"Kampf" - Kirche

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Viele Kirchengemeinden in den USA haben ein Problem: Sie sind überaltert. Einige evangelische Nachwuchs-Pastoren haben nun eine neue Idee entwickelt: Brutalkampfsport, um junge Menschen wieder in die Gotteshäuser zu locken. Kaplan Travis aus Seattle kämpfte einst selbst in der Sportart „Ultimate Fighting“, die bis vor einigen Jahren in den meisten US-Bundesstaaten wegen ihrer außerordentlichen Brutalität verboten war. Jetzt zeigt er Kämpfe auf Videos in seinem Gotteshaus, wirbt Kämpfer als Gemeindemitglieder an und meint: „Die meisten Menschen denken bei Kirche doch immer an Weichlinge, an Waschlappen, die keinen Spaß haben und nur viele Verbote kennen“. Nächstenliebe predigen und dennoch draufzuschlagen, beten und kämpfen – für den Kaplan kein Widerspruch.

 Canyon Creek KircheDie Canyon Creek Kirche in Seattle. Die meisten der rund siebenhundert Gemeindemitglieder sind ungewöhnlich jung, fällt uns auf, und dann sehen wir Platzanweiser, die wie Ringrichter bei Kampfsport-Veranstaltungen angezogen sind. Kein Zufall: Kirchengründer und Pastor Brandon Beal sucht und findet viele seiner Schäfchen in der Kampfsport-Szene. Noch ist die Kirche zu klein, um hier auch Kämpfe austragen zu können, noch zeigt er alle paar Wochen nur Kampf-Videos. Doch Pastor Brendan hat schon eineinhalb Millionen Dollar für seine neue Kirche gesammelt, und die wird auch einen Boxring haben. Denn, so sein Motto: Jesus war der ultimative Kämpfer. Kaplan Travis sitzt neben den Platzanweisern in der letzten Reihe. Er ist für den Nachwuchs zuständig.

 Beim Training Travis nimmt uns mit auf seine Tour durch Seattles Kampf-Studios. Junge Männer, erklärt er, werden von den Kirchen kaum erreicht. Aber genau die sind es, die Seelsorge eigentlich nötig hätten, wenn sie wieder ´mal mit dem Gesetzt oder sich selbst nicht zurecht kommen. „Die denken bei ‚Kirche’ doch immer an Weichlinge, an Waschlappen, die keinen Spaß haben und nur viele Verbote kennen.“ Dieses Vorurteil wollen Travis und sein Pastor aufbrechen. Und viele Studios zeigen sich aufgeschlossen: Die Kampfsportbranche ringt mit ihrem schlechten Ruf, da kann ein Kirchenmann dem Image gut tun. Travis spricht einen Mann an, der morgen im Ring stehen wird – Danny kämpft besonders brutalen Freistil. „Du sollst wissen: Wir sind für Dich da, wenn Du Probleme hast, kannst Du mich jederzeit anrufen. Vielleicht können wir ja morgen vor dem Kampf für Dich beten“ so Travis. Doch Danny ist skeptisch: Der Bekehrungsversuch vor laufender Kamera könnte ihn ablenken. „Der Kampf ist wichtiger“ so Danny. Doch gegen ein kleines Gebet heute kann er kaum etwas einwenden: „Gott, gib ihm Weisheit und Stärke, Kraft und Schnelligkeit, und beschütze ihn.“

Kaplan Travis In den Kampfstudios der USA wird seit einigen Jahren „Mixed Martial Arts“ immer populärer, und auch Kaplan Travis trainiert MMA. Bis vor fünf Jahren war diese Kampfsport-Art, bei der so gut wie alles erlaubt ist, wegen ihrer Brutalität in den meisten US-Bundesstaaten verboten. Paßt Kirche trotzdem dazu? “Ja, wir brauchen einen positiven Einfluss in unserem Sport, denn wir haben eine schlechte Presse. Und vielleicht stimmt es diese Politiker, die uns verbieten wollen, ja um, wenn sie sehen, dass die Kirche uns unterstützt“ meint Domiko. Domiko ist Profi, er lässt sich von Travis und Pastor Brendon seelsorgerisch betreuen – wenn er die nicht gerade in die Mangel nimmt. „Also hier geht jetzt kein Blut mehr durch, da quetscht sein Arm die Arterie ab – also wird er ohnmächtig“. Travis zeigt ein paar Jugendlichen in der Kirche seine eigene Amateur-Kämpfe. Bei großen Profiturnieren locken sie so bis zu 150 Gemeindemitglieder in die Kirche. Aber auch der Kaplan kann brutal zuschlagen. „Kämpfen ist doch einen Großteil der jüdischen und christlichen Geschichte. Zum Beispiel Genesis 32, da kämpft Jakob mit einem Engel Gottes“ Und die Botschaft kommt an. „Viele Leute denken doch, dass Jesus eher so etwas wie Gandhi ist. Aber das ist nicht richtig. Jesus ist kein Weichei. Er hat keine Angst vor Leuten, die ihn bedrohen“, meint einer der Jugendlichen.

KampfAm nächsten Tag kommen Brendan und Travis zum Showdown. Insgesamt zehn Kämpfe gegen ein benachbartes Studio stehen auf dem Programm, viele der jungen Männer träumen vom Einstieg ins Profilager. Und für den gegnerischen Trainer geht es schlicht ums Image und ums Geschäft. Mehrere Hundert Pastoren in den USA werben inzwischen Kämpfer als Kirchgänger, Brendan ist besonders erfolgreich: TV-Auftritte, ein Buchvertrag, auch sie hier kennen ihn. „Unsere Kirche ist nicht eine typische Kirche. Ich bin jung, habe Tattoos, ich bin kein typischer Pastor“, sagt Brendan. „Ich selbst bin nicht religiös, aber das ist schon etwas Außergewöhnliches, was wohl junge Leute anzieht. Das ist irgendwie cool.“ sagt einer der Zuschauer. Danny wirkt, auch ohne Gebet, hoch motiviert. Der gegnerische Trainer will seinen Kämpfer schützen, aber dessen Niederlage kann er nicht aufhalten: Wenn Danny heute gewinnt könnte der Arbeitslose bald für Geld kämpfen, er kennt kein Pardon. Nach seinem Sieg stimmt Danny einem kurzen Dankesgebet zu. Und Brendan hat noch mehr Glück: Der Besitzer des anderen Studios will jetzt auch mit dem „Fight Pastor“ zusammen arbeiten. „Ich finde toll, was er macht, der Trend geht in diese Richtung. Die Leute denken doch: Das ist alles so brutal, und da kommen diese Jungs hier und bringen den Leuten Jesus nah, mit so einer Sportart, die viele furchtbar finden“, so der Gegner-Trainer.

Pastor Brandon Beal Für Travis und Brendan hat der Besuch sich gelohnt, ihre Kirche wird bald noch voller sein. Beten und Kämpfen – In einem Land ohne Kirchensteuer muss ein junger Pastor sich etwas einfallen lassen. Angefangen hat Brendan wie Travis, jetzt hat er drei Kinder, fährt einen Sportwagen. Natürlich geht es um Geld, aber: wir diskutieren noch lange, ob es nicht vielleicht auch etwas Gutes hat, wenn in Kirchen auch kräftige, junge Männer mitsingen, die sonst vielleicht ganz andere Ideen hätten...

(Quelle:SWR, ARD Washington, Werg)

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