Organklau am Nil

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ahmad Sabri Wie arm muss jemand sein, damit er bereit ist, ein Organ zu verkaufen? Für umgerechnet 1200 Euro? Der Ägypter Ahmad Sabri wollte heiraten, träumte von einer Wohnung und ordentlichen Möbeln und willigte ein, seine Niere zu verkaufen. Doch er ist an Betrüger geraten: in einer illegalen Praxis entnahmen sie ihm die Niere und brachten ihn sofort zurück in sein Armenviertel; ohne Nachsorge, ohne Geld. Ahmad ist kein Einzelfall. In Ägypten werden jedes Jahr Dutzende Leberteile und Nieren von Lebendspendern transplantiert, manche bekommen Geld dafür, andere werden einfach bestohlen. Wie Abdelnaim Abdallah: Ihm versprach man einen Job am Golf. Nur ein paar Gesundheitstest, dann sollte es losgehen. Es folgte eine angebliche Nierenstein-Operation – am Ende fehlte auch ihm eine Niere. Das derzeit gültige Gesetz in Ägypten verbietet zwar den Handel mit Organen, lässt aber freiwillige Spenden auch unter nicht Verwandten zu. Eine Grauzone, die die Organmafia skrupellos ausnutzt.

Ahmad Sabri beim Ultraschall. Nur eine grässliche Narbe ist geblieben, von seinem Traum vom großen Geld. Der Nierenspezialist Dr. Hossam El-Schaer trifft immer häufiger Patienten, wie Ahmad: Wo seine linke Niere saß, zeigt der Ultraschall nur noch die leere Bauchhöhle. Ein Jahr ist es her, dass Ahmad seine Niere verkauft hat. Oder besser: verkaufen wollte. Der damalige Arzt erzählte ihm, er mache nur eine Voruntersuchung. Doch als Ahmad wieder aufwachte, war seine Niere weg. Geld hat er nicht bekommen. „Die Praxis, in der diese Operation gemacht wurde, war schlecht ausgerüstet“, erklärt Dr. Hosam El-Schaer, Nephrologe an der Misr Universität Kairo. „Die Geräte, die der Chirurg verwendet hat, waren vermutlich nicht gut desinfiziert – deshalb hat sich die Narbe später entzündet.“

Ahmad Sabri in KairoUm zu verstehen, warum Ahmad bereit war, seine Niere zu verkaufen, sind wir mit ihm nachhause gefahren, nach Kafr el-Elu, ein Armenviertel südlich von Kairo. Ahmad hat die Schule abgebrochen, Autos repariert und sich als Transporterfahrer durchgeschlagen. Doch als er sich verlobte, reichte sein Verdienst nicht mehr aus: Wovon sollte er eine Wohnung kaufen, und Möbel? “Ich habe einem engen Freund hier im Viertel erzählt, dass ich Geld brauche, ich wollte doch im selben Jahr noch heiraten. Da hat er mir gesagt, dass er Leute kennt, die Nieren kaufen: für 10.000 Pfund.“ 1200 Euro – ein Vermögen in einem Viertel wie diesem. Ahmad überlegt nicht lange, sondern er willigt ein, einen Vermittler zu treffen, die nötigen Untersuchungen zu machen. Er fährt mit dem Freund nach Kairo. Der Familie sagt er nichts. „Mein Freund hat gesagt, mach dir keine Sorgen. Wir machen nur eine Untersuchung. Ich war total nervös, aber dann hab ich mir gesagt, es ist ja erst mal nur der Bluttest.“ Sie fahren in die Innenstadt – in ein Viertel, das Ahmad noch nie gesehen hat. Irgendwo hier in einem Café, das er später nicht wiederfindet, soll Ahmad einen Mann namens Sayed treffen. Er ist der Makler, der die Nierenspende vermitteln wird.

Über viele Ecken finden auch wir einen solchen Makler. Er ist bereit mit uns zu reden. Er möchte aber nicht Makler genannt werden. Ein skrupelloser Händler, der aber bei dem was er tut, keinerlei schlechtes Gewissen hat. Im Gegenteil, er hält sich sogar für einen Menschenfreund. „Ich arbeite seit zwei Jahren mit einem Büro zusammen dem ich die Spender vermittle“, erzählt der Makler „Abdallah“. „Käufer findet man in jedem Krankenhaus, man braucht nur unauffällig zu fragen, ob dort jemand ein Organ braucht. Und Spender gibt es mehr als genug: viele sind bereit ein Stück ihres Körpers zu opfern, weil sie Geld brauchen.“

OperationsnarbeWas der Händler verschweigt: nicht alle spenden freiwillig, oft werden die Organe einfach geklaut. Abdelnaim Abdallah zum Beispiel wurde von der Organmafia betrogen: Vor fünf Jahren kam er aus seinem Dorf in Oberägypten nach Kairo, um Geld zu verdienen. Gleich am Bahnhof ging er in ein Café, und fragte den Besitzer, ob er eine Arbeit für ihn wüsste. „Da saß ein Mann, der hat mir einen Job angeboten: Er sagte, er kennt ein Reiseunternehmen, das Leute sucht für die Golfstaaten. Er fragte wie viel Geld ich habe und sagte, das reicht gerade für die Gesundheitstests.“ Nach vielen Untersuchungen erhält Abdelnaim die Diagnose: angeblich hat er Nierensteine. Hier im Privatkrankenhaus Nuzha International vermittelt ihm der Reiseunternehmer eine Operation und bezahlt sie sogar. Kurz danach entzündet sich die Wunde. Abdelnaim geht zum Arzt; und der kommt zu einem erschreckenden Ergebnis: Man hat ihm keine Steine entfernt, sondern die ganze rechte Niere. Abdelnaim verklagt das Krankenhaus und gewinnt: Die Chirurgin, die ihm die Niere entnommen hat, wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. „Die Ärztin ist aber immer noch in diesem Krankenhaus“, klagt Abdelnaim Abdallah. „Theoretisch habe ich Recht bekommen – aber sie hat eben die besseren Beziehungen: Bis heute hat sie ihre Haft nicht angetreten.“

KrankenhausWir versuchen im Krankenhaus nachzufragen. Doch noch vor dem Eingang stoppt uns der Sicherheitschef. Keine Interviews, keine Bilder ohne Erlaubnis des Direktors, verkündet er. Doch bis ins Büro des Direktors kommen wir gar nicht. Auch die Ärztin ist nicht zu sprechen. Und von Nierentransplantationen will hier keiner was gehört haben. Die amerikanische Hilfsorganisation COFS dokumentiert seit Jahren den zunehmenden Organhandel und Organklau in Ägypten. So lange das Gesetz, das die Organentnahme bei Hirntoten erlaubt, nicht verabschiedet ist, bleiben nur Lebendspenden, sagt der Büroleiter Amr Mustafa – von wem sie stammen, interessiert kaum jemanden. Vielen Ärzten fehlt die Moral. Denn es geht hier um sehr viel Geld. Eine Nierentransplantation kostet umgerechnet 12 000 Euro. Und zwei Drittel davon gehen an die Ärzte und ans Krankenhaus. Das ist für viele eine Versuchung. Insbesondere, weil man nach dem derzeitigen Gesetz weder den Arzt noch den Empfänger noch den Spender belangen kann, sofern offiziell kein Geld fließt und die Spende freiwillig geschieht.

Mutter von Ahmad Sabri Es ist ein Geschäft mit der Not: Ahmad Sabri, der seine Niere verkaufen wollte, aber kein Geld bekam, hat auch vor Gericht keine Chance: Er wohnt immer noch mit sechs Geschwistern im winzigen Haus seiner Mutter, ist deprimiert und fühlt sich krank. Die Witwenrente der Mutter reicht gerade für eine Mahlzeit täglich, Fleisch gibt es selten. „Wer sucht schon nach den Verantwortlichen?“, beklagt sich Umm Hani, Ahmads Mutter „Die Armen werden hier doch mit Füßen getreten. Mein Sohn ist gezeichnet, er kann nicht arbeiten und ist zu nichts mehr fähig. Aber was sollen wir machen?“ Wenn er die Enge zuhause nicht mehr aushält, geht Ahmad ein paar Schritte an den Nil. Das Mädchen, für das er eine Wohnung kaufen wollte, hat ihn auch ohne Geld geheiratet. Nun wünscht sie sich nur noch, dass Ahmad wieder arbeitet. Immerhin hat er  einen Arzt gefunden, der ihm hilft, auch mit einer Niere weiter zu leben.

(Quelle: swr/werg)

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