Sex und Fußball

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Prostituierten-Verbände fordern die Legalisierung der Prostitution, spätestens bis zur Fußballweltmeisterschaft. Dieser Vorschlag wird in Südafrika derzeit gerade heftig diskutiert. Sogar in einem Parlamentsausschuß. Dabei geht es dem „horizontalen“ Gewerbe nicht nur um eine Gewinnmaximierung angesichts eines sportlichen Großereignisses, sondern vor allem auch um Aids-Prävention. Das Argument: Nur durch Entkriminalisierung der Prostitution ließen sich Druck auf Freier ausüben, Kondome zu benutzen.

RotlichtmilieuSamstag ist der beste Tag um Geld zu verdienen, wenn sie einen lassen. Kunden gibt es genug in Hillbrow. Prostituierte auch. Doch die leben gefährlich, denn die Polizei ist hinter ihnen her, vor allem am Wochenende. „Fünf Mal haben sie mich mit dem Schlagstock geschlagen“, klagt die Prostituierte Ntombi. „Eine halbe Stunde ist das her.“ Der Polizei traut niemand. Wie sollten sie auch, nach solchen Erfahrungen. „Die Polizisten vergewaltigen uns und sie zwingen uns ohne Kondom mit ihnen zu schlafen“, erzählt eine andere. Wer seinen Körper verkauft, gilt als rechtlos. Und jetzt vor der Weltmeisterschaft kennt die Polizei erst Recht keine Gnade. “Wenn die weiter so hart gegen Sex-Arbeiter vorgehen, werden die noch mehr an den Rand gedrängt, in die noch dunkleren Ecken“, erklärt Eric Harper von der Sexarbeiter-Vereinigung S.W.E.A.T. „Die Fußball-Fans werden trotzdem Sex haben wollen, sie werden in den dunkelsten Ecken suchen. Und dann bekommen wir genau die Schlagzeilen, die keiner haben will: Fußballtouristen ermordet, steht dann da.“

Prostituierte Downtown Johannesburg, dort wo sich kein Weißer hintraut, stehen sie. Vor den einschlägigen Hotels und Nachtclubs. Busie, so nennt sie sich, kam vor 11 Jahren aus der Provinz in die Stadt. Jetzt ist sie 26. Bis zu 35 Kunden bedient sie in einer Nacht, wenn es gut läuft. “Das ist ein guter Job für mich, einen anderen bekomme ich nicht. Ich kann doch nicht stehlen oder jemanden umbringen“, sagt Busie. „Ich brauche Geld um meine Familie zu unterstützen, meine Kinder in die Schule zu schicken. Dieser Job bringt mir all das Geld das ich brauche.“ Wie Busie denken viele, die Konkurrenz ist groß. Es ist eine Binsenweisheit: Sex verkauft sich immer. In Südafrika mag Prostitution verboten sein, die Angebote sind trotzdem eindeutig. Und Sex ist billig: Bei umgerechnet 5 Euro geht es los. Auch sie träumen von der Fußballweltmeisterschaft. Hoffen auf zusätzliche Kunden, wissen aber auch, dass das nicht leicht wird. „Wenn wir uns rausputzen mit Miniröcken lassen sie uns erst gar nicht zu den Stadien“, beschwert sich Busie. „Sie würden uns einfach verhaften. Einziger Weg ist, sich normal anzuziehen, so tun als wärst du kein Sex-Arbeiter und so deinen Kunden zu finden.“

Prostituierte Die Erwartungen an die Fußball-WM sind hoch, übertrieben hoch, in ganz Südafrika. Die Sex-Arbeiter machen da keine Ausnahmen. Immerhin für die Selbsthilfegruppe Sisonke ein Grund noch mehr Aufklärungsarbeit zu leisten. Prostituierte helfen sich gegenseitig, denn sonst hilft ihnen keiner. Sex nur mit Kondom. Das ist die immer gleiche Formel, die sie seit Jahren verbreiten. Vor allem auch um sich selbst zu schützen. „Wir wollen zeigen, dass wir Sex-Arbeiter Kondome benützen, auch wenn wir mit Sex unser Geld verdienen. Und wir fordern die Leute auf auch Kondome zu benutzen. Wir sind nicht das Problem“, darauf besteht Jacob Matsanmai von der Selbsthilfegruppe, wir sind nicht die, die HIV und AIDS verbreiten.

Medikamentenabgabe Unter den Sex-Arbeitern ist die HIV-Infektionsrate drei Mal so hoch wie beim Rest der Bevölkerung. Hier stehen die Frauen an zur medizinische Sprechstunde, einmal in die Woche. Normale Krankenhäuser lehnen Prostituierte oft ab. Das ist der Teufelskreis der Illegalität. Menschlich wie medizinisch ein Desaster. „Viele der Frauen sind arm und verletzlich. Sie sind sehr von dem bisschen Geld abhängig, dass sie mit Sex verdienen können“, sagt Helen Rees, die Chefin des medizinischen Dienstes. „Einige sind Teenager. In diesem Umfeld bist du sehr leicht zu überzeugen, für etwas mehr Geld, keine Kondome zu benützen.“

„Warum entkriminalisieren wir Prostitution nicht wenigstens für die Weltmeisterschaft“, fordert Eric Harper, „als Pilotprojekt? Natürlich wollen wir auch, dass Prostitution nach der WM weiter entkriminalisiert bleibt.“ Das Thema Prostitution ist heikel in Südafrika. Die Regierung zu tiefst zerstritten. So tief, dass niemand öffentlich Stellung nehmen möchte. Für die Frauen auf der Straße wird sich wohl nichts ändern. Jede von ihnen saß schon einmal ein paar Tage im Knast, ohne Gerichtsverhandlung. Da bleibt der Glaube an den Staat auf der Strecke. „Zur WM muss die Polizei aufhören uns zu belästigen, endlich uns unseren Job machen lassen. Wir werden die Preise anheben, mehr verdienen, dann haben wir genug um unsere Kinder zu ernähren“, sagt sie.

Kontrollen der PolizeiTräume, die ein jähes Ende finden. Die Polizei greift heute hart durch. Je näher es auf die Fußball-Weltmeisterschaft zugeht um so massiver schlägt die Polizei zu. Der Samstag ist der bester Tag zum Geldverdienen. Heute aber wird nicht mehr viel laufen. Die Polizei hat die Kunden vertrieben. „Wir wollen unsere Arbeit machen, wir stehlen nicht und töten niemanden. Das ist unser Körper, verdammt noch mal, sie sollen endlich ihre Finger von uns lassen. Welche Gesetze brechen wir denn?“, ärgert sich Bousie. „Die Regierung soll endlich etwas unternehmen, wir verkaufen doch nur Sex.“ Bousie hat keine andere Möglichkeit, sie muss weiter machen, ob legal oder illegal. Würde Prostitution aber erlaubt, dann wäre sie wenigstens nicht mehr rechtlos, wie jetzt.

(Quelle: swr/ard/werg)

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post