Operation im Ausland

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Privileg Privatbehandlung

Eva Leandersson wollte nicht warten  
Eva Leandersson ist mit dem Frühzug von Göteborg nach Stockholm gekommen. Sie hat Brustkrebs. Entdeckt wurde der Tumor bei einer Routinemammographie im Dezember. Erst acht Wochen später, im Februar, bekam sie die Diagnose, und erst Ende April sollte sie operiert werden. Solange wollte die 52-Jährige nicht warten.

Als wir Eva treffen, ist es Mitte März. In drei Stunden wird sie operiert in dieser Stockholmer Privatklinik. Sechs Wochen vor dem Termin im staatlichen Krankenhaus. Trotz der Belastung will sie noch vor der Operation mit uns reden. Damit sich auch andere Frauen trauen, gegen die langen Wartezeiten zu protestieren.

Eva Leandersson, Brustkrebspatientin:
“Wenn man weiß, ich hab da etwas, dann will man doch, dass das weggemacht wird. Ich hab mir gesagt, jetzt muss etwas passieren. Man hat ja auch große Angst. Krebs, das ist hart. Ich hab mich gefragt, ob ich jetzt sterben muss.“

Eva, die selbst Krankenschwester ist, sagt, ich bin privilegiert, dass ich mich in dieser privaten Einrichtung operieren lassen kann. Ihr Arbeitgeber hat für alle Mitarbeiter zusätzlich eine private Versicherung abgeschlossen. Vom staatlichen Gesundheitssystem fühlt sich Eva allein gelassen.


Die Wartezeiten: Gut für die
Privaten

Ärztin Eva af Trampe: Durch die Wartezeiten bekommen die Privatkliniken ihre PatientenIhre Ärztin kennt das. Der private Bereich, erzählt uns die Brustkrebsspezialistin unumwunden, profitiert von den langen Wartezeiten in der öffentlichen Pflege: “Wir bekommen so unsere Patienten.“

Eva af Trampe, Ärztin in der Klinik Sophiahemmet:
“Die Schlangen entstehen zum Teil auch, weil das System eher auf die Arbeitsbedingungen für die Angestellten achtet. Vor allem aber wegen der Finanzen. Die Pflege muss wirtschaftlich sein. Geld entscheidet darüber, was wir leisten können.“

Das schwedische Gesundheitswesen ist steuerfinanziert. Alle sollen den gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Schweden, das Volksheim. In der Theorie existiert das Gleichheitsprinzip noch, in der Praxis längst nicht mehr. Wer es sich leisten kann, zahlt zusätzlich zu den hohen Steuern für eine private Versicherung.

Gefährliche Wartezeiten  

Krebspatientin Ingrid Hard af Segerstad Die Regierung weiß um das Problem. Sie hatte sich das Ziel gesetzt, dass niemand länger als drei Monate auf einen Termin beim Spezialisten warten muss. Doch auch das ist bisher nur vereinzelt gelungen.

Tobias Nilsson vom schwedischen Gesundheitsministerium:
“Medizinisch gesehen liegen wir international an der Spitze, aber wenn es darum geht, ob die Patienten Zugang zum System haben, da sind wir leider am unteren Ende.“

Das Karolinska-Krankenhaus in Stockholm ist so ein Beispiel. Anerkannt für seine medizinische Forschung und die Behandlung besonders schwerer Fälle. Doch zugleich gibt es lange Wartezeiten.

Für Ingrid vielleicht zu lange. Erst drei Monate, nachdem bei ihr Lungenkrebs diagnostiziert worden war, konnte sie hier behandelt werden. Inzwischen hat sie Metastasen im Gehirn. Die wurden nur zufällig entdeckt.

Ingrid Hard af Segerstad, Krebspatientin:
“Man weiß ja nicht, ob die lange Wartezeit dafür verantwortlich ist, dass der Lungenkrebs gestreut hat. Und man weiß auch nicht, ob die Metastase schon vorher da war. Es ist also nicht ganz klar, wie viel die drei Monate meinem Körper angetan haben.“

Jetzt, nachdem sie endlich behandelt wird, ist Ingrid zufrieden. Eine entspannte Atmosphäre, die ihr gut tut, genauso wie denen, die hier arbeiten. Medizinisches Personal aus Deutschland kommt deshalb gerne nach Schweden. Keine Hierarchien, ausreichend Zeit für Kaffeepausen - Ingrids Arzt verteidigt das System.

Hirsh Koyi, Oberarzt Karolinska Krankenhaus, Stockholm:
“Pausen sind notwendig. Dann kann man sich fünf oder zehn Minuten hinsetzen, mit Kollegen reden und Kaffee trinken, um runterzukommen. Ein Patient will einen ausgeglichenen Arzt treffen, der nicht gestresst ist.“

Einen Ausweg aus dem Wartedilemma sieht Hirsh Koyi in mehr Personal und mehr Geld. Doch auch im Karolinska muss gespart werden.

Eine Geschäftsidee aus der Not

 Leif Lundqvist bringt kranke Schweden nach DeutschlandIn Uppsala haben die langen Wartezeiten ein deutsch-schwedisches Ehepaar zu einer Geschäftsidee inspiriert. Christa Sandin und Leif Lundqvist betreiben in ihrer Wohnung eine Art Vermittlungsagentur für Patienten. “Sind auch Sie des Wartens müde?“ Damit wirbt Fecit. Die beiden bekommen eine Gebühr und suchen für die Kranken eine Behandlungsmöglichkeit in Deutschland. Viele Schweden, sagen sie uns, wissen gar nicht, dass es woanders nicht solche Schlangen gibt. Hier glaubt man, dass Warten etwas ganz Normales ist.

Leif Lundqvist, Vermittlungsagentur "Fecit":
“Ältere und Menschen mit geringer Ausbildung sind meist die, die warten. Sie bekommen keinen Platz. Die, die schneller behandelt werden oder sich Hilfe im Ausland suchen, das sind die Gebildeten; die, die Geld haben und zusätzlich privat versichert sind. Die haben eine Lösung gefunden.“

Fecit hilft seinen Kunden außerdem, die Kosten, die im Ausland anfallen und vorgestreckt werden müssen, von der schwedischen Versicherung zurückzubekommen.

Ingun Montgomery sieht Fecit als ihre Rettung. Sie hatte nach einem Unfall in Sri Lanka eine gebrauchte Hüftprothese eingesetzt bekommen, die ihr von Anfang Schmerzen bereitete. Doch in Schweden wollte man sie nicht noch einmal operieren. “Keine freien Kapazitäten“, so die eine Begründung, die andere: “Zu schwierig.“ Nach der ersten Untersuchung in Deutschland wollte die 72-Jährige ihrer Heimat noch eine Chance geben. Doch wieder hieß es, man könne nichts machen.

Ingun Montgomery, Orthopädiepatientin:
“Das ist ein bisschen peinlich. Das meinten auch die Leute in Frankfurt. Schweden hat doch einen sehr guten Ruf. Aber sie wussten ja nichts von den Schlangen, den Wartelisten und dass alles so schrecklich lange dauert.“

Eva Leandersson konnte es sich leisten, nicht einfach auszuharren: dank ihrer privaten Versicherung. Das Ergebnis gab ihr Recht. Der Tumor in ihrer Brust hatte noch nicht gestreut. Einen Tag nach der Operation fuhr sie nach Hause, nach Göteborg.


(Quelle: ARD Stockholm/werg)

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