Jobmaschine Army

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Jobsicherheit beim Militär

Anwerbebus an einer SchuleDer Bus ist seit Sieben hier, die Kugelschreiber mit Werbesprüchen für die Armee liegen bereit. Hier, in Texas, sind die Schulen Militär-freundlich, sagt uns das Rekrutierungsteam.

Sergeant Ryan Murphy:
"Wenn sie 15 Liegestütze schaffen, kriegen sie einen Kuli."

Doch die ersten Schüler wirken ablehnend, fast feindselig.

Sergeant Ryan Murphy:
"Wenn sie in ihrer Clique sind, dann sagen sie: Wir gehen nicht zur Armee. Aber sobald wir sie in Einzelgespräche kriegen, ist es einfacher."

Klassenweise werden die 15- bis 17-Jährigen in den Werbebus geschickt. An dieser Schule sind die Rekrutierungsoffiziere zum ersten Mal, das ist immer ein schwieriger Start, aber: Die Flugsimulatoren haben schnell dieselbe Faszination wie ihre Videogames und machen aus den trotzigen Kids schnell konzentrierte Kampfpiloten.

Kann dieser Junge sich vorstellen, sich zur Armee zu melden?
"Ich weiß noch nicht. Wahrscheinlich ja."

Ballerspiele, um Minderjährige ins Militär zu locken? Hier findet das niemand fragwürdig. Auch, weil eine Karriere als Berufssoldat für viele Kinder hier auf dem Land die wohl einzige Chance ist, einem schlimmeren Schicksal zu entgehen.

Ihr Lehrer:
"Wenn diese Kinder nach der Schule einen Job suchen, finden sie keinen. Und so ist die Armee eine wirklich gute Option. Denn ohne Ausbildung kannst du hier doch nur in Fast-Food-Läden oder als Drogendealer arbeiten."

Wer siebzehn ist, kann sich bewerben. Einige von ihnen beginnen, zu überlegen.

San Diego, Kalifornien. Busse des Marine Corps stehen vor der Ankunftshalle beim Terminal Zwei. Montags kommen die meisten an: 500 bis 600 junge Männer, die sich freiwillig zu den Marines gemeldet haben. Bauernsöhne, Ghetto-Kids, Muttersöhnchen - und die ersten Antworten, die wir bekommen, klingen immer gleich.

"Ich will meinem Land dienen."

Ich will meinem Land dienen. Doch geht es wirklich nur um Patriotismus und Abenteuerlust? Viele Marines könnten doch bald schon in Afghanistan kämpfen.

Ein junger MannEin Rekrut antwortet uns:
"Ich habe einen Job gesucht, aber niemand stellt ein. Die bevorzugen Leute mit Berufserfahrung. Und hier kriege ich eine Ausbildung und einen krisenfesten Job."

Das Niveau der Rekruten steigt

Ein Marines-AusbilderMit einem harschen Kommando beginnt für die Jugendlichen, die eben noch auf der Schulbank saßen, eine der wohl gefürchtetsten Militärausbildungen der Welt. 13 Wochen dauert die Grundausbildung eines Marines. 13 Wochen werden sie nicht einmal Telefonkontakt zu ihren Familien haben. Der letzte Anruf, den sie von einem Zettel ablesen müssen, teilt den Lieben zuhause mit, dass sie gesund angekommen sind. Das ist kein Anruf, von dem besorgte Mütter träumen.

Es ist vor allem die hohe Arbeitslosigkeit, die allen Waffengattungen des US-Militärs jetzt rekordverdächtige Bewerbungszahlen beschert.

Eine Soldatin:
"Unsere Sollstärke ist 202.000, und die haben wir schon vor einem Monat erreicht."

Und es sind nicht nur die absoluten Zahlen: Das Ausbildungsniveau ist deutlich höher geworden, immer mehr Rekruten mit College-Abschluss melden sich. Und das, obwohl die Marines schon bald die Hauptrolle in Afghanistan übernehmen sollen.

Mit Shows die Leute begeistern

Feuer, Flammen und RauchFlugshow in Houston, Texas. Luftschlachten und Militärtechnik lockten gestern über 100.000 an, eine Sympathiewerbung fürs Militär. 27.000 Menschen beschäftigt das Pentagon allein für Werbung und Anwerbung, eine ihrer spektakulärsten Waffen: Die virtuelle Kriegsshow. Ein ganzer US-Konvoi schießt sich durchs Feindesland, kein Vergleich zur schlichten Videoshow in der Highschool. Einer der Bordschützen: Dominique. Sie hat schon unterschrieben. Aufständische erschießen ist eigentlich nicht das Ziel der 18-Jährigen, sie will Köchin lernen beim Heer. Noch jobbt sie bei Fastfood-Ketten. Wie für viele hier verbinden sich Zukunftshoffnung und Patriotismus.

Ein besseres Leben durch das Militär

Eine junge FrauDominique:
"Ich glaube, wenn Präsident Obama 40.000 Verstärkungstruppen nach Afghanistan schickt, ist das eine gute Idee."

Es ist ein guter Tag für die Anwerbungsoffiziere, das war auch schon anders. Vor allem das Heer hat schwierige Jahre hinter sich, die Anwerbebüros akzeptierten selbst Übergewicht und Vorstrafen. Längst vorbei.

Wir treffen Dominique wieder: Erste Übungen zur Vorbereitung auf die Grundausbildung. Auch sie ist angelockt worden von den Versprechen, hier eine kostenlose Ausbildung und damit eine Zukunft zu bekommen:
"Ich will etwas lernen, einfach ein besseres Leben bekommen. Ich habe ein ziemlich hartes Jahr hinter mir."

Nach dem Training bringt ein Freund Dominique nachhause: Auch Avery kommt aus einem der trostlosen Vororte Houstons, er hat Dominique überredet, mit Hilfe der Armee dem Kreislauf von Armut und Kriminalität zu entkommen:
" Die Armee zerstört dich, und dann baut sie dich wieder neu auf. Und dann erkennst du, wer du wirklich bist."

Haben sie keine Angst, mit ihrem Leben für diese Entscheidung zu bezahlen?

Dominique:
"Dieses Risiko nehme ich in Kauf. Denn hier, wo ich wohne, da kannst Du auch beim Spazierengehen erschossen werden."

Wir fahren in eine umzäunte Wohnsiedlung. Ein paar Videokassetten, eine leere Wohnung mit einer einzigen Deckenlampe - Dominique ist bei ihrer älteren Schwester untergekommen und hütet deren Kind. Die Küchenschränke sind leer, das Gehalt der Schwester reicht gerade fürs Nötigste.

Dominique:
"Ich würde halbtags arbeiten, ganztags, als Saisonarbeiter, egal, Hauptsache, ich könnte hier etwas beisteuern und auch ein bisschen für mich behalten."

Doch weil es regnet kann sie keine Gelegenheitsjobs suchen.

Dominique:
"Ich habe nur diese Sandalen, keine richtigen Schuhe. Aber das ist schon okay…"

Ein hartes Leben - besser als vieles andere

US-Marines im LaufZurück in San Diego. Das Ausbildungs-Camp der Marines liegt gleich neben dem Flughafen. Die Marines, die hier trainieren, stehen kurz vor dem Ende ihrer Grundausbildung. Letzter Höhepunkt: Nahkampf, eine Kompanie gegen die andere. Sie haben etwas gelernt.

Disziplin, Härte, ein strenger Ehrenkodex, Selbstkontrolle - davon sind die Neuen, die gestern ankamen, noch weit entfernt. In den nächsten Wochen werden sie bis zu 15 Kilo verlieren für eine Zukunft bei den Marines. Immer noch besser als Fastfood-Ketten oder Drogendealer, glauben die meisten.

(Quelle: ws/br/ard/ap/werg)

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