Im Schatten der Krise

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Lorain, Ohio

Ein stillgelegtes StahlwerkAls Barack Obama zum letzten Mal hier war, im Vorwahlkampf, vor zwei Jahren, hatte er ihnen ein Programm zur Arbeitsplatzbeschaffung versprochen.

Lorain, Ohio. Der ehemaligen Industriestadt ging es schon damals schlecht, inzwischen ist die Lage dramatisch: Zu verkaufen, zu vermieten - Hier hat die Wirtschaftskrise auch in diesem Jahr Tausende weiterer Jobs vernichtet.

Auch das Stahlwerk hat wieder entlassen, statt Zwölfhundert im Vorjahr blieben nur noch zweihundert. Mike nicht.

Mike Townsley:
"Ich habe zwölf Jahre da gearbeitet, am ersten Februar haben sie mich entlassen."

Mike Townsley:
"Diese Jobs sind für immer weg, die kommen nie mehr zurück. Hier wird niemand mehr 30 Dollar pro Stunde verdienen. Über die Hälfte meiner Bekannten ist alleine durch die Schließung des Stahlwerks betroffen oder die der Zulieferfirmen. Die sind wegen der Stahlkrise auch alle zu."

Das kleine Windrad In Mikes Garten ist seine ganze Hoffnung. Präsident Obama hat versprochen, auch in Ohio neue, grüne Arbeitsplätze zu schaffen. Gemeinsam mit seinen ebenfalls arbeitslosen Freunden will Mike eine Firma gründen und solche Windräder verkaufen. Doch sie alle haben schon keine Krankenversicherung mehr, die Raten fürs Haus sind überfällig.

Schlaflose Nächte

Mike TownsleyMike Townsley:
"Jede Nacht ist eine schlaflose Nacht. Ich habe zwei Kinder, und meine Frau arbeitet so viel sie kann um uns durchzubringen, aber…"

Carrie Ragnoni:
"Du bewirbst Dich auf eine Stelle, aber da sind 400 weitere Bewerber. Es gibt schlicht keine Jobs. Und Du machst trotzdem weiter, und versuchst es…"

Vince:
"Irgendwie schaffen wir das, komm, wir geben nicht auf."

Die neue Firma ist ihre letzte Chance. Broschüren haben sie schon, sie suchen Geschäftspartner, Kunden, Kontakte. Und sie hoffen, dass Obama seine Versprechen einlöst.

Ein blasser Hoffnungsschimmer

Präsident Obama bei einer WerksbesichtigungDoch der hat viele Lorains. Ein paar Millionen aus Obamas Konjunkturprogramm hat die Stadt in Umschulungsprogramme gesteckt: Für die neuen Technologien müssen arbeitslose Stahl- und Autoarbeiter hier erst einmal ausgebildet werden.

Großer Andrang an den Kartenschaltern: Obamas Rückkehr nach zwei Jahren, diesmal als Präsident, ist ein kleiner Hoffnungsschimmer. Er hat uns nicht vergessen, hoffen die Menschen hier.

Eine Frau hat ein Ticket ergattern:
"Mein Gott, das ist der Traum meines Lebens."

Was erwartet sie von Obama, worüber will sie mit ihm reden, wenn sie aufgerufen wird?

"Über meine Umschulung. Ich bin eine entlassene Stahlarbeiterin."

Sie alle hier haben ähnliche Fragen:

"Ob er die Arbeitslosigkeit beenden kann."

"Was können sie für die Wirtschaft hier tun."

"Mehr Jobs."

Hat sich die Stimmung, so wie im ganzen Land, auch hier gegen Obama gewendet? Den kleinen Salon müssen sich seit einigen Monaten zwei vorher selbstständige Friseure teilen - Arbeitslose sparen zuerst am Haarschnitt. Auch ihr Bild von Obama hat sich verändert durch die Krise.

Kundinnen im Salon:
"Er hat gute Pläne, aber die werden nicht richtig umgesetzt. Da fehlt es einfach an Nachdruck."

"Er redete immer sehr schön, aber hat dann nichts hingekriegt. Ich habe viel mehr erwartet."

"Sind ihre Freunde auch enttäuscht?"

"Oh ja, sehr. Fast jeder."

"Alles steht still"

Ein Arbeiter verpackt WarenGoodwill ist eine karitative Organisation. Firmen der Umgebung gaben Goodwill Gelegenheitsaufträge - einfache Jobs für ungelernte Arbeiter, die hier dann ein paar Dollar verdienen können. Doch mit dem Wegbrechen der Industrie in Lorain blieben die Aufträge aus. Statt einst hundert Hilfsarbeiter kann Goodwill nur noch ein Dutzend bezahlen.

Bob Rees, Geschäftsführer:
"Alles steht still. Ich bin zwar gar nicht so negativ wie andere, aber ich sehe auch kein Licht am Ende des Tunnels."

Das Geschäft des Pfandleihers blüht

Ein Mann vor einem Regal"Wir kaufen Gold" - Der Pfandleiher in Lorain ist eines der wenigen blühenden Unternehmen hier. Besitzer Mike macht ein Viertel mehr Umsatz, für viele Arbeitslose ist er die letzte Adresse. Dieser Mann wollte etwas auslösen - zu spät, meint Mike.

Mike:
"Er hat im Juli etwas verpfändet, aber nie dafür bezahlt."

Mikes Lager ist voll. Die meisten Kunden reden nicht gerne über ihre private Situation, meint er, aber es sind doch immer dieselben Geschichten: Entlassung, Wegfall von Pension und Krankenversicherung, Zwangsversteigerung des Hauses.

Mike:
"Die brauchen dann Geld für Arztrechnungen, oder für Benzin, um zur Arbeit zu fahren. Und für die Leute machen 40, 50 Dollar oft schon einen Unterschied. Das bringt sie durchs Wochenende. Die leihen sich nicht Hunderte hier. Es muss nur bis zum nächsten Scheck am Freitag reichen."

Und dann ist Obama da. Er gibt sich kämpferisch, nach der Niederlage von Massachusetts, die seine Präsidentschaft verändert hat. Mike filmt jedes Wort, aber natürlich hat der Präsident kein Patentrezept für Lorain mitgebracht. Der Wallstreet will er Zügel anlegen und weiter für die Gesundheitsreform kämpfen, er spricht zu ihnen, aber für die Abendnachrichten.

Und dann muss er zurück, über gesperrte Straßen. Es geht so schnell, dass auch wir kaum noch ein Bild von ihm erhaschen.

Hartes Leben, aber kein Gejammer

Eine winkende Frau in einem KostümSie winkt, aber das hat schon längst nichts mehr mit Obama zu tun: Heather hat einen Vier-Stunden-Job ergattert: Autofahrer anlocken, Werbung für einen Steuerberater. Hat sie versucht, etwas Besseres zu finden?

Heather:
"Ja, ständig."

Was sucht sie?

"Ich kann vieles: Tippen, oder schwere Lasten hochheben."

Und dann vergeht ihr doch das Lachen für ein paar Sekunden.

"Ja, es ist schon hart. Aber das ist okay. Man muss optimistisch sein."

Sie muss laut Vertrag für ihre paar Dollar fröhlich sein. Aber auch die meisten anderen, die wir trafen, kämpfen ohne zu jammern. Vielleicht ist ja das ihre Chance hier...

(Quelle: ARD-Washington/br/werg)

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