"Nachsitzen" mit 70...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Man hilft sich

Zwei ältere Frauen an einer SchulbankNachsitzen für Fortgeschrittene. Für sehr weit Fortgeschrittene. Und die Tricks sind mit 70 dieselbe wie mit Sieben.

Die Lehrerin:
"Pilar! Rosa - Jede für sich. Rosa, erstmal selber denken bevor du Pilar fragst!"

Eine Schülerin:
"Man muss eben den richtigen Moment erwischen. Erst wenn das Fräulein nicht aufpasst, darf man den Nachbarn um Hilfe bitten."

ABC-Schützen mit über 70 Jahren

Blick in das Klassenzimmer mit SeniorenDoch auf dem Stundenplan steht nicht Schummelstrategie, sondern Lesen, Schreiben und Rechnen für Rentner. Eine Seniorenschule in Madrid, dritte Klasse. Nati hat sich mit 75 Jahren für die letzte Bank entschieden, die klassische Lümmelposition. Aber sie ist die Klassenbeste, Liebling der Lehrerin.

Nati Blazquez:
"Vor zwei Jahren habe ich hier angefangen in der Schule. Und wenn Du die Wahrheit wissen willst: Damals wusste ich noch nicht einmal, was diese Zeichen zu bedeuten hatten beim Rechnen. Ich konnte nicht malnehmen, nicht teilen und nicht abziehen. Und jetzt kann ich das alles - das ist phänomenal. Und so ist es mit allem. Beim Schreiben war es auch fatal. Ich konnte nicht mal ein Formular beim Arzt ausfüllen. Und jetzt kann ich das zum ersten Mal in meinem Leben. Ich traue mir viel mehr zu."

Es ist eine typisch spanische Geschichte. Um sie zu verstehen, fahren wir ins karge Hochland von Kastilien: Steinig, heiß und trocken ist es hier. In dem Dorf Cabezas, wo sie aufgewachsen ist, besucht Nati ihre Geschwister. Arm waren die Leute in dieser Gegend immer - seit Jahrhunderten.

Aber dann kommt der spanische Bürgerkrieg 1936: Zerstörung, Vertreibung und in der Folge bittere Armut, auch nach dem Kriegsende 1939. Kampf ums Überleben, tägliche Suche nach Essen - in dieser Welt wächst Nati auf. Das typische Kinderschicksal dieser Generation: Arbeiten statt Lernen.

Von heute aus scheint das fremd und fern, und die Geschwister fragen sich, ob nicht auch ihnen ein bisschen Bildung zugestanden hätte.

Armut und Bürgerkrieg

Spätlernerin Nati und ihre SchwesterNati:
"Ich habe doch nicht die Schule geschwänzt, weil ich keine Lust hatte. Nein. Die Eltern haben mich das Vieh hüten geschickt. Und danach musste ich mit Serafin aufs Feld arbeiten."

Ihre Schwester:
"Aber Nati, das war doch so nach dem Bürgerkrieg. In der Zeit gab es doch praktisch keine Familie, in der die Kinder nicht arbeiten mussten."

"Aber wir mussten arbeiten von morgens Sechs bis abends Zehn", sagt der Bruder. "So war das doch."

Und jetzt eben: Lernen auf den letzten Drücker.

"Nein, das sind zwei Wörter. Die schreibt man getrennt, nicht zusammen."

Nachholen, was man als Kind versäumt hat, ist nicht leicht. Aber der Kurs ist ausgebucht. In Spanien gibt es Zigtausende, die wie Nati nie eine Schule besucht haben. Mit dem Alter wächst bei vielen der der Ehrgeiz.

Große Dankbarkeit der Schüler

Lehrerin Francisca RabazasLehrerin Francisca Rabazas:
"Weil sie schon älter sind, macht ihnen das Lernen mehr Mühe. Aber dafür kommen sie alle freiwillig. Jede Unterrichtsstunde ist für sie ein Schritt in eine neue Welt. Darum sind sie unglaublich dankbar. Das erlebt eine Lehrerin sonst in keiner anderen Schule. Die Schülerinnen begegnen mir, als würden sie mir ihr Leben verdanken."

Natis neues Leben. Die einst so fremden Ziffern, die sie im Mathematikunterricht gelernt hat, machen ihr heute keine Probleme mehr. Mit Geldscheinen bezahlen konnte sie früher auch. Aber beim Wechselgeld musste sie immer vertrauen, dass der Verkäufer sie nicht betrügt. Das ist vorbei. Inzwischen wundert sie sich, wie sie das fast ihr ganzes Leben lang ausgehalten hat.

Ein neues Leben

Nati BlazquezNati:
"Wenn ich mal rausgegangen bin, dann immer nur mit meinem Mann. Der hat auch immer alles für mich erledigt. Ich selbst habe mich um nichts kümmern müssen, wofür man Lesen und Schreiben musste. Erst als er vor ein paar Jahren gestorben ist, da wurde mir klar, dass es so nicht weitergeht. Dass ich endlich selbst was lernen muss. Das war ich mir auch schuldig, um mich selbst wertzuschätzen."

Und sie bewegt sich in Madrid, wo sie seit vielen Jahren lebt, endlich so frei wie alle anderen. Happy End für Spaniens gebeutelte Generation.

(Quelle: swr/ard madrid/werg)

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