Feierlich ins "Jenseits"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Flirt mit dem Jenseits

Gräber auf dem Friedhof werden dekoriert.Mexiko Anfang November - ein ganzes Land feiert die tröstliche Vorstellung, dass die Toten zurückkehren. Man malt sich schaurige Gesichter an und freut sich über lustige Schädelpuppen. So sieht das Familientreffen an den Gräbern aus.

Ein Friedhofsbesucher:
"Mit den Kerzen leuchten wir den Verstorbenen heim. So können sie den Weg einfacher zu uns finden."

Mit Bananen oder Orangen dekorieren Familienangehörige phantasievoll die Gräber, denn die Seelen brauchen auf dem langen Weg aus dem Jenseits Unterstützung. Eigenartig fröhlich und gleichzeitig ernsthaft geht es auf dem Friedhof zu. Manche breiten Tischtücher aus, dann wird die Tafel mit den Lieblingsspeisen des Verstorbenen gedeckt.

Und man geht auch ganz weltlichen Genüssen nach - man prostet sich zu oder sucht, ganz nüchtern, seinen Profit - so sieht in Mexiko die Fiesta auf dem Friedhof aus.

"Für die einen ist es eine Feier, für die anderen Erinnerung. Und für mich ist es ein Geschäft", sagt dieser Verkäufer von Zuckerwatte.

Die Friedhöfe gleichen einem einzigen Lichtermeer - Rastplatz für die Seelen. Schon seit Wochen sind die Vorbereitungen in vollem Gange, gerade auf den Märkten. Nicht fehlen dürfen die Cempasúchitl-Blumen - ihr Orange soll die Seelen anlocken.

Den Toten Wege bauen

Eine ältere Frau richtet einen Hausaltar herIn den Häusern bauen die Menschen kleine Hausaltäre, "Ofrendas", auf - auch das gehört zu den Feierlichkeiten. In der Familie von Catalina Rojas hat das lange Tradition. Mit Blumen, Gebäck und Lieblingsspeisen des Toten schmückt die ältere Frau den Altar ebenso wie mit Fotos der Verstorbenen. Dann wird noch Copal entzündet, ein Räucherharz, das böse Geister vertreiben und so den Toten den Weg nach Hause erleichtern soll.

Catalina Huacuja Rojas:
"Zunächst einmal bauen wir den Weg für die Seelen," erklärt uns Catalina. "Das machen wir mit den Blumen. Der Bogen symbolisiert die Tür für die Toten - hier können sie eintreten."

Entspanntes Verhältnis zum Tod

Ein steinerner TotenkopfDer Mexikaner scheint ein entspanntes Verhältnis zum Tod zu pflegen. Denn schon ihre Vorfahren, die Azteken, sahen den Tod nicht als Ende, sondern als Anfang neuen Lebens.

Und in der Großfamilie Rojas gehört es auch zur Tradition, vor dem 1. November mit der Massenproduktion von schaurig-süßen Totenköpfen zu beginnen. Aus Zuckerguss formen sie "Calaveras de Dulce", nett-gruselige Schädel, die dann später auf den Märkten verkauft werden. So lecker kann der Tod mitunter sein.

Netter Friedhofskitsch

Die Rojas-Töchter beim Dekorieren"Wir geben uns bei den Dekorationen immer große Mühe", meint eine der Töchter. "Bei den Verzierungen gibt es viele Variationsmöglichkeiten."

Der Tod hat von seinem Schrecken etwas verloren und mitunter scheint sich der Mexikaner sogar über ihn lustig zu machen. Und so gibt es auf den Märkten alles Erdenkliche zu kaufen: Skelette aus Pappmaché und anderen lustig gruseligen Kitsch.

"Wir haben Totenköpfe in allen Variationen", preist diese Verkäuferin ihre Ware an. "Aus Schokolade und sogar aus Soße."

Fiesta auf dem Friedhof

Musikanten auf dem FriedhofAll das sind nur die Vorbereitungen für die Fiesta auf dem Friedhof. Die beginnt dann am 1. November. Den ganzen Tag lang feiern die Mexikaner an den Gräbern das Zwiegespräch mit ihren Verstorbenen - auch die Familie Rojas. Dann setzt sich die ganze Verwandtschaft zusammen, packt die mitgebrachten Essenssachen aus und lässt bei Tequila und Taco die Toten mal so richtig hoch leben.

Der Vergänglichkeit trotzen

Catalina Huacuja RojasCatalina Huacuja Rojas:
"Sehen Sie, unsere Familie sieht sich auch nicht so oft und dann erinnern wir uns an den Verstorbenen. Wir weinen ein wenig zusammen und lachen gemeinsam."

Der Tag der Toten zählt in Mexiko zu den wichtigsten Feiertagen. An ihm versuchen die Menschen, dem Schmerz eine Erinnerung und das Gefühl der Zusammengehörigkeit abzuringen. So will man einmal im Jahr der Vergänglichkeit trotzen.

Der Mexikaner, das wird uns klar, hat ein ganz besonderes Verhältnis zum Tod.

(Quelle: BR/ARD/werg)

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