Urubichá - Barock at its best...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ein musikalisches Dorf

Junge Leute feiern im RegenIhr Dorf heißt Urubichá, und das bedeutet "viel Wasser". Die Guarayo-Indios wissen, wovon sie sprechen: ihr Straßenfest versinkt wieder einmal im Regen.

Wir sind im bolivianischen Niemandsland an der Grenze zu Brasilien. Einmal im Jahr trinken die Guarayos drei Tage lang Hochprozentiges, tanzen und musizieren. Erstaunlich: die Musiker, wie Lizandro an der Violine, treffen auch angeheitert jeden Ton. Mehrere Hundert von ihnen gibt es in dem 4.000-Seelen-Ort. Mehr als jeder zehnte spielt ein Instrument. Und wie!

Lizandro gibt seinem überaus talentierten Bruder Mario Nachhilfe, weil an der Musikschule von Urubichá kein Lehrer dem 17-Jährigen noch etwas beibringen kann. Das kann nur jemand wie sein großer Bruder. Der war mit dem Urwald-Orchester, für das die beiden gerade proben, schon auf Europa-Tour.

In Urubichá fachsimpeln die Leute über Bach und Barock, über Strauß und Stradivaris, und junge Indio-Talente wie Mario machen ganz einfach wunderbare Musik.

Mario AnoriMario Anori, Geigentalent:
"Meine Familie hat kein Geld. Aber mit ein wenig Unterstützung hoffe ich trotzdem, später Musik studieren zu können."

Dass er das Zeug dazu hat, konnte Mario schon auf vielen Konzerten beweisen. Sein Instrument stammt aus den fünf Geigenbauwerkstätten von Urubichá. Einen Monat lang arbeitet Hidelberto, ein Meister seines Fachs, an jeder einzelnen seiner Violinen. Es sind die besten in ganz Bolivien. Katholische Missionare hatten vor 150 Jahren durch Zufall entdeckt, wie unfassbar musikalisch die ehemals kriegerischen Guarayos waren. Das erste Urwaldorchester spielte Ende des 19. Jahrhunderts Ohrwürmer wie "Ndeu aikove - ndeu amano", übersetzt "Jesus, dir leb ich, Jesus, dir sterb ich".

Instrumentenbauer und das Konservatorium

Geigenbauer HidelbertoHeute ist ein wunderbarer Tag für Rebeca. Die 12-Jährige ist die beste Schülerin ihres Kurses, aber arm wie eine Kirchenmaus. Ihr Lehrer jedenfalls hat Geld aufgetrieben, um ihr ihre erste Geige zu schenken.

Noch kein Meister und keine Meisterin ist vom Himmel gefallen, selbst in Urubichá nicht. Üben, üben, üben - so lautet jedenfalls das hiesige Motto, und geübt wird im Konservatorium, dem "Instituto de Formación Integral". Wir sind in einer der beiden Anfängerklassen für Violine, in der Rebeca heute zum ersten Mal mit eigenem Instrument erscheint.

Hunderte von Schülern haben hier bereits Harfe und Horn gelernt, Geige und Gesang. Finanziert wird das ganze Projekt von Spenden der katholischen Kirche und milden Gaben der eigenen Familie dieser Frau: Schwester Ludmilla. Sie und der derzeit erkrankte Pastor Walter hatten vor gut 20 Jahren an die in Vergessenheit geratene Musiktradition von Urubichá angeknüpft. Ein Neubeginn mit Folgen: Wo immer in Bolivien heutzutage Guarayo-Schüler vorspielen, in der Regel erreichen sie die höchste Punktzahl; die meisten hören eine Melodie, und können sie auf Anhieb exakt nachspielen. Doch der Erfolg stößt an seine eigenen Grenzen: es fehlen Noten, Instrumente und - vor allem - geeignete Lehrer. Die Schüler sind mittlerweile einfach zu gut!

Schwester LudmillaSchwester Ludmilla Wolf, Gründerin Musikschule Urubichá:
"Wir müssen schauen, dass wir vom Ausland gut ausgebildete Musiklehrer bekommen, vor allem in den theoretischen Fächern, in der Musiklehre, damit unsere Schüler weiter ausgebildet werden können."

Johann Pachelbel, Barock at its best. Mario und sein Kumpel üben wie zum Beweis wieder einmal alleine, keiner der jungen Professoren kann ihnen das Wasser reichen.

Mario Anori, Geigentalent:
"Violine zu spielen bedeutet für mich alles. Nur mit Musik kann ich meine Gefühle ausdrücken, wenn ich traurig bin oder froh. Und außerdem: es gefällt den Mädchen."

Musik kommt an

Orchesterkonzert in der KircheIn Urubichá geben die Jugendlichen nicht mit einem schnellen Mofa an, sondern mit einer guten Mozart-Motette. Finanziell lebt das Dörfchen von der Hand in den Mund: ein wenig Landwirtschaft, doch musikalisch spielt es in der bolivianischen Bundesliga. Das sieht und vor allem hört man bei den Abendkonzerten in der Kirche. Mario spielt die erste Geige.

Niemand weiß, woher die Musikalität der Guarayos kommt, aber sie ist eine unbestreitbare Tatsache. Bach im Busch, Paganini in der Pampa, Wagner in der Wildnis. Willkommen in Urubichá, dem vermutlich musikalischsten Dorf Südamerikas.

(Quelle: ARD-Rio de Janeiro,br,werg)

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