"Rattiges"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

 Es steht in der Bibel: Dass man dieses Fleisch nicht essen darf: Ratte. Doch Köchin Chan Thun kennt die Bibel nicht, hat keinerlei Vorbehalte gegen das Nagerfleisch. Durchgebraten muss es sein, sagt sie. Zwei-drei Minuten reichen. Hochwasser am Mekong. Zur Regenzeit, so hatte man uns in Phnom Penh erzählt, liegen jenseits des großen Stroms ertragreiche Jagdgründe für Rattenfänger. Wir lassen uns mit einer abenteuerlicher Fähre hinübersetzen. Der mächtige Mekong setzt von Mai bis Oktober in Kambodscha riesige Landflächen unter Wasser. Im alljährlichen Landunter kommt man nur über einen schmalen Damm ins Dorf der Rattenjäger. Prek Khmeng heißt die kleine Siedlung, 500 Menschen leben hier. Sie leben in dieser Wasserwelt von Fischerei und Rattenfang.

 „Kann sein, dass Rattenfleisch Bakterien enthält“, sagt die “Dorfärztin”. „Aber mir ist noch kein Krankheitsfall untergekommen“. Ausfahrt mit den Rattenjägern. Don ist 15 Jahre alt, die Rattenjagd ist Sache der Heranwachsenden. Auf schmalen Booten staken sie durchs verfilzte Gestrüpp der versunkenen Büsche. Zur Trockenzeit ist dies Garten- und Ackerland. Nur bei Hochwasser ist Jagdsaison. Die Ratten bauen ihre Nester in die Büsche, danach stechen die Jungs mit ihren dreizack-bewehrten Stangen. Die Jagd ist halb Sport, halb Beitrag zum Lebensunterhalt. Don bessert damit die Familienkasse auf. Jubel über jede Beute. Jagdfieber: Da schwimmt eine. Lasst sie nicht entkommen. Don späht unter die Büsche, ein paar Meter weiter hat ein anderes Boot mehr Jagdglück. „Ja, nicht ganz einfach“, sagt er, „aber so schwer nun auch nicht. Wir alle machen das. Bringt Spaß.“ Die Ratten in dieser wässerigen Welt fressen hauptsächlich Baumrinde. Saubere Kost. Darum sind sie so begehrt.

 Das halbe Dorf wartet auf die Rückkehr der Jäger. Stolz bringen Don und die anderen ihre Beute an Land. Sie bedeutet, nach lokalen Maßstäben, gutes Geld. Die Rattenpreise haben seit einiger Zeit angezogen, die Nachfrage ist groß, auch weil anderes Fleisch noch teurer ist. Spätestens beim Ausnehmen der Jagdbeute wird dem Reporter durchaus mulmig. Wie weit geht die Chronistenpflicht ? Muss er dies wirklich essen ? Don müsste eigentlich zur Schule gehen. Aber da war er schon seit zwei Jahren nicht mehr, er muss arbeiten, für die Familie. Wo hat er das Ratten-Häuten gelernt ? „Von anderen abgeguckt“, sagt er. In Kambodscha, wie in ganz Südostasien, werden Ratten in allen Gesellschaftsschichten gegessen. Aber nicht jeder Kambodschaner tut es. „Ich nicht“, sagt Frau Heng, die “Dorfärztin”, die eigentlich Krankenschwester ist.

 Am nächsten Tag fahren wir noch einmal über den Mekong. Im Markflecken Koh Reah soll es ein gutes Rattenrestaurant geben. Der Reporter hat in der Bibel nachgeschaut: Leviticus 11.29 verbietet zu essen, was am Boden kreucht, Wiesel und Maus. Don wartet auf dem Markt auf Kundschaft für seine Schüssel voller Rattenfleisch. Köchin Chan Thun kennt als Buddhistin keine biblischen Speisevorschriften. Gehäutet kostet ein Kilo umgerechnet etwa einen Euro. Die Dorfstrasse ist ein Meer von Schlamm. Und der Reporter fragt sich bang und bänger: Soll ich das wirklich probieren ? Rattenfleisch. Die Menschen hier haben nicht den tief verwurzelten kulturellen Abscheu gegen Ratten, die Bringer der Pest. Mit Curry, Zucker, Glutamat und rot färbendem Rindenextrakt hat Frau Chan gewürzt. Die Gäste warten schon. Der Distriktchef aus dem Landwirtschaftsministerium in Phnom Penh hat eingeladen. Der große Auflauf gilt eher dem Fernsehteam und der Frage: Werden die Fremden wirklich unsere Ratten essen ?

 Es ist angerichtet. In handliche Stücke gehackt, so isst man Fleisch in Asien. In Presseberichten hält sich hartnäckig das Gerücht, Kambodschaner essen Ratten, weil sie das während der Schreckens- und Hungerzeit der Roten Khmer gelernt hätten. Das ist falsch. „Wir essen Ratten, wenn das Land unter Wasser steht“, sagt Nhaem Saron vom Landwirtschaftsministerium. „Dann leben die Tiere in den Bäumen, nicht am Boden, und sind sauber. Zur Zeit der Roten Khmer wurden vielleicht mehr Ratten gegessen als sonst, weil es kein anderes Fleisch gab. Aber das Rattenessen hat eine lange Tradition, das gab es immer. Aber nur zur Saison, Stadt oder Dorfratten würden wir nie essen.“

 Kambodscha exportiert täglich eine Tonne Rattenfleisch nach Vietnam. Selbst auf den katholischen Philippinen isst man Ratten aus den gefluteten Reisfeldern. In Indien, wo man das auch tut, schlug ein Minister vor, internationale Hotels sollten Ratte auf ihre Speisekarte setzen. Die Reaktion war…verhalten.

(Qelle: swr/werg)

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