Briefträger als Held der Slums

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Die Riesenstadt Manila, zwölf Millionen Menschen, darunter 1042 Briefträger. Und er ist das leuchtenste Vorbild seines Berufstandes. Superpostbote und Liedermacher: Floro Camote.

Einer der unzähligen Slums der philippinischen Hauptstadt. Die schlammigen Gassen sind sein Revier. Alle kennen den fröhlichen Mann von der Post, der jeden Brief zustellt – egal, wer im Weg steht. Betrunkene haben ihn mehrfach bedroht, mal mit Messern, mal mit einem Hammer. Ein Hundebiss hat den 47jährigen ins Krankenhaus gebracht. In Manila gibt es einfachere Bezirke.

„Aber ich arbeite lieber in den ärmeren Gegenden. Hier treffe ich die Menschen jeden Tag. In den reichen Bezirken sieht man die Hausbesitzer doch gar nicht. Die arbeiten oder sind sonst wo. Aber hier bin ich mitten im Leben.

Floro Camote hat immer ein offenes Ohr, ein nettes Wort. Und für Maria hat er einen Brief von einer Familie aus Kanada, die eine Zeit lang ihre Ausbildung unterstützt hat. Dann bekam Maria ein Kind, brach die Schule ab. Die Kanadier fragen, wie es ihr geht. Floro kennt die Antwort: Nicht so gut, sie hat kein Geld, keine Perspektive – wie fast alle hier.

Das Leben des Postboten – heißt eines seiner Lieder: Freundlich klopfen wir an Eure Türen. Auch wenn es uns mal nicht gut, erfüllen wir unsere Pflicht.

Früher hatten hier 200 Haushalte eine Adresse: Den Namen des Viertels – das ist typisch für die Slums. Briefe kamen oft spät oder nie an. Dann erhielt Floro Camote den Bezirk. Er schlug seinen Chefs vor, auch hier Straßennamen und Nummern einzuführen. Jetzt hat im Slum alles seine Ordnung, die Post kommt pünktlich an. Und eine Straße wurde nach dem Initiator benannt.

Die Adressen machen ihm seitdem noch mehr Freude. Hier wurde die Hausnummer allerdings versehentlich übermalt. Ein Kugelschreiber reicht: Das ist sie wieder: Camote-Strasse 1.

Mittagspause: Auch nach vielen Jahren als Postbote arbeitet er gerne, kein Tag sei langweilig.

„Wenn ich Briefe bringe, mache ich Menschen glücklich. Und sie wissen, meine Arbeit zu schätzen. Manchmal sehe ich, dass sie traurig sind. Aber ich bringe sie zum Lächeln, dafür lohnt sich die Arbeit schon.“

Gerade hat er eine der höchsten Auszeichnungen des öffentlichen Dienstes erhalten: für sein Pflichtbewusstsein und die guten Ideen. Das Preisgeld reichte für ein Moped und die Schulden.

Gut 160 Euro im Monat verdienen die Postbeamten. Bei ihm reicht das, um die drei Kinder zur Schule zu schicken. Mit dem Rest des Geldes kommt die Familie über die Runden. Er wollte eigentlich Sänger werden. Es kam anders: Er musste die Schule abbrechen, aus Geldmangel. Dann bekam er den Job bei der Post. 60 Lieder hat er trotzdem schon geschrieben, gelegentlich singt er sie in einer Bar.

„Ich möchte, dass meine Familie eine sichere Zukunft hat. Das treibt mich an. Schön wäre es, wenn eines meiner Kinder auch bei der Post arbeiten würde, aber sie haben, glaube ich, andere Pläne. Hauptsache sie beenden die Schule und finden etwas, was sie glücklich macht. Ich weiß, wie schwer das Leben ist, wenn man keinen Abschluss hat.

Manchmal beißen uns Hunde, oder rüde Menschen machen uns Ärger – aber wir rufen der Welt trotzdem voller Stolz entgegen: Wir sind Postboten.

Straßenkinder hören ihm zu. Eine Hilfsorganisation hat ihn gebeten, den Kindern etwas über seine Arbeit zu erzählen. Aber er will ihnen mehr mit auf den Weg geben: Egal welcher Beruf, arbeitet hart, glaubt an Eure Träume. Und im Verkehr sollen sie aufpassen: Bei einem Unfall auf dem Heimweg von der Arbeit hat er fast seinen Unterschenkel verloren. Bis heute hat er Schwierigkeiten beim Laufen.

In seinem Bezirk gibt es auch einige schönere Häuser. Floro Camote erfährt immer den letzten Tratsch, wer ist schwanger, wer schon wieder arbeitslos. Die meisten Ideen für seine Liedertexte bringt er daher von der Arbeit mit. Manchmal soll er zum Essen bleiben, vor allem wenn er gute Nachrichten überbringt. Und Weihnachten bekommt er Geschenke. Briefe, die nie geschrieben wurden, gehören zu seinen traurigsten Erlebnissen.
„Ein Vater arbeitete im Ausland, um für die Familie hier Geld zu verdienen. Aber eines Tages kamen keine Briefe und kein Geld mehr an. Irgendwann hieß es, er lebe bei einer anderen Familie. Seine Frau stand mit drei Kindern alleine da – ohne Ernährer.“

Einen Brief kann er heute nicht zustellen: Eine Gerichtsvorladung, die müsste unterschrieben werden. Die Besitzerin hat das Haus an die Bank verloren, auch anderen schuldet sie Geld. Sie ist vermutlich abgetaucht, das kommt häufiger vor. Der Nachbar weiß auch nicht, wo sie ist.

Am frühen Abend ist seine Tour beendet. Vor kurzem hat seine Familie erfreuliche Post erhalten. Ihre älteste Tochter Joan hat die Aufnahmeprüfung für die beste Universität von Manila bestanden. Der Vater ist stolz, allerdings betragen die Studiengebühren betragen ein Drittel seines Jahresgehaltes. Mit Gottes Hilfe – hofft er, wird es irgendwie gehen.

Dann singt er sein neuestes Lied: Mein Herz ist gebrochen, heißt es da, denn Du bist schwanger, aber ich bin nicht der Vater. Auch das ist ihm begegnet auf Postboten-Touren in den Strassen von Manila.

(Quelle: WS)

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