nicht an den Zensor sondern an den Zuschauer, dem ich eine spannende Geschichte bieten muss."


Frontalangriff auf die Mullahs

Ein Mullah aus dem Film Spannend war sein letzter Film. In „Marmulak“ hat er sich in so befreiender Weise über die Mullahs lustig gemacht, dass der Film dabei war, alle Rekorde zu brechen.
Auf Druck von ganz oben wurde er deshalb abgesetzt.

In den legalen Videotheken kann man die Mullahkomödie immerhin noch bekommen. Die iranischen Filme, die hier offiziell angeboten werden, sind alle der Zensur mehr oder weniger abgetrotzt. Kreativität lässt sich nicht unterdrücken. Im Gegenteil. Der Zensor ist eine Herausforderung.

Mit dem Silbernen Bären wieder zurück in Teheran empfindet auch Schauspieler Reza Naji diesen Preis als Zeichen dafür, dass der Welt nicht ganz egal ist, mit was die Künstler in der Islamischen Republik zu kämpfen haben.

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