Artikel teilen! Missionieren im High-Tech-Land: Während in Europa die Kirchenbänke immer leerer werden, erlebt das Christentum in Südkorea einen wahrhafte ...
Radio S
nnenschein
Ihr Sender
mit
Während in Europa die Kirchenbänke immer leerer werden, erlebt das Christentum in Südkorea
einen wahrhaften Boom. Pastor Oh in Seoul zum Beispiel erreicht an einem Sonntag mit seiner Ansprache stolze 45.000 Gläubige. Gottesdienste in Megakirchen sind in, die Predigten kommen vom
Videoband. Das Christentum ist auf dem Vormarsch im ursprünglich buddhistischen Land. Christen und Buddhisten sind inzwischen zahlenmäßig schon gleichauf. Ungebremst auch der Trend zum
Missionieren: Südkoreas Missionare wagen sich selbst in die gefährlichsten Regionen der Welt. Und für den Fall, dass der Eiserne Vorhang fällt, haben sie für Nordkorea schon die fertigen
Kirchenbaupläne in der Schublade liegen.
Gottesdienst im High-Tech-Land Südkorea: Eine Kirche voller Monitore und Menschen: 2000
Gläubige hören auf drei Ebenen dichtgedrängt der Predigt zu – und zeitgleich weitere 6000 in mehreren Räumen eines Nachbargebäudes. Ein ganz normaler Sonntag in der presbyterianischen Freikirche
der Liebe in Seoul. Nur dass der Hauptpastor kurz mal seinen Platz verlassen hat. Die Gläubigen hören die Predigt vom Vormittag – eingespielt von der kircheneigenen Fernsehregie. Pastor Oh feiert
sechs Gottesdienste hintereinander. Dank der Aufzeichnung kann er zwischendurch auch mal Gäste empfangen, zum Beispiel uns. Kirchen hätten es in der Geschichte des Landes schwer gehabt, sagt er,
jetzt würden wir eine Phase der Wiedererweckung erleben. „Nicht nur Anzahl der Christen steigt, ihre Religiosität wird tiefer“ sagt Jung-Hyun Oh, von der SaRang Kirche. “Und über die Hälfte aller
wichtigen Leute in der Politik sind schon Christen: Nicht nur unser Staatspräsident, sondern auch der Premierminister, der oberste Richter und der Parteichef der Regierungspartei.“
Die Kirche der Liebe ist eine von Südkoreas Mega-Gemeinden, erst in den 70er Jahren
gegründet, hat sie 85.000 Mitglieder und 148 festangestellte Pastoren. Sie finanziert sich durch Spenden, in Südkorea gibt es keine Kirchensteuer. Nach der Predigt erscheint Pastor Oh leibhaftig.
Die Unterstützung des christlichen Staatspräsidenten gehört hier zum guten Ton. Und alle sollen hingehen – zu Nachbarn, Kollegen, Verwandten – für Jesus werben und für die Kirche der Liebe. Die
Erleuchtung am Abend. Südkorea hat schon über 50.000 Kirchen, die Mehrheit protestantisch. Das Land erlebt einen Boom in Neonrot.
Am
Stadtrand von Seoul: Ein riesiges Gebetszentrum. Es ist Donnerstag. Seung-Ni Ham ist eine von mehreren Hunderttausend Besuchern pro Jahr. Aus dem ganzen Land reisen an, viele bleiben einige Tage
und nehmen an allen Gottesdiensten Teil – von morgens früh bis Mitternacht, sieben Tage die Woche. „Ich bin hier, um Gott zu treffen“, sagt die strenggläubige Frau Ham. Sie ist überzeugt: „Wenn
man im Leben etwas möchte, dann muss man dafür beten.“ Und hier heißt das: je eifriger, desto besser die Erfolgsaussichten. Ein junger Pastor betet sich die Schweißperlen auf die Stirn. Frau Ham
und die anderen Gläubigen ziehen leidenschaftlich mit. Das ist erst der Beginn des Gottesdienstes. Sung-Kwang Kim bringt Ruhe rein: Er ist der Chefpastor einer Pfingstgemeinde in Seoul, die das
Zentrum unterhält. Viele koreanische Freikirchen funktionieren wie Unternehmen: Je besser der Pastor, je mehr Mitglieder er gewinnt, desto reicher wird die Kirche. Und wenn sein Dienstwagen
mitwächst – gilt das als gerechter Lohn für erfolgreiche Arbeit. Ein professioneller Betrieb, in dem zehn Pastoren für die Vorbereitung seiner Predigten angestellt sind. Pastor Kim verbreitet
nicht nur Gottes Wort, sondern treibt auch Geister aus. Frau Ham wurde so angeblich von ihren Hüftbeschwerden geheilt. Und Fasten und Beten gelten hier Heilungsmixtur gegen Krebs.
Missionieren, Beten, Bares geben – dann kommt auch viel zurück. Sei ein guter Christ, und das Leben
wird sich spürbar verbessern: Das predigen nicht alle Kirchen in Südkorea, aber viele haben damit Erfolg – und große Ziele. „Heute sind um die 20 Prozent der Bevölkerung christlich: Wir wollen 40
Prozent, 50 oder 60, 70 Prozent“, fordert Sung-Kwang Kim von der KangNam-Kirchengemeinde. „Je mehr, desto besser ist es für die Entwicklung des Landes.“ Die Christianisierung Südkoreas ging
einher mit der Modernisierung des Landes: Amerikanische Missionare brachten westliche Medizin und Bildung, katholische Priester kämpften an vorderster Stelle für die Demokratie und heute gegen
Korruption. In den Tempeln sprechen nun einige von Gefahren für das friedliche Miteinander der Religionen: Der Buddhismus ist schon ewig hier. Protestantische Missionare kamen erst vor gut 100
Jahren: Heute sind beide Glaubensgemeinschaften etwa gleich groß. Mit dem Segen der Regierung werde der Buddhismus an den Rand gedrängt, klagen die Mönche: Wichtige Posten gingen nur noch an
Protestanten. In manchen Kirchen wird Buddhismus abgekanzelt als Religion der Armen. „Sie betreiben eine aggressive Verchristlichung: Erst meine Familie, dann die Nachbarschaft, schließlich soll
das ganze Land christlich werden“, klagt Seung-Hwan Yoon, Sprecher des Jogyejong Tempels. „Das finden wir egoistisch. Wir sehen einen Trend, dass andere Religionen in Korea nicht mehr respektiert
werden. Das könnte langfristig zu Spaltung der Gesellschaft führen.“
Das Evangelium für
die Heimat – und den Rest der Welt: Selbst kleine Kirchen wie diese mit ein paar 100 Mitgliedern leisten sich oft Missionare im Ausland. Südkorea, heißt es, habe selbst von mutigen Missionaren
profitiert – nun zahle man zurück, kein Land ist zu gefährlich. Kirchen schmuggeln zum Beispiel nordkoreanische Flüchtlinge durch China und andere Länder bis nach Seoul. Pastor Joong-Seok Kim und
seine Gemeinde arbeiten an einem großen Plan: 15.000 Kirchen sollen im abgeschotteten Nordkorea gebaut werden, wo Christentum noch eine Art Todsünde ist. Auf seiner Weltkarte ein Kreuz an der
noch unüberwindbaren Grenze. Doch das verarmte Nordkorea sieht er vor dem Zusammenbruch: 23 Millionen Ungläubige – warten auf Erlösung. „In sehr naher Zukunft wird Gott die Tür öffnen. Auf diesen
Tag müssen wir vorbereitet sein.“
Zurück in der Mega-Kirche: Pastor Oh hören viele junge Menschen zu, sie wollen sich an
Jesus orientieren, häufig suchen sie auch ein Gemeinschaftsgefühl. Das bieten ihnen aktive Gemeinden, die oft sogar bei der Partnersuche helfen. Dann ein Werbesport: Eine größere Kirche soll
gebaut werden. Für Pastor Oh geht ein Marathontag zu Ende: Vor 45.000 Gemeindemitgliedern hat er heute insgesamt gesprochen. Bitte spendet mehr Geld, sagt er noch zum Schluss, für die neue
Kirche: und ganz sicher wird er erhört.
(Quelle: ws/swr/werg)