Einfluss der Geschwister

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Prägt die Geburtenfolge die Persönlichkeit?

Frank Sulloway am SchreibtischUnsere Geschwister und der Umgang mit den Eltern formen unsere Persönlichkeit. Doch gibt es Regeln, die universell für alle Familien gelten? Der amerikanische Forscher Frank Sulloway ist überzeugt, statistisch nachweisen zu können, dass unser Platz in der Geburtenfolge bestimmt, ob wir Revoluzzer werden oder uns eher konservativ entwickeln. Eigentlich ist Frank Sulloway studierter Wissenschaftshistoriker - Spezialgebiet: Charles Darwin und die Evolutionstheorie. Doch bald ließ ihn bei seinen Studien eine Frage nicht mehr los: Wieso war es ausgerechnet Charles Darwin, der die revolutionäre Theorie veröffentlichte? Die biologischen Grundlagen, die Daten und Beobachtungen der Natur waren allen Naturforschern der Zeit über zwanzig Jahre bekannt. Doch es wagte niemand, sich gegen das herrschende Dogma von Kirche und etablierter Wissenschaft zu wenden.

Was macht einen Menschen zum Revolutionär der Wissenschaft?

Durch das Studium von Charles Darwins Biografie und der einiger Mitstreiter entwickelte Frank Sulloway die Idee, dass es eine besondere Veranlagung der Persönlichkeit sein könnte, die einen Forscher zu einem wissenschaftlichen Revolutionär macht. Gibt es vielleicht sogar Einflüsse, die sich in allen Lebensläufen wiederfinden lassen? Sulloway machte sich an die Arbeit und sammelte von 230 Befürwortern und Gegnern der Evolutionstheorie des 19. Jahrhunderts alle Daten, derer er habhaft werden konnte: vom Beruf der Eltern über die Zahl der Weltreisen bis zu religiösen Überzeugungen; insgesamt rund 200 Punkte für jede der untersuchten Personen. Diese Daten wertete Sulloway statistisch aus - eine Methode, die zwar in der Psychologie gängig, in der Geschichtsforschung jedoch mehr als ungewöhnlich ist. Das Ergebnis war eine große Überraschung: Denn es war vor allen Dingen eine Eigenschaft, die sich dazu eignete, vorauszusagen, ob ein Wissenschaftler damals die Evolutionstheorie befürwortete oder ablehnte: der Platz in der Geburtenfolge. Unter den Gegnern fanden sich hauptsächlich Erstgeborene, unter den Verfechtern hauptsächlich Spätgeborene. Nach Sulloways Daten war es für einen Spätgeborenen fünfmal wahrscheinlicher als für einen Erstgeborenen, dass er die Evolutionstheorie unterstütze.

Spätgeborene sind rebellischer, Erstgeborene konservativer

Porträt Charles Darwin mit Liste von erhobenen DatenDer Effekt der Geburtenfolge zeigt sich in den Daten zur Evolutionstheorie so deutlich, dass Frank Sulloway beschloss, auch andere wissenschaftliche Revolutionen zu untersuchen. In jahrelanger Fleißarbeit trug er die biographischen Daten von rund 4000 Personen zusammen, die sich am Disput um insgesamt 28 wissenschaftliche Revolutionen beteiligt hatten - vom heliozentrischen Weltbild des Nikolaus Kopernikus über die moderne Chemie Lavoisiers bis zur Relativitätstheorie Albert Einsteins. Überall entdeckt Sulloway dasselbe Prinzip: Erstgeborene sind eher Verfechter des Status quo, während Spätgeborene und besonders die Letztgeborenen neue Theorien unterstützen, die im Widerspruch zur gängigen Lehrmeinung stehen. In seinen Daten findet er sogar einen Zusammenhang mit der Radikalität des Umbruches. Je radikaler die neue Idee, desto wahrscheinlich ist es, dass nur Spätgeborene sie unterstützten.

Evolutionäre Psychologie

Sulloways Ergebnisse passen gut zum Bild, das die sogenannte evolutionäre Psychologie Anfang der 1990er-Jahre entwirft: Danach konkurrieren Geschwister um die Aufmerksamkeit und Liebe ihrer Eltern. Nach dieser durchaus umstrittenen Theorie versuchen die Erstgeborenen ihre Stellung dadurch zu festigen, dass sie die Wertvorstellungen der Eltern übernehmen, sich eher konservativ verhalten und ihre Geschwister dominieren. Mittlere Kinder müssen sich eine andere Rolle suchen, um sich vom Erstgeborenen abzugrenzen. Sie sind häufig umgänglicher, verhandeln lieber, als zu kämpfen. Letztgeborene müssen wiederum eine Nische finden, um von den Eltern als einzigartig wahrgenommen zu werden. Sie entwickeln sich deshalb häufiger zu experimentierfreudigen, kreativen und auch rebellischen Menschen. Sulloway ist sich sicher, den Mechanismus gefunden zu haben, der manche Wissenschaftler zu Konservativen und manche zu Umstürzlern macht.

Von der Reformation bis zum US-Supreme Court

Typische Charakterzüge von Erst- und Spätergeborenen Um seine Theorie zu testen und das Bild abzurunden, holte Frank Sulloway zum Rundumschlag aus. Er bezog jetzt auch religiöse und politische Verwerfungen in seine Untersuchung mit ein. Allein zwei Jahre verbrachte er damit, die Biografien aller 893 Deputierten der französischen Nationalversammlung und ihre Einstellungen in der Französischen Revolution zu recherchieren. Er untersuchte die Reformation, die amerikanische Bürgerrechtsbewegung und das Abstimmungsverhalten der US-amerikanischen Bundesrichter seit der Gründung des Obersten Gerichts (dem Supreme Court) im Jahr 1789. Die überwältigende Mehrheit der Daten stützt seine Theorie. Weniger wissenschaftlich aber mit großer Begeisterung spürt Sulloway dem Effekt auch bei Prominenten und Schauspielern nach: Nach seiner Beobachtung spielen Erstgeborene wie John Wayne, Bruce Willis und Humphrey Bogart eher dramatische Rollen. Die Spätergeborenen spezialisieren sich seiner Beobachtung nach eher auf Komödie. Charlie Chaplin war das jüngste von drei Kindern, Eddie Murphy ist der Zweite von Zweien, Danny DeVito der Jüngste von Dreien.

Obwohl er das Prinzip der Geburtenfolge überall wiederfindet, sieht Sulloway in dem Effekt auf die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen nur einen – wenn auch wichtigen - unter vielen. Für den Alltag der meisten Menschen hat die Geburtenfolge durchaus einen Einfluss. Erbanlagen und Geschlecht spielen seiner Meinung nach eine noch mächtigere Rolle. Doch in Situationen des Umbruchs, da ist sich Frank Sulloway sicher, ist der Rang unter den Geschwistern ein entscheidender Einfluss.

(Quelle: sulloway.org/wdr/epa/werg)

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