Moderne Sklaven

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Die ehemalige Hausangestellte Enecita OngNein, es geht nicht um Mode für Schuhe. Aber New Yorker Aktivistinnen sind kreativ, wenn es um Aufmerksamkeit für den Kampf gegen Menschenhandel geht.

Sie kämpfen auf High Heels gegen jede Ausbeutung von Kindern und Frauen, auch gegen den Missbrauch von Hausangestellten. Eine moderne Form von Sklaverei für viele - sogar in einer Art Zirkuskostüm und auf Stelzen macht einer darauf aufmerksam.

Ein Aktivist:
"Das gilt erst recht bei Diplomaten," sagt er, "denn die werden sogar durch diplomatische Immunität vor Strafe geschützt."

Das ist Enecita Ong, sie stammt von den Philippinen, lebt in New York. Ausgangs der 90er Jahre kam sie als Hausangestellte eines Diplomatenehepaars aus dem Emirat Quatar mit einem Sondervisum für die Arbeit bei Diplomaten. Die nahmen ihr den Pass weg, sagt sie, dann folgten 15 Stunden Arbeitstage die ganze Woche, Hungerlohn, nur durch eine List konnte sie samt Pass entkommen. In der Ruhe einer Kirche nebenan kann sie darüber sprechen. Angeklagt hat sie die Diplomaten bis heute nie - aus Angst.

Enecita Ong, ehemalige Hausangestellte:
"Ich fühlte mich wie eine Sklavin, du warst zwar körperlich da, aber sie behandelten dich so, als würdest du nicht existieren," beschreibt sie die Arbeit auch bei Empfängen im Diplomatenhaushalt. "Die sehen dich nicht wie einen Menschen.." Inzwischen ist sie mit einem Amerikaner verheiratet, also sicher. Und trotzdem noch immer psychisch schwer verletzt. "Das war sehr demütigend", sagt sie.

Der New Yorker Stadtteil Queens. Hier leben viele Immigranten, auch solche ohne Visum, also illegal. Hier tauchen viele unter. Und hier treffen wir an einem Hinterhof eine Illegale.

Ninas Geschichte

Das Gebäude der Vereinten NationenNina, in Wirklichkeit heißt sie anders, will nicht erkannt werden, sie nimmt uns mit in ihre Kellerwohnung. Auch sie ist Philippina und auch sie kam auf einem Visum als Hausangestellte einer Diplomatenfamilie in die USA. Angelockt durch falsche Versprechungen begann ihre Leidensgeschichte. Erst nach über einem Jahr gelang ihr in einer Winternacht die Flucht aus dem Diplomatenhaushalt. Den Pass hatten sie ihr weggenommen. Das Visum gilt nur so lange, wie sie bei ihrem Arbeitgeber bleibt. Das ist wie eine Falle.

Nina X, ehemalige Hausangestellte (Name geändert):
"Meine Arbeit begann um sieben Uhr morgens bis abends gegen zehn", sagt sie.

Frage: "Sieben Tage die Woche?"

Nina antwortet: "Sieben Tage die Woche!"

"In neun Monaten bekam ich einen Tag frei, weil sie merkten, dass ich depressiv wurde. Ich durfte einen Tag mit der Hausangestellten des Nachbarn raus."

Nina malt. Sie malt sich als edle Dame, aber sie malt sich auch neben einer traurigen Freiheitsstatue in New York. Eine Frau, die keinen Ausweg findet - aber auch nicht auf die Philippinen zurück will. Denn dort wartet aus ihrer Sicht Armut auf sie.

Nina X, ehemalige Hausangestellte (Name geändert):
"Ich habe denen meinen Pass heimlich einen Monat vorher weggenommen, als ich meine Flucht sorgfältig plante."

Washington will durchgreifen

Staatsanwalt und Sonderbotschafter Luis de BacaIn Washington handelt man seit dem neuen Präsidenten Obama angesichts solch empörender Fälle viel entschlossener. An der Spitze einer Sonderabteilung im Außenministerium sitzt seit Mai einer der brillantesten Staatsanwälte und greift durch.

Luis de Baca, Staatsanwalt und Sonderbotschafter:
"Von jetzt an darf kein Diplomat Hausangestellte in die Vereinigten Staaten bringen, wenn er nicht nachweisen kann, dass er sie nach amerikanischem Arbeitsrecht behandelt und bezahlt und sie in keiner Weise missbraucht."

Lauro Baja beutete seine Angestellten aus

Der philippinische UNO-Botschafter Lauro BajaBei den Vereinten Nationen in New York sitzen 192 Botschafter für ihre Länder, auch der Botschafter der Philippinen. Botschafter Lauro Baja war hier bis vor zwei Jahren. Er wird beschuldigt, seine philippinische Hausangestellte ausgebeutet zu haben. Ein Richter in New York hob seine Immunität auf, doch der Botschafter ist längst zurück auf den Philippinen - pensioniert.

"Gerechtigkeit für Marichu" rufen Demonstranten. Marichu war die Hausangestellte dieses früheren philippinischen Botschafters. Marichu wehrt sich, ging damit an die Öffentlichkeit vor dem philippinischen Konsulat in New York und klagt sogar vor Gericht. Marichu ist mutiger als viele andere, die davon betroffen sind.

Marichu Baoanan schlägt zurück

Marichu BaoananMarichu Baoanan, ehemalige Hausangestellte
"Sie haben mich nicht wie einen Menschen behandelt, sagt sie. Viel Arbeit, kaum Lohn, sie nennt diese Erfahrung unterdrückende Sklaverei."

Der Botschafter, um den es geht, ist zwar weg, aber Marichu hat Chancen, vor Gericht wenigstens ihren Lohn zu erstreiten.

Trotzdem Nachfrage bei der UN: Wäre es nicht besser das Privileg der Diplomaten, Hausangestellte auf Sondervisum mit zu bringen, einfach abzuschaffen - wegen der Gefahr des Missbrauchs?

Unter-Generalsekretär UN Antonio CostaAntonio Costa, Unter-Generalsekretär UN:
"Es wäre falsch diese Regelung ganz abzuschaffen, nur weil einige wenige diese international ausgehandelten Regeln missbrauchen, aber den Missbrauch müssen wir hart bestrafen."

Nina, die Illegale, in New York auf dem Weg nach Hause. Sie hat, obwohl illegal, inzwischen gute Arbeit. An die amerikanischen Behörden möchte sie sich dennoch nicht wenden. Dann sagt sie uns noch, auf die Philippinen zurück will sie erst, um dort im Alter zu sterben. Dann taucht sie unter in der New Yorker Nacht.


(Quelle: BR/ARD/werg)

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