Gefährliche Scheidung

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Habiba mit einem Bündel Holz auf dem RückenWie jeden Tag schleppt Habiba die Holzbündel nach Hause. Es ist die Arbeit der Frauen auf den Dörfern Marokkos. Auch Habibas Mutter schleppt Körbe mit Grünzeug für das Vieh heran. Die Familie lebt auf dem Land, am Fuße des Hohen Atlas. Hier heiraten die Mädchen meist schon mit 15 Jahren. Mitreden dürfen sie nicht, der Vater bestimmt. Auch bei Habiba war es so: sie musste mit 15 einen ihr unbekannten Mann heiraten, der älter war als ihr eigener Vater, die Ehe war eine Folter für sie:

Habiba:
"Ich habe mich scheiden lassen, weil er nicht gearbeitet hat, und er hat mich gequält. Ich habe nichts mehr gegessen – es war immer das gleiche, ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten, deshalb habe ich die Scheidung eingereicht und ich habe dafür bezahlt."

Bezahlt, weil geschiedene Frauen in Marokko noch immer gesellschaftlich geächtet sind.

Habiba:
"Ich kann machen. was ich will; ich arbeite hart, aber die Leute reden schlecht. Sie sagen, ich habe keinen Charakter, sie verachten mich."

Geschiedene Frauen bleiben fast immer mittellos, sie müssen sich selbst durchschlagen. Es steht ihnen laut Gesetz zwar Unterhalt zu, doch so gut wie nie zahlen die Männer. Auch bei Habiba ist das so und so bleibt ihr nichts anderes übrig als wieder bei den Eltern zu wohnen.
Immerhin kann sie das, oft werden solche Frauen auch aus der Familie verstoßen. Auch Habibas Familie war lange gegen die Scheidung.

Die Tradition weicht dem Gesetz nur langsam

Die Eltern von HabibaMutter Djamila:
"Er hat sie misshandelt, aber ich habe sie immer wieder zu ihm zurückgeschickt. Ich habe gesagt: Du musst das aushalten, aber irgendwann kam sie und hat gesagt: Ich werde weg gehen und nicht wieder kommen, wenn ihr mir nicht helft."

Verachtet, erniedrigt, ohne Perspektive so sieht sich Habiba, aber immerhin befreit von einer quälenden Ehe, einem schlagenden Mann. Das ist schon ein Fortschritt, denn früher durfte nur der Mann sich scheiden lassen, nicht die Frau.

Vor dem Gesetz sind beide annähernd gleich gestellt, die Wirklichkeit ist eine andere. Über 80 Prozent der Frauen auf dem Land sind nie zur Schule gegangen, sie schuften von früh bis spät, woher sollen sie ihre Rechte kennen. Und so regiert die Tradition. Zum Beispiel auch bei der Heirat von Minderjährigen.

Hassan, Habibas älterer Bruder will uns seine künftige Braut vorstellen. Sie wohnt im Nachbardorf. Hassan ist 28, im Juli wird Hochzeit sein. Die 15-jährige Fátima ist seine Braut. Laut Gesetz darf eine solche Ehe nur mit richterlicher Ausnahmegenehmigung vollzogen werden. Ein Richter kann zustimmen, wenn er das Kind per Augenschein als körperlich reif genug ansieht. Und es gibt genügend Richter, die der Tradition verhaftet sind, oder, die sich bezahlen lassen.

Wenn die Heirat zur Pädophilie wird

Familienrechtler Hussein RajiWas Fátima selber von ihrer Heirat hält, erfahren wir nicht. Diese Frage stellt hier üblicherweise auch niemand. Über 30.000 Ehen mit Minderjährigen wurden alleine im vergangenen Jahr genehmigt. Engagierte Familienrechtsanwälte wie Hussein Raji, der sich ehrenamtlich für die Menschenrechtsorganisation Ennakhil in Marrakesch einsetzt, prangert solche Ausnahmeregelungen an.

Hussein Raji, Anwalt:
"Das ist ein sehr großes Problem: Wir sprechen von Pädophilie in der Ehe. Die Gerichte autorisieren und verwalten ganz offiziell Fälle von Kindesmissbrauch, alles ist gesetzmäßig. Aber wir sprechen hier von einer Heirat mit Kindern. Meiner Ansicht nach ist das ein Massaker."

Ehen mit Minderjährigen, Polygamie und verstoßene geschiedene Frauen, das gibt es nicht nur auf dem Land tausendfach, sondern ebenso in Metropolen wie Marrakesch. Latifa lebt hier. Sie hat eine Zeit der Gewalt, hinter sich. Latifas Martyrium begann mit ihrer Ehe. Erst mit dem neuen Familienrecht und mit Unterstützung der Hilfsorganisation Ennakhil konnte sie sich von ihrem Mann befreien.

Ehe als Martyrium

LatifaLatifa:
"Er hat mir den Kiefer mit dem Nudelholz zerschlagen. Ich konnte zwei Monate nichts Festes essen. Er hat mir die Zähne ausgeschlagen und mit einer Eisenstange auf den Schädel gedroschen, ich war drei Tage bewusstlos. Er hat mir die Hände mit dem Messer aufgeschlitzt. Und als wir einen Termin vor Gericht hatten, wollte er mir die Hand abschneiden. Er hat gesagt: damit ich die Scheidungsurkunde nicht unterschreiben kann."

Jahrelang hat Latifa ihren gewalttätigen Mann ertragen. Nur ein Bruder hielt zu ihr und später die Hilfsorganisation. Jeden Tag kommen 20 bis 30 Frauen hierher. In jedem Ordner sind Dutzende Akten, alle mit Geschichten, die der von Latifa ähneln. Scheidung, das ist für die meisten Frauen in Marokko der allerletzte Ausweg: Gesellschaftlich führt er ins Abseits und materiell fallen die meisten Frauen ins Bodenlose, selbst wenn sie in der Theorie inzwischen mehr Rechte haben.

Latifa:
"Das Gericht hat mir den Unterhalt für meine Töchter und mich zugesprochen. Ich habe vor Gericht Recht bekommen, aber er zahlt nicht und ich will es nicht einklagen. Er wird mich angreifen, vielleicht umbringen. Nein, ich will nur meinen Frieden und dass er mich in Ruhe lässt."

Auch Habiba will nur noch ihren Frieden. Für sich sieht sie keine Zukunft. Ich werde krank, wenn ich nachdenke, sagt sie uns und: ich fühle mich wie ein Sack, den man von hier nach dort tragen kann.

Habiba:
"Schau, wir Frauen haben keine Rechte. Die Leute reden über mich, haben keinen Respekt. Ich lebe nur für meine Töchter, sie sollen etwas lernen. Die Kleine soll Lehrerin werden, die große Ärztin. Ich bin verloren, aber ich werde alles tun, damit meine Töchter es einmal besser haben."

Und so schuftet sie von morgens früh bis abends spät, damit ihre beiden Töchter zur Schule gehen können, damit sie lernen, welche Rechte sie haben und damit sie einmal unabhängiger sein können. Das ist Habibas Traum, doch noch weiß sie nicht einmal, wie sie es schaffen soll, genug Geld für das nächste Schuljahr aufzubringen.

 

(Quelle: ard,br,dpa,werg)

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