"Wüste" Tomaten

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ein Tomatenfeld in der Wüste

Ein Tomatenfeld in der WüsteSie holpern ihrer Bestimmung entgegen. Stundenlang durch den Staub. Ziemlich ungemütlich. Aber Kemal sucht keine Gemütlichkeit in. Er sucht sein Glück in der Sahara. Jeden Morgen die Fahrt durch das sandige Nichts. Richtung Tamanrasset. Da ist Markt. Zwei, drei Stunden lang verkauft er seine Tomaten. Es geht schnell, denn er ist der billigste auf dem Markt.

Und dann wieder zurück an den Ort, wo er seit kurzem zuhause ist - hierhin: Eine winzige Oase Marke Eigenbau. Kemals Tomatenfeld mitten in der Wüste. Er ist weit weg von seiner alten Heimat, Algier: 2.000 Kilometer nördlich. Dort war er einer von tausenden ohne Job. Hier ist er ein Pionier.

Kemal, Tomatenzüchter:
"Was du hier siehst, das ist erst der Anfang. Wir haben bei Null angefangen. Aber komm nächstes Jahr noch mal hierher! Wir werden die Produktion richtig groß aufziehen. Damit kann man wirklich eine Menge Geld verdienen. Wenn Allah will, dann schaff' ich das."

Als Kemal vor einem Jahr ankam, gab es nur einen verschütteten Brunnen. Er hat ihn wieder ausgegraben. Mit einer billigen alten Motorpumpe und ein paar Schläuchen fördert er jetzt genug Wasser für sich und für die Tomaten. Bei der Ernte beschäftigt er vier Männer aus Mali. Die Tagelöhner sind so alt wie ihr Chef. Aber sie sind hier nur auf der Durchreise, auf der Flucht vor der Armut in ihrer Heimat.

Boubacar:
"Seit ich in Mali aufgebrochen bin, war ich die meiste Zeit zu Fuß unterwegs. Hier auf diesem Feld sind wir nur, um etwas Geld zu verdienen. Nur dazu. Wir wollen nicht hierbleiben. Wenn wir das Geld beisammenhaben, fahren wir weiter in den Norden. Und da brauchen wir dann wieder Geld. Um damit nach Europa zu fahren."

Um jeden Preis in den reichen Norden? Kemal hat den Traum von Europa, den seine Erntehelfer träumen, längst an den Nagel gehängt.
 

Der Tomatenpionier

Männer sortieren TomatenKemal, Tomaten-Pionier:
"Was soll ich in Europa? Die Leute, die dahin gehen, die haben keine Ahnung. Das sage ich denen auch immer. Ich habe keine Lust, dort das Geschirr zu spülen. Da versuch' ich's lieber hier. Klar ist das ein hartes Leben hier. In der Wüste muss man sich echt anstrengen, um was aufzubauen. Aber hier bin ich selbst der Chef, der anderen Arbeit gibt."

Ein Hauch von Rush Hour in der Wüste. Algeriens Bevölkerung ist jung, und sie wächst schnell. Aber anders als in den überfüllten Städten des Nordens ist in der Sahara noch Platz. Mit Großprojekten wie dieser Wasserleitung will die Regierung den armen Süden wohnlicher machen - und damit attraktiv für Neuansiedler. Tatsächlich kommen vor allem junge Männer aus dem Norden. In vielen Cafés und Restaurants bestimmen sie das Bild - nicht die einheimischen Touareg in ihrer traditionellen Kleidung. Viele der Neuen wollten früher mal nach Europa - statt ab in die Wüste.

Pizza in der Wüste statt in Europa

Wasserröhren in der WüsteGäste des Cafés erzählen uns:
"Ich war schon kurz davor auf so ein Boot steigen, mit dem man nach Europa fährt. Aber im letzten Moment haben wir es uns anders überlegt."

"Das Meer war so stürmisch, und es sterben ja viele Leute bei der Überfahrt. Jetzt versuchen wir's halt in der Sahara."

Und sie bringen vom Mittelmeer ihre Kultur mit. Abdelkader hat sich gedacht: Wenn so viele Nordlichter in die Wüste ziehen, werden sie bestimmt ihre vertraute Pizza vermissen. Die Alteingesessenen finden es eher komisch:

Ein Touareg spricht in sein Mobiltelefon:
"Hör mal, du glaubst nicht, was ich hier sehe: Mokhtar isst eine Pizza. Echt."

"Es ist die beste Pizza der Region.", sagt ein Gast Oder, etwas präziser: die einzige - im Umkreis von 500 Kilometern.

Schwierige Lebensbedingungen

Pizzabäcker AbdelkaderPizzabäcker Abdelkader:
"Ich weiß noch, wie ich hier ankam. Ich setzte den ersten Fuß auf den Boden und dachte: Mein Gott, das ist das Ende der Welt. Hier gibt es nichts außer Sand. Und warum sollen die hier jemals meine Pizza kaufen? Aber sie kaufen. Es klappt tatsächlich!"

Es ist ein koloniales Abenteuer im eigenen Land. Man braucht Ausdauer, um hier zu leben. Die ehemalige Siedlung, in der Abdelkader herum steigt, ist schon lange verlassen. Hunderte Jahre. Genau weiß das keiner. Es ist sein Lieblingsplatz. Aber auch hier oben, sagt er, verlässt ihn nicht das Gefühl, dass er fremd ist.

Abdelkader:
"Eine Sache hat nicht geklappt: Ich wollte hier eine Familie gründen. Aber meine Freundin aus Algier wollte nicht mitkommen. War ihr zu hart. Und die Einheimischen - die Touareg, das ist eine andere Kultur. Die Frauen haben eine andere Mentalität. Das passt nicht. Man kommt nicht so leicht zusammen."

Zurück in der Tomatenoase. Die Hütte aus getrockneten Palmblättern ist Kemals Zuhause. Er, seine beiden Kollegen auf dem Feld - auch das eine Gesellschaft ohne Frauen. Und ohne große Abwechslung, wenn der Tag geht und die Pflanzungen versorgt sind.

Leben im Provisorium. Aber solange das Geschäft gut läuft, lässt sich das ertragen.

Einer der Arbeiter Kemals zeigt auf eine Tasche:
"Also, hier drin habe ich das, was ich für die Zivilisation brauche. Hier, die Jacke, und falls ich mal einen Ausflug in die Stadt mache, immer ein paar frische Jeans auf Vorrat."

Kemal:
"Alles spielt sich im Kopf ab. Für Deine Stimmung bist Du selbst verantwortlich. Es ist wie mit einem CD-Player: Wenn du die traurige CD reinschiebst, läuft auch traurige Musik. Also, musst Du in Gedanken immer die fröhliche Platte auflegen."

Kemals Arbeiter:
"Naja, und alle paar Monate braucht man Ferien. Mal ein paar Tage in Algier, um wieder unter Menschen zu sein. Denn hier sind wir ja doch ziemlich allein."

Auf der Speisekarte Tomaten - wie jeden Abend, was sonst? Nur die Wolken nach Sonnenuntergang, die sind jeden Tag anders.

(Quelle: br/werg)

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