Die perfekte Welle...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Fluss-SurferNördlich der gigantischen Amazonasmündung im brasilianischen Bundesstaat Amapá: Die Piloten des einzigen Regierungshelikopters überfliegen den Rio Araguari, wo unter uns gerade eines der spektakulärsten Naturphänomene entsteht: Wellen, die gegen den Strom fließen. Das salzige Meereswasser bäumt sich bei Flut mit so unvorstellbarer Gewalt auf, dass es das Süßwasser zurück in den Fluss schiebt.

Am nächsten Tag begleiten wir Serginho Laus, den Inhaber des Guinness-Buch-Rekords: 33 Minuten und über zehn Kilometer auf einer einzigen Welle! Zusammen mit André und Lorraine will er heute zum 51. Mal sein Glück wagen.

Nordbrasilien - das El Dorado für Extremsurfer. Auch in anderen Erdteilen gibt es ähnliche Springfluten, doch nirgendwo türmen sich die Wellen so hoch und rollen so weit landeinwärts wie hier in Brasilien.

Surfen im absoluten Grenzbereich

Lorraine Lima"Es ist ziemlich gefährlich", sagt die Surferin Lorraine Lima, "man muss Angst vor allem haben, was da im Wasser von unten kommt. Hier gibt es giftige Wasserschlangen, Krokodile und Piranhas." Abgesehen übrigens von Giftrochen und Haien, doch das nur am Rande.

Kurz vor dem Start herrscht allgemeine Nervosität. Schon eine halbe Stunde, bevor man sie sieht, kann man sie hören: ein dumpfes, gefährliches Grollen. Und dann rollt sie auf uns zu: Die Wahnsinnswelle, die die Ureinwohner "Pororoca" getauft haben, "der Lärm, der zerstört".

Andre und Serginho haben es schon geschafft, Lorraines erster Versuch dagegen schlägt fehl. Kein Wunder, die Pororoca rast mit 50 Stundenkilometer. Hektische Sprechfunk-Kommandos, um die erste Rettungsaktion dieses Tages in Gang zu setzen. Der Jetski auf der Suche nach Lorraine.

Und dann passieren zwei Dinge fast gleichzeitig: Zuerst fällt der Rettungs-Jetski aus und dann der Motor unseres eigenen Bootes. Nur zwei Sekunden und dann kommt die Wand aus Wasser. Die Welle erfasst das Boot und wirft es um wie ein Streichholz. Unsere kleine Unterwasserkamera läuft zunächst mit, bevor auch sie den Geist aufgibt.

Irgendwann sind die Boote repariert und allmählich steigt auch die Stimmung wieder, denn alle haben die unfreiwillige Tauchaktion fast unbeschadet überstanden.

"Das ist eines der Dinge, die jeder einmal gemacht haben muss, bevor er stirbt", meint Extremsurfer Serginho Laus. "Hier spürst du die Vibration des Amazonas-Dschungels. Du bist mitten im Herzen der Welle.

Zerstörerisches Spektakel

Wie eine flüssige Walzmaschine reißt die vier bis sechs Meter hohe Welle alles mit sich, was ihr in die Quere kommt. Urwaldbäume, Häuser und vor allem das Ufer.

Seit 65 Jahren verfolgt Fischer Lucival das zerstörerische Spektakel, das immer im Frühjahr und im Herbst für ein paar Tage über seinen Heimat-Fluss hereinbricht.

Positiver Aspekt der Pororoca: Sie schiebt Unmengen von fruchtbarem Schlamm flussaufwärts, bis zu 100 Kilometer. Doch für Fischer wie Lucival ist die Welle eine einzige Heimsuchung: "Vor drei Jahren, sagt war überall hier, wo wir jetzt herfahren, noch Festland. Aber das gibt es heute nicht mehr."

Unvorstellbar, aber wahr: In diesem Jahr wird Lucival zum neunten Mal mit seinem bescheidenen Holzhaus umziehen müssen, fast 200 Meter Land haben die Wellen bereits gefressen.

Die Intensität der Vernichtung nimmt dramatisch zu, vielleicht ein Ergebnis des Klimawandels. Doch dieser Flecken Erde ist für Lucival das Land seiner Ahnen und er wird erst dann weichen, wenn es keinen Quadratmeter mehr davon gibt.

Paradies für leidenschaftliche Surfer

PororocaAbends ist der Fluss so spiegelglatt, als ob keine Welle ihn trüben könnte. Doch genau jetzt zeigt sich, woher die Pororoca ihre maßlose Kraft erhält: vom den überdimensionalen Gezeiten, die der Vollmond hervorruft, zwei Mal im Jahr für jeweils ein paar Tage.

Unsere Beinahe-Katastrophe in allen Ehren - die Surfer sind hier, um ihrer Leidenschaft nachzugehen; das Risiko blenden sie schlicht und einfach aus.

Kurz bevor die Pororoca mit ihrem Lärm kam, war es auch heute wieder totenstill geworden und die Tiere hatten sich instinktiv in den Urwald zurückgezogen, genau wie am Tage unserer Beinahe-Katastrophe. Ansonsten scheint heute alles anders zu sein: die Motoren halten durch, der übliche Regen bleibt aus und die Surfer fallen nur selten von den Brettern, die für sie die Welt bedeuten.

Serginho Laus, der Pororoca-Profi wird heute seinen eigenen Guiness-Rekord zwar nicht übertreffen, aber am Abend erschöpft und glücklich sein wie immer nach einem Ritt auf dem drei Kilometer breiten Rio Araguari.

Die Pororoca, die längste und gefährlichste Welle der Welt. Wenn man nicht gerade von ihr überrollt wird, ist sie ganz einfach perfekt...

(Quelle: filthimac.apostos/ndr/werg)

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