Halt im Extremismus

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ein Leben, in dem nichts gelang

Ein junges MädchenMounia ist 14 Jahre alt, und sie sieht zum ersten Mal den Ort, an dem die Leiche ihres Bruders gefunden wurde. Ermordet. Wie der Tote gefunden wurde, schildert ihr Vater.

Abdessalam Mohand:
"Hier haben sie Salam hingeworfen, meinen Sohn. Und darüber Rachid, seinen Freund. Einer hier, einer dort. Das Schwarze, das man immer noch sieht, das ist Blut. Identifiziert haben sie meinen Sohn durch seinen Ohrring. Das Gesicht war nicht zu erkennen, denn die Mörder hatten eine zersetzende Flüssigkeit über die Leichen geschüttet, um Gesichter und Hände unkenntlich zu machen."

Mounia Mohand:
"Es scheint mir unglaublich, auch wenn ich weiß, dass es die Wahrheit ist. Ich weiß dass jeder sterben muss. Aber doch nicht so, das hat keiner verdient."

Wir sind im Norden Marokkos. Um die ganze Geschichte von Mounia und ihrem ermordeten Bruder zu hören, müssen wir ein Stück fahren - Richtung Meer. Da unten liegt Melilla. Die Stadt gehört nicht zu Marokko, sondern zu Spanien. Eine Art Kolonie. Dort lebt Mounia.

Die ganze Familie hat sich versammelt, um uns vom toten Salam zu erzählen - von einem Leben, in dem nichts gelang. Salam war arbeitslos, wie die meisten Jugendlichen im Viertel. Sein Unglück begann, glauben seine Verwandten, als er sich einer Gruppe religiöser Fundamentalisten anschloss.

Der Cousin Rachid Mohamedi:
"Er hatte immer gerne Musik gehört, hat Autos gemocht. Aber dann, als er unter diese Leute geriet, hat er sich radikal verändert. Er grüßte uns nicht mehr, niemanden von uns, er aß nicht mehr zuhause, weil das Essen, wie wir es zubereiten, unrein sei."

Mounia:
"Er war nicht mehr er selbst. Er redete nur noch über Religion, Religion, Religion. Was man alles nicht darf: keine Musik hören, kein Kino. Und dann fing er an und ließ sich einen Bart wachsen. Da wussten wir: Diese Typen hatten ihm den Kopf gewaschen."

Nallim Driss, Cousin:
"Er redete auch davon, dass es überhaupt nicht schlimm sei, zu rauben und zu töten, wenn man nur betet. Dass Gott die Frommen nicht bestrafen würde, für keine Sünde, nicht in diesem Leben und nicht im nächsten, für nichts, das er tun würde."

Viele Jugendliche sind arbeitslos

Eine Straße in MelillaSo sieht die Welt aus, in der Salam aufwuchs. Ein Armenviertel am Rand von Melilla. Spanier marokkanischer Herkunft leben hier unter sich. Die meisten sind arbeitslos, viele leben vom Drogenhandel. Auf der Straße wurde Salam von den Islamisten angesprochen. Einige sollen aus der Stadt gewesen sein, aber fassbar war die Gruppe nicht. Eine Verbindung zu Melillas Moscheen gab es wohl nicht. Seit Salams Tod sind die Anführer der Gruppe aus Melilla verschwunden.

Der Lehrer José ist einer der wenigen Nichtmuslime, die sich hier auskennen. Dass radikale islamische Gruppen unter den Armen für ihre Ideologie werben, darüber dürfe man sich nicht wundern.

Religiöse profitieren von der Aussichtslosigkeit

Ein Lehrer mit SchülernJosé:
"Und diese Gruppen profitieren gerade von der Armut und Perspektivlosigkeit vieler junger Leute. Sie sprechen gezielt die Jugendlichen am Rand der Gesellschaft an. Das ist ein großes Problem hier in Melilla. Diese Gruppen, die einen radikalen Islam predigen, agieren im Verborgenen, sie erscheinen nicht öffentlich. Sie sind Minderheiten, sie sind Sekten. Zu der islamischen Gemeinschaft hier in Melilla, die insgesamt sehr tolerant ist, pflegen sie keinen Kontakt."

An Salams Grab treffen wir Salams Freundin. Sie hat Angst und will nicht erkannt werden. Beide waren gemeinsam bei den religiösen Extremisten. Man traf sich immer im Wald, nie in einer Moschee. Streng geheim sei alles immer gewesen, und irgendwann hatten die beiden genug.

Seine Freundin:
"Alle täglichen Dinge im Leben wurden völlig extrem: Ich sollte nicht mehr allein auf die Straße gehen, nur noch mit meinem Vater. Und natürlich verschleiert, von Kopf bis Fuß. Und immer hieß es: Nur wir sind die wahren Muslime. Alle anderen, die sich nicht daran halten, sind Ungläubige."

Die beiden stiegen aus der Sekte aus. Aber die einstigen Glaubensbrüder ließen nicht ab von Salam und seiner Freundin.

Salams Freundin:
"Diese Leute haben immer Druck auf uns ausgeübt. Und weil es hier sowieso keine Arbeit gibt, haben wir beschlossen Melilla zu verlassen. Wir wollten aufs Festland, nach Barcelona. Wir wollten heiraten und uns Arbeit suchen, ein neues Leben beginnen. Das sollte nichts mehr mit unserem alten Leben hier zu tun haben."

Nur: Wie ein neues Leben anfangen ohne Geld? Salam nimmt einen Auftrag an. Er soll 100.000 Euro von Marokko nach Spanien transportieren. Illegal. Vermutlich Drogengeld.

Das bittere Ende eines Traums

Rechtsanwalt José Miguel PérezDer Anwalt der Familie hat schon viele jugendliche Schmuggler verteidigt. Was Salam getan habe, sei typisch für diese Grenzregion.

José Miguel Pérez, Rechtsanwalt:
"Wenn es um 100.000 Euro geht, dann ist völlig klar, dass es sich um Geld aus einem kriminellen Geschäft handeln muss. So etwas kommt bei uns sehr oft vor: Man sucht eine Person für einen Transport einer großen Summe Geld oder einer Menge Drogen und schickt sie damit über die Grenze, was hier im Grenzgebiet eigentlich ziemlich einfach ist."

Aber für Salam endet der Traum vom schnellen Geld für ein neues Leben tödlich. Noch in Marokko werden Salam und der Freund, der mit ihm unterwegs war, umgebracht, die Leichen in die Büsche geworfen und erst nach einer Woche gefunden.

Für die Familie steht fest: Die Täter seien unter den Islamisten zu suchen, die Salam als Verräter betrachteten. Aber bewiesen ist nichts. Die Polizei gibt uns kein Interview zum Thema. Aber zwei jugendliche Geldkuriere mit 100.000 Euro - die könnten auch andere Täter auf den Plan gerufen haben, denen es schlicht um die Beute ging.

Für Mounia ist es gleich. Ihr Bruder ist in beide Fallen getappt, die für Jugendliche in Melilla typisch sind: den religiösen Fundamentalismus und die Kriminalität.

"Ich weiß nicht, an welchen Gott sie geglaubt haben", sagt sie, "aber mein Gott ist das jedenfalls nicht." Und Melilla nicht ihre Zukunft: Nach ihrem Schulabschluss will sie nach Spanien gehen. Nach Barcelona, wohin es ihr Bruder nicht mehr geschafft hat...

(ard/dpa/br/werg)

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