Pflege unter Palmen

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

So richtig Lust hat Manfred Schlaupitz heute nicht auf den blauen Enzian. Seine Mitbewohnerin Philipina dagegen schon. Die beiden sind an Alzheimer erkrankt. Aber hier in Thailand, weit weg von Europa, geht es ihnen so gut wie lange nicht - in ihrer WG mit ihren thailändischen Pflegerinnen.

„Ich hatte am Anfang große Angst, wie das wohl sein wird mit uns beiden – einen Menschen zu pflegen, der woanders herkommt, vor allem, dessen Sprache ich gar nicht kenne. Aber ich habe schnell gemerkt: wir brauchen das gar nicht. Wir verstehen uns auch so bestens.“

Der frühere Ingenieur geht manchmal, überaus neugierig, seine eigenen Wege. Jetzt spazieren die beiden zu den anderen, ins Haupthaus des Alzheimer-Projekts. Die Idee, Demenz-Kranke in Thailand zu pflegen, sie stammt von ihm, dem Schweizer Martin Woodtli. Seine Mutter erkrankte selbst vor Jahren, er holte sie zu sich. Inzwischen betreut Woodtli mit seinen 30 Pflegerinnen zehn Demenz-Kranke. Alle untergebracht in Privathäusern. Mitten im thailändischen Alltag.

„Das heißt auch, wir sind integriert in einem Dorf.
 Und ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht. Das ist wirklich belebend. Das ist ganz entscheidend. Eine sehr liebevolle Betreuung von den Thais und einfach auch in der ganzen Atmosphäre, die Bereicherung, die Reize die sie da täglich erleben, das ist wirklich toll für sie.“

Einige Pfleger haben die Gruppe mitgenommen zum Thai Chi. Die Musik, die fließenden Bewegungen: Es soll sie inspirieren: Manfred und die anderen Gäste aus Europa. Wie ältere Thais versuchen Körper und Seele miteinander in Einklang zu bringen - es könnte auch dem Besuch aus der Ferne helfen, zu entspannen. Und die Lebensgeister wecken.

Rückkehr ins Haus. Gleich kommt das Mittagessen auf den Tisch: ballaststoffreich, ausgewogen. Selten thailändisch, sondern unvergesslich gut deutsch.

Und Pflegerin Amporn hat ihren Manfred wieder: Im Umgang mit älteren Menschen werden die jungen Frauen intensiv geschult, im Wickeln, Betten, Massieren, auch für etwaige Notfälle. Hilfe bekommen sie von einer nahegelegenen Klinik und vom Hausarzt aus der Nachbarschaft – von Japsal Ahuja. Er hat für den Erfolg des Pflegeprojekts eine einfache Begründung.

„Es gibt hier in Thailand nicht diese große Lücke zwischen jung und alt - wie vielleicht in Europa. Wir haben große Familien, die Generationen leben wie selbstverständlich miteinander. Die Jungen sind es gewohnt, auf die Alten aufzupassen. Und das sieht man auch hier im Alzheimerprojekt. Die thailändischen Pfleger und die Kranken sind sich außergewöhnlich nah.“

Denken. Schweigen. Lächeln. Niemand weiß, was in den Köpfen der Alzheimer-Kranken vor sich geht. Umso wichtiger für die Pflegerinnen: sich Zeit nehmen zu können, die Wünsche der Kranken zu erspüren.
Zuneigung, Aufmerksamkeit, ein liebevoller Umgang: In Pflegeheimen in Europa ist das nicht unbedingt der Alltag. Doch hier im Alzheimer-Haus werden die Patienten nicht im Akkord betreut, die Kranken nicht mit Medikamenten ruhig gestellt oder ans Gitterbett gefesselt. Viktor Schumacher hat solche Pflegeheime erlebt - in der Schweiz. Umso dankbarer ist er nun für seine neue Heimat.

„Ich fühle mich wohl hier. Und ich werde so gut und wirkungsvoll gepflegt von so jungen Frauen. Ich werde das nicht vergessen.“

Nicht vergessen - Die Gebete wären wohl erhört! Das Dorf feiert Jubiläum. Und die Gäste aus Europa - sie sind wie jedes Jahr mittendrin. Der Ausflug hierhin, die Gesänge, die Mönche in orangenen Roben: Es sind diese Reize, von denen Martin Woodtli glaubt: sie könnten die Krankheit einen Moment aufhalten, die Alzheimer-Symptome lindern. Schließlich werde der Geist ständig gefordert, mit neuen Eindrücken versorgt. Mit Räucherstäbchen gegen das Vergessen - das Dorf macht gerne mit:

Sansai Tonkok, Abt „Es ist auch für uns schön zu sehen: Die Alzheimer-Kranken gehören voll in unsere Gemeinschaft. Sie sind regelmäßig bei unseren Zeremonien. Auch wenn das vielleicht keine bleibenden Eindrücke für sie sind: vielleicht können wir sie zumindest für den Moment glücklich machen.“

Die Zukunft der Pflege – so könnte sie aussehen: An jeder Seite ein freundliches Gesicht. Alt sein, krank sein - in Thailand kann man es sich noch leisten. Manfred Schlaupitz zahlt monatlich etwa 2000 Euro für seine Pflege. Ungefähr 250 Euro bekommt Betreuerin Amporn. Ein guter Lohn, findet sie, für einen ganzen Tag voller Arbeit.

„Wir sind jetzt zur Schicht-Übergabe alles noch mal durchgegangen. Das Tanzen, der Sport, was es zu Essen gab. Mir wird dabei immer wieder bewusst, was das eigentlich für eine schöne Arbeit ist, die ich habe. Ich mache das von Herzen gern.“

Ein paar Stunden Pause - dann wird Amporn wieder da sein für Manfred Schlaupitz. Hier in diesem kleinen Paradies für Alzheimer-Kranke aus Europa.


(Quelle: BR/WS/werg)

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