Ein gefählicher Job...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Keine Post für Pudlov

Daniela PohladkovaDaniela Pohladkova ist erst seit drei Monaten Postbotin. Sie ist Anfängerin und Anfänger werden hier in Bohumin immer auf die so genannte Pudlov-Route geschickt. Auf die gefährlichste Route für einen Briefträger in Tschechien. Die kläffenden Hunde sind hier nicht das Problem.

Daniela Pohladkova, Briefträgerin:
"Am Anfang hatte ich Angst vor den Hunden, jetzt nicht mehr. Sie springen ja manchmal bis hier hoch und reißen einem die Briefe aus der Hand. Doch davor habe ich jetzt keine Angst mehr."

Wovor dann fragen wir?

"Nicht vor Hunden - die Menschen hier werden hier manchmal sehr unangenehm."

Unangenehm ist der freundliche Ausdruck. Um drei Wohngebieten macht Daniela Pohladkova jetzt ganz offiziell einen großen Bogen. Hier wird die Post nicht mehr zugestellt. Briefträger wurden da angepöbelt, geschlagen - einer wurde von den Bewohnern ins Koma geprügelt. Die Briefträger dürfen nicht mehr darüber reden, winken beim Thema ab.

Wir gehen in eines der Viertel, wollen fragen, wieso Briefträger hier nicht willkommen sind. Wir sind am Ortstrand von Bohumin, einer Stadt 400 Kilometer östlich von Prag. Die Arbeitslosigkeit in vielen dieser Häuser liegt bei weit über 50 Prozent. Pudlov ist ein typisches tschechisches Ghetto. Aus den Innenstädten wurden die Menschen gemobbt und wohnen nun am Stadtrand. Hier sieht sie keiner, hier kommt kein Tourist vorbei und seit neuestem auch kein Briefträger.

Die Bewohner werden einfach wieder neu gedemütigt, diskriminiert, sagt Vladimir Slepcik. Die Stadt lasse die Menschen allein, wolle dass sie weg ziehen, ein neuer Versuch. Wir wollen von den Bewohnern wissen. wie es denn dazu kam, dass ein Briefträger im Koma lag, weil er brutal zusammengeschlagen wurde. Davon will keiner etwas wissen, auch Vladimir Slepcik meint sie sei einfach nur hingefallen.

Vladimir SlepcikVladimir Slepcik:
"Die Briefträgerin war doch so dünn, und hatte diese schweren Taschen - sie ist einfach nur umgekippt mehr war da nicht."

Ein Beispiel für Ghettoisierung

Kumar VisvanathanEs war mehr - das wissen sie alle. Aber sie sprechen nicht gern darüber, weiß auch der Sozialarbeiter Kumar Visvanathan. Er sammelt Unterschriften, um die Post zu überzeugen wieder hierher zu kommen. Doch so wie die Post schwer zu überzeugen ist, sich anzupöbeln zu lassen, sind auch die Menschen hier schwer zu überzeugen, zu Behörden freundlich zu sein.

"Es ist doch so", beschwert sich ein Bewohner beim Soziarbeiter. "Die Postboten bringen uns doch auch Schecks mit unserer Sozialhilfe. Die geben sie uns einfach aber nicht so, sondern wollen dafür von uns bestochen werden. Das geht doch alles nicht. Das ist doch nicht fair. Und dann wunderst du dich, dass die Briefträgerinnen geschlagen werden.

Wenn es jetzt in Bohumin ganz wichtige Dokumente zuzustellen gibt, kommt die Polizei und bringt die schlechten Nachrichten den Bewohnern.

Kumar Visvanathan will uns morgen zeigen, was gegen das Problem der Ghettoisierung gemacht werden kann - doch spät am Abend könnte es hier zu gefährlich für uns werden.

Ein echtes Problemviertel

Verhaftung nachts in BohuminWir setzten uns zu Olin Dudak und Marek Tomas ins Auto. Sie zeigen uns das ganze Elend in Bohumin. 80 Prozent der Bewohner hier seien Roma, erzählen uns die Beiden und so etwas wie eine ruhige Nacht gibt es hier nicht. Kollegen rufen die Beiden zur Hilfe. Probleme bei einer Verkehrskontrolle sehen in Bohumin so aus. Es wird viel gerufen und geschrien - doch so richtig interessiert es hier keinen. Bohumin bei Nacht.

Der nächste Morgen. Vera Hotsniakova trägt jetzt die Post in Bohumin aus. Sie hat ein halbes Jahr keine Sozialhilfe bekommen, weil ihr ein wichtiger Brief nicht zugestellt wurde. Nun nimmt sie im Auftrag der Bürger die Post selbst in die Hand, bringt Rechnungen und Einschreiben schon seit mehreren Wochen. Bislang ohne Probleme.

Ein Kleinkrieg zwischen Bewohnern und Behörden

Vera HotsniakovaVera Hotsniakova:
"Wir brauchen die Briefe doch. Einige haben doch keine Zeit und einige sind doch nicht Zuhause, um selber zur Post zu gehen. Und einige haben doch kein Arbeitslosengeld bekommen, weil es keine Post gab."

Doch es ist nicht nur die Post, auf die die Bewohner hier schimpfen. Sie werden im Stich gelassen von der ganzen Gesellschaft meinen sie. Die Innenstädte werden saniert, da können sich Sozialschwache keine Wohnung leisten. Und so entstehen in ganz Tschechien diese sozialen Brennpunkte: Kinder gehen nicht zur Schule, wachsen in Armut auf. Endstation Bohumin. Sie lernen hier so zu leben wie ihre Eltern - ohne Chance auf ein Leben danach. Vor Jahren war eine Wohnung hier am Stadtrand der Lottogewinn - jetzt bekommt man hier nicht einmal mehr die Post.

Kumar Visvanathan zeigt uns, wie es besser laufen kann. Sein Verein "Gemeinsames Zusammenleben" kümmert sich um Familien, damit sie auch in der Stadt Miete zahlen und von den Behörden nicht in Ghettos abgeschoben werden. Denn bei den Behörden gibt es null Toleranz. Familie Viola hat erst vor wenigen Tagen ihre Kinder zurückbekommen. Sie waren fünf Jahre im Heim, wurden der Familie weggenommen, weil die Behörden meinten, die Familie wäre sozialschwach. Jetzt muss alles besser werden.

Nach fünf Jahren wieder mit den Kindern zusammen

Familie Viola wieder zusammenBarbora Violová:
"Wir haben lange gekämpft. Fast fünf Jahre. Mehr als fünf Jahre mussten wir kämpfen, damit wir unsere Kinder zurückbekommen. Sie waren die ganze Zeit im Heim. Und nun hat es funktioniert. Das Problem war: Wir hatten keine Wohnung, weil wir kein Geld hatten."

Visvanathan versucht die Behörden davon zu überzeugen, dass auch Sozialschwache in Innenstädten wohnen dürfen. Wenn keine sozialen Brennpunkte entstehen, könne auch die Stadt sparen.

Daniela Pohladkova würde es auch freuen: Keine sozialen Brennpunkte - ein sicheres Leben für Postbooten. Es geht zurück von der Pudlov-Route. Sie wurde nicht beschimpft und auch nicht bedroht. Morgen muss sie wieder los, wieder Pudlov.

(Quelle: ws/br/werg/daserste.de)

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