Die "Mütter der Anderen"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Leihmutter Sumitra"Bin ich nicht schön?", fragt Villas uns und ihre Freundinnen. Ausgelassen schmücken sich die Frauen für eine Puja, eine religiöse Feier. Eine willkommene Abwechslung im eintönigen Alltag im Zentrum für Leihmütter in Anand im Westen Indiens. Sie alle sind schwanger und tragen ein Baby für eine andere Frau aus.

Sumitra, Leihmutter:
"Das ist doch gut für beide Seiten: Das Paar, für das ich das Kind austrage, wünscht sich ein Baby, und ich brauche das Geld. Also ist das doch eine gute Sache."

Etwa 5.000 Euro bekommen die Frauen für eine erfolgreiche Schwangerschaft. Sie bitten die Götter um ihren Segen für die Kinder, gemeinsam mit einem Priester.

Die Gründerin des Zentrums, Dr. Nayna Patel, Frauenärztin. Seit sieben Jahren vermittelt sie Leihmütter aus Anand an kinderlose Paare auf der ganzen Welt. Derzeit sind rund 50 Frauen schwanger. Sie ist von ihrer Mission überzeugt, und sie will uns zeigen, dass es die Leihmütter gut bei ihr haben.

Dr. Nayna Patel:
"Keine Frau wird dazu gezwungen und wir machen das hier nicht hinter verschlossenen Türen, schnell, schnell und keiner darf etwas erfahren. Wir sprechen es offen aus: Wir bieten Leihmutterschaften an. Die Leihmütter geben ihre Babys den Paaren. Sie machen es freiwillig und sie bekommen Geld dafür. Die Kinder verändern das Leben der Leihmütter und das Leben der Paare. Wenn die endlich ein Kind haben, sind die Paare oft ein Leben lang dankbar."

Wenig Toleranz

Rita SharmaGemeinsam verbringen die Leihmütter viel Zeit im Zentrum. Alle sind verheiratet und haben schon mindestens ein leibliches Kind. Das ist die Bedingung.
Rita 30 Jahre alt, zwei eigene Kinder, ist sogar schon zum dritten Mal Leihmutter Und sie sei gerne hier im Zentrum, erzählt sie uns: Hier sei es ruhiger als zu Hause.

Rita Sharma, Leihmutter:
"Beim ersten Mal habe ich mich sehr gefürchtet. Ich wusste nicht, wie ich das meinem Mann erklären soll. Eine Schwangerschaft, aber ohne Sex mit einem fremden Mann. Ich wusste nicht, ob er überhaupt zustimmen würde. Als mein Mann einverstanden war, da habe ich mich entspannt."

Wir machen uns mit Rita und ihrem Ehemann auf den Weg zu Ihrer Familie. Beide kommen aus ärmlichen Verhältnissen, so wie fast alle Leihmütter. Sie mussten erst lernen, damit umzugehen, dass Rita innerhalb von neun Monaten mehr Geld bekommt als er - ein ungelernter Hilfsarbeiter - in vielen Jahren je verdienen könnte.

Die Menschen in Anand wissen, dass Dutzende Frauen in ihrer Stadt als Leihmütter arbeiten, ohne dass sich jemand daran stört. Doch wenn es die eigene Großfamilie oder die Nachbarn betrifft, ist es mit der Toleranz schnell vorbei.

Der Wohlstand der Leihmütter

Kundan SharmaAnkunft bei Ritas Mutter Kundan. Sie ist Hebamme. Nicht nur ihre drei Töchtern hat sie in den vergangenen Jahren als Leihmütter vermittelt sondern auch die Schwiegertochter. Inzwischen gibt sie auf das Gerede der Nachbarn nicht mehr viel.

Kundan Sharma:
"Manche glauben, dass die Leihmutterschaft unmoralisch sei. Ich habe immer wieder erklärt, dass daran nichts Schlechtes ist. Jetzt lassen wir die Leute reden, was immer sie wollen. Die können zwar von Anstand und Moral sprechen, aber davon wird meine Familie nicht satt. Wir machen, was wir für richtig halten."

Und dann erzählen uns die beiden Frauen, wie sich das Leben der Familie verändert hat. Früher sei sie so arm gewesen, dass ihr Mann manchmal sogar betteln musste, sagt Rita. Doch dann kam das viele Geld: 5.000 Euro pro Schwangerschaft.

Rita Sharma, Leihmutter:
"Als ich zum ersten Mal Leihmutter wurde, hatten wir nichts. Aber mit dem Geld, das wir dann bekommen haben, konnten wir ein Haus kaufen, einen Haushalt einrichten, und die Kinder ordentlich erziehen. Den Rest werde ich für ihre Ausbildung sparen."

In der Klink im Stadtzentrum von Anand wurden schon mehr als 200 Babys von Leihmüttern geboren. Dr. Nayna Patel zeigt uns den typischen Beginn einer solchen Schwangerschaft: Die künstlich befruchtete Eizelle wird in die Gebärmutter der Leihmutter eingesetzt. Nun wächst ein Baby heran. Seit 2003 vermittelt die Ärztin Leihmutterschaften. Sie betont, dass das in Indien nicht verboten ist.

Leihmutterschaft bleibt schwierig

Nayna PatelDr. Nayna Patel:
"Derzeit halten wir uns an die Richtlinien des staatlichen Rates für medizinische Forschung in Indien. Diese Richtlinien liegen der Regierung bereits vor. Wir hoffen, dass es möglichst bald auch eine endgültige gesetzliche Regelung geben wird."

Draußen drängen sich die Patienten. Als Gynäkologin betreut Dr. Patel routinemäßig viele Frauen aus der Region. An der Wand zeigen Fotos strahlende Eltern aus dem Ausland, deren Kinder von ihren Leihmüttern geboren wurden.
Auch deutsche Paare haben sich hier den Kinderwunsch erfüllt, obwohl Leihmutterschaft in Deutschland gesetzlich verboten ist, anders als beispielsweise in den USA.

Wir treffen mehrere ausländische Paare, doch ein Interview will niemand geben.

Dr. Nayna Patel:
"Die Paare haben Angst in die Öffentlichkeit zu gehen. Sie empfinden es als Stigma, dass sie nicht ohne fremde Hilfe Kinder zeugen können. Sie fühlen sich unnormal, obwohl Unfruchtbarkeit doch einfach nur eine körperliche Schwäche ist."

Jeden Tag erreichen Nayna Patel viele Anfragen von kinderlosen Paaren aus der ganzen Welt. Sie helfe nur, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gebe, sagt die Ärztin. Sie rät Interessenten, die Rechtslage in ihren Heimatländern vorher zu klären.

Bei Dr. Patel kostet ein Kind aus einer Leihmutterschaft um die 20.000 Euro. In westlichen Ländern ist schnell das Doppelte fällig. Die Gynäkologin verdient gutes Geld und sie weiß, dass Leihmutterschaft in vielen Ländern sehr umstritten ist.

Nayna Patel, Ärztin:
"Wer das kritisiert, der will eben nicht, dass die Paare ein Kind bekommen. Der will eben, dass die Leihmütter ein Leben lang arm bleiben. Das kann doch nicht richtig sein. Wer die Leihmutterschaft ablehnt, der soll den Paaren und den Leihmüttern anders helfen. Doch wenn man ihnen nicht helfen will, dann sollte man sie auch nicht kritisieren."

Noch einmal kehren wir zurück ins Zentrum für Leihmütter. Rita und die Anderen warten auf die Geburt des fremden Kindes, das in ihrem Körper heranwächst. Ausgebeutet fühlen sie sich nicht und doch haben sie Angst vor dem Abschied vom Baby.

Rita Sharma, Leihmutter:
"Als mir das Baby nach der ersten Geburt als Leihmutter abgenommen wurde, da musste ich weinen und auch das Baby hat geweint. Drei Tage lang konnte ich nicht essen. Die Ärztin hat mir gesagt: ‚Sei nicht traurig, das Baby wird es gut haben.’ Beim zweiten Kind war ich wieder sehr traurig. Und auch jetzt wird es nicht leicht werden."

Und so verabschieden wir uns mit gemischten Gefühlen aus Anand, der Stadt der Leihmütter im Westen Indiens.

 

(Quelle: ard,br,dpa,werg)

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post