Untergang oder Chance?

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Traumatische Folgen

Vladimir ConstantKinder in einer Schule in Port-au-Prince. Weil ihre Eltern so arm sind, müssen sie bei fremden Familien arbeiten. Der fröhliche Unterricht - der einzige Lichtblick in ihrem Leben. Diese Szenen haben wir vor fünf Monaten gedreht.

Jetzt stehen wir in der gleichen Schule - sie ist fast vollständig zerstört. Hier wurden früher über tausend Kinder unterrichtet.

Der Psychologe Vladimir Constant, der für die deutsche Kindernothilfe arbeitet, steht immer noch fassungslos vor den Trümmern. Er weiß, dass das Erdbeben für die Überlebenden traumatische Folgen haben wird.

Vladimir Constant, Psychologe:
"Die Kleinen zwischen drei und sechs sind nicht so betroffen, weil sie nicht verstehen, was passiert ist, aber für die Älteren ab sechs Jahren hat es verheerende Folgen. Sie geraten in Panik und Unsicherheit, sie sehen keine Zukunft mehr."

Zweihundert Kinder und deren Familien versuchen die wenigen Psychologen zu betreuten. In Haiti mangelt es derzeit nicht nur an Lebensmitteln und Trinkwasser, es fehlen vor allem Menschen, die sich um die schwer verletzten Seelen der Kinder kümmern können.

Man kann nur ahnen, was sich in ihren Köpfen in diesen verzweifelten Tagen abspielt

"Ich glaube ständig, dass der Boden unter mir wackelt", sagt die 13-jährige Saint Claire, "aber es stimmt nicht, es ist nur ein Gefühl. Als wir das schwere Nachbeben diese Woche hatten, schlief ich noch, aber ich habe es sofort gespürt und bin aufgewacht. Dann habe ich zu Gott gebetet."

Vladimir Constant ist in diesen Tagen viel unterwegs, immer auf der Suche nach noch verschollenen Kindern, die er betreut hat. Dabei fährt er durch eine apokalyptische Trümmer-Landschaft.

Auf der Suche nach den Kindern

Jahnne und Michel-AngeWir wollen mit Vladimir auch einige Kinder suchen, die wir schon vor fünf Monaten getroffen hatten. Etwa die siebenjährige Joahnne und die achtjährige Michel-Ange - sie sind noch am Leben, das ist die gute Nachricht.

Vor einem halben Jahr erlebten wir, wie die kleinen Mädchen im Haushalt schuften mussten.

Jetzt erzählt Joahnne nur noch vom Erdbeben: Ich habe gemerkt, dass alle rennen, und dann bin ich auch gerannt und hingefallen. Ich habe nur noch geweint.

Vladimir sagt, man müsse den Kindern vermitteln, dass das Leben weitergeht - auch wenn das für die Mädchen ein Leben in größter Armut bedeutet.

Anderson ist nicht mehr da

Wellblechhütten in einem ElendsviertelDie Wellblech-Hütten haben dem Erdbeben erstaunlicherweise getrotzt. Die Schäden haben sich in den Elendsquartieren in Grenzen gehalten.

Es geht weiter zur nächsten Hütte, dort wollen wir den zwölfjährigen Anderson besuchen. Er ist Waise, seine Eltern sind bei einem Hurrikan gestorben. Vor fünf Monaten haben wir ihn gedreht, wie er in der Hütte seiner Gastfamilie Wasser schippen musste. Jetzt fragt Vladimir nach dem Jungen, doch er ist seit dem Erdbeben verschwunden. Ob er tot ist oder nur verwirrt durch die Straßen läuft, keiner weiß das so genau. Bei einer Naturkatastrophe wie dieser leiden Kinder besonders.

Vladimir Constant:
"Das Erdbeben und seine Folgen machen es schwierig, ihn zu finden. Man könnte von einem Unglück reden, aber wir werden die Suche nach Anderson nicht aufgeben."

Eine solche Suche könnte auch in eines der Waisenhäuser von Port-au-Prince führen. Sie sind für Kinder, die ihre Eltern verloren haben, die erste Anlaufstelle. Sie sind aber auch in Zeiten von Katastrophen Orte für dubiose Geschäfte, Kinderhandel oder Schnell-Adoptionen. Und sie geraten ins Visier von Banden, weil hier besonders viel Lebensmittel vermutet werden. Dieses Waisenhaus wurde vor vier Tagen von einer Gang mit Waffen angegriffen.

Robert Taylor, ChildhopeRobert Taylor, Childhope:
"Sie wollten in unser Depot einbrechen", erzählt der Heimleiter, "wir mussten einige Warnschüsse abgeben, um sie zu vertreiben. Wir brauchen mehr Schutz."

Immer wieder Gewalt

Verteilung von WasserflaschenWie gereizt die Stimmung ist, erleben wir in der unmittelbaren Nachbarschaft. Dort wird Trinkwasser in kleinen Flaschen verteilt, um die sich schnell eine aufgebrachte Menschenmenge streitet.

Das Erdbeben richtet nicht zuletzt Verwüstungen in den Köpfen an und es lässt letzte Hemmschwellen fallen.

Vladimir Constant sucht unterdessen weiter nach seinen verschollenen Schützlingen und trifft überall auf zerstörte Schulen. Mit dem Unterricht, so glaubt er, kann frühestens Ende dieses Jahres wieder begonnen werden - und das könnte schlimme Folgen für Haitis Gesellschaft haben.

Normalität für die Kinder

Singende KinderVladimir Constant:
"Es besteht die Gefahr, dass die Jugendlichen kriminell werden. Sie sind in dieser zerstörten Stadt orientierungslos. Wir müssen versuchen, ihnen einen Halt zu geben."

Vladimir Constant und seine Kollegen versuchen den Kindern in diesem unendlichen Chaos das Gefühl von Normalität zu vermitteln. Und so singen und klatschen sie sich gegenseitig Mut zu. Haiti, so sagen sie trotzig, hat eine Zukunft. Es sind seine Kinder...

(Quelle:br,Stefan Schaaf, ARD-Mexico City,werg)

 

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