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Das Einsatzgebiet von Aicha ist dort, wo es keine Straßen gibt und kein Handynetz. Ein Bote hat ausgerichtet, dass die Hebamme nach dem Rechten sehen soll bei einem Neugeborenen. Also hat sie sich auf den Weg gemacht auf einem Maulesel. Drei Stunden sind schon um, und noch immer ist die Siedlung nicht in Sicht. Die Berge des mittleren Atlas gehören zu den ärmsten Gegenden in Marokko. Hier ist es etwas ganz besonderes, wenn die Hebamme kommt. Aicha arbeitet kostenlos. Für die armen Bergbewohner ist es die einzige Form medizinischer Betreuung überhaupt. Marokko ist eine junge Gesellschaft, die ständig wächst. Es werden viele Kinder geboren. Aber die medizinische Versorgung hält da nicht mit. Umso wichtiger sind die Hebammen.
Immer wenn’s ernst wird, verschwindet Aicha unter dem Laken. Die junge Mutter leidet stumm - angefeuert von der unsichtbaren Hebamme: „Auf geht’s,
weiter drücken, weiter! - Ja, jetzt“. Dann ist es geschafft, und Aicha verkündet: „Allah ist groß!“ Jemand anderes ist dagegen zwar noch ziemlich klein - doch selbstverständlich schon der
Mittelpunkt, um den sich die ganze Familie drängt. Während die Mutter noch völlig erschöpft ist und die Männer neugierig, aber nutzlos draußen bleiben, ruft Aicha das Neugeborene zum Gebet - auch
das gehört zum Job einer Hebamme. „Ich bin sehr zufrieden. Wirklich sehr erleichtert. Die Mutter hat es jetzt gut überstanden. Sie ist nicht gestorben. Dafür muss man dankbar sein. Ich spüre den
Segen Allahs auf uns, und ich bin auch etwas stolz.“
Aichas Einsatzgebiet
ist da, wo es keine Straßen gibt, und kein Handynetz. Ein Bote hat ausgerichtet, dass die Hebamme nach dem Rechten sehen soll bei einem weiteren Neugeborenen. Also hat sie sich auf den Weg
gemacht. Anderthalb Stunden soll der Ritt auf dem Maulesel dauern, hat es geheißen. Drei Stunden sind schon um, und noch immer ist die Siedlung nicht in Sicht. Die Berge des mittleren Atlas
gehören zu den ärmsten Gegenden in Marokko. Hier ist es etwas ganz besonderes, wenn die Hebamme kommt. Und die Leute wissen das zu schätzen. Ankunft einer Herrscherin? Oder eher einer
Heilsgestalt? Jedenfalls wird in Marokko kaum eine Frau so dankbar und ehrfürchtig von den Männern begrüßt.
Drinnen bringt die
Großmutter die kleine Hadidscha. Vier Wochen ist das Baby alt. Seine Mutter ist bei der Geburt gestorben. Nie hat ein Arzt Hadidscha untersucht. Der Bauch ist gebläht und hart wie eine Trommel.
Aicha ist besorgt. Die Hebamme arbeitet kostenlos. Für die armen Bergbewohner die einzige Form medizinischer Betreuung überhaupt. Aber hier muss sie passen, das sagt ihr die Erfahrung, und das
sagt sie auch dem Vater, als der endlich dazukommt. „Das Kind muss dringend in ein Krankenhaus. Es verträgt die Flaschenmilch nicht. Oder ihr habt sie falsch zubereitet. Und wahrscheinlich habt
ihr das Fläschchen auch nicht ordentlich gereinigt, ausgekocht. Jedenfalls ist die Blähung schon ganz schlimm. Das kann lebensgefährlich werden.“ „Ins Krankenhaus ist es weit mit dem Esel“, sagt
der Vater Said. „Außerdem kann ich die Ärzte nicht bezahlen. Wir haben hier ja noch nicht einmal fließendes Wasser. Was soll ich tun?“ Auf diese Frage, die für die kleine Hadidscha so wichtig
ist, hat auch Aicha keine Antwort.
Marokko ist eine junge Gesellschaft, die ständig wächst. Es werden viele Kinder geboren. Aber die medizinische Versorgung hält da nicht mit. Umso
wichtiger sind die Hebammen. Kein Wunder, dass Aicha so ziemlich alle kennt, die am Markttag unterwegs sind. Ohne ein Küsschen kommt keiner davon. Die Dörfler wissen, was sie an ihr haben: „Wisst
ihr, was Aicha ist? Sie ist eine Geburtsklinik auf zwei Beinen. Sie geht sehr weite Wege um den Menschen hier zu helfen. Nichts ist ihr zu mühsam. Sie ist die Mutter von uns allen hier in unserer
Gegend.“ Ein bisschen was von diesem Respekt würde auch anderen Müttern guttun. Aicha untersucht eine Frau, die im neunten Monat schwanger ist. Drei Wochen, schätzt die Hebamme, wird es noch
dauern bis zur Geburt. Höchste Zeit also, zur Ruhe zu kommen. Aber davon – keine Rede! Gleich nach der Untersuchung muss die junge Mutter wieder raus. Holz holen ist Frauensache und Mutterschutz
völlig unbekannt. Arbeiten und Kinder bekommen als Daseinszweck, immer abwechselnd – als Menschen würden Frauen oft gar nicht gesehen, sagt Aicha. „Wenn ein Mädchen hier bei uns 18 Jahre ist,
dann ist es wie ein Produkt, für das niemand mehr bezahlen will. Man bringt die Ware auf den Markt, aber sie lässt sich nicht mehr verkaufen. Die Frau ist eine wertlose Ware.“ Mit der der Mann
macht was er will.
„Wer hat Dir das angetan?“, will Aicha wissen. „Mein Mann wollte mir den Finger abschneiden, weil er sich über mich geärgert hat“, antwortet die Frau. Auch darum kümmert sich
die Hebamme, selbst wenn es nicht ihr Metier ist. Die Wunde eitert schon einige Wochen vor sich hin. Die Frau ist vor ihrem Mann geflohen, Medikamente hat sie nicht. Solche Geschichten hört Aicha
immer wieder. Und die meisten Kinder, denen sie zur Welt hilft, wachsen in Armut auf. Aber darüber entscheide eben Gott, findet sie. Und genauso wenig ist sie traurig, dass sie selbst nie ein
Kind geboren hat. „Meine Kinder – das sind alle, bei deren Geburt ich geholfen habe. Manche von ihnen sind Lehrer geworden, manche sind Ingenieure. Sie leben heute überall in Marokko, und manche
sind sogar nach Europa gegangen. Sie alle gehören zu mir.“
Was aus ihm mal wird? Dass er als Junge auf die Welt gekommen ist, so viel steht fest, das ist in Marokko ein gewaltiger Vorteil. Aber das ist für die Hebamme jetzt egal. Dieser Moment gehört
ganz der Freude, dass der Schritt ins Leben mal wieder geschafft ist.
(Quelle: ard,swr,werg)