"Der Sonne entgegen"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Eine Stadt im Wandel

Eine StadtansichtDie Santa Barbara, wird hier gepriesen, die Schutzheilige der Minenarbeiter. In Puertollano wird sie hoch verehrt, denn einst arbeiteten 5.000 Bergleute in der Stadt.

Auch Pepe Izquierdo fuhr in die Grube, heute sind die Bergwerke stillgelegt. Pepe ist längst in Rente, Schwiegersohn Paco Cubero und Tochter Rosa Maria arbeiten für die Solarbranche. Puertollano befindet sich mitten im Umbruch

Pepe:
"Hier hat sich alles verändert - um 150 Prozent hat es sich hier verändert. Früher gab es nur die Mine, heute viel Industrie und sie bauen diese Solarfelder in der ganzen Gemeinde. Es hat sich sehr viel verändert - von der Nacht zum Tag."

Puertollano: knapp 60.000 Einwohner. Es ist die Heimat Don Quijotes de la Mancha. Die Sonne Kastiliens brennt an den meisten Tagen des Jahres gnadenlos. Die Rauchschwaden der Petrochemie liegen über der Stadt. Ein stillgelegter Förderturm zeugt vom Niedergang des Kohleabbaus. Übriggeblieben ist nur der Tagebau.

Zukunftsbranche Sonnenenergie

SonnenkollektorenVorbei an den alten Zechengebäuden fahren wir hinüber zur Zukunft Puertollanos: der Sonnenenergie. Modernste Solaranlagen und Zulieferfirmen der Branche haben sich angesiedelt: Silicio Solar zum Beispiel. Siliziumscheiben für Solarzellen werden hergestellt. Hauchdünn müssen die Platten sein, damit sie Sonnenenergie in Strom umwandeln.

Hier treffen wir Paco wieder. Er arbeitet als Schichtführer, kontrolliert die Blöcke, aus denen später die Scheiben geschnitten werden. Seit vier Jahren ist Paco bei der Firma beschäftigt:
"Die Zukunft sehe ich ziemlich positiv, hier gibt es mehr Arbeit, mehr neue Arbeitsplätze und die Leute merken das. Die Lebensqualität ist hier besser geworden. Damals musste ich weggehen von Puertollano, um Arbeit zu finden. Ich bin nach Saragossa gegangen und konnte jetzt zurückgekommen, weil es wieder mehr Stellen gibt."

Auch Pacos Frau, Rosa Maria, hat bei Silicio Solar Beschäftigung gefunden. Sie arbeitet an der Rezeption, vermittelt die Anfragen aus aller Welt: Deutschland, den USA, China. Rosa Maria hat alle Hände voll zu tun:
"780 Angestellte gibt es bei Silicio Solar, nächstes Jahr sollen 400 dazukommen."

Sieht aus wie Kohle, ist aber Silizium. Herzstück von Silicio Solar ist die Halle, in der das Halbmetall gezüchtet wird. Die Öfen werden mit Siliziumstücken befüllt. Bei extrem hohen Temperaturen schmilzt es und wird zu großen Blöcken, so genannten Ingots, gezogen.

Während in den Kohleminen Muskelkraft gefragt war, ist es heute Präzision und Sauberkeit. Über 100 Kilogramm wiegen die silbernen Kolben, aus denen die dünnen Halbleiterscheiben geschnitten werden. Das Geschäft mit der Fotovoltaik boomt und ist gleichzeitig hart umkämpft, die zuvor hohen Subventionen wurden 2008 drastisch gekappt. Jetzt kämpfen viele in der Branche sogar ums Überleben. Silicio Solar gehört jedoch zu den Großen, expandiert und ist in Puertollano inzwischen zweitgrößter Arbeitgeber, Finanzdirektorin ist eine Deutsche:
"Es sind nicht nur die Mitarbeiter und deren Familien, sondern auch die Zulieferer: Jeder dritte Haushalt ist direkt oder indirekt mit uns verbunden."

Im Kohlemuseum

Der alte Kohle-Förderturm ist heute ein Museumsstück im Minenmuseum, genauso wie die Grubenlokomotive, die Pepe seiner Tochter, der Enkelin und dem Schwiegersohn zeigt:

Paco:
"Der Fahrer muss aber ganz schön klein gewesen sein."

Pepe:
"Klar, Mann, die haben da drin gesessen. Ich kann da auch einsteigen."

Paco:
"Aber man muss schon ganz schön klein sein."

Pepe:
"Soll ich mich setzen. Schau, ganz einfach."

Pepe erzählt seiner Familie, wie hart das Leben damals war: Mit 14 begann er zu arbeiten, über 30 Jahre ist er in die Grube gefahren, hat tagelang im Liegen geschuftet.

Nachhaltige Wirtschaft

Bürgermeister HermosoEin Modell zeigt Puertollano in den 50er Jahren. Gut zehn Zechen gab es damals, die Kohle wurde per Eisenbahn zu den Kraftwerken gekarrt. Doch das ist Geschichte.

Bürgermeister Hermoso setzt heute auf die saubere Energie und der Strukturwandel scheint erfolgreich: Trotz Krise hat Puertollano heute weniger Arbeitslose als früher:
"Unsere nachhaltige Wirtschaft bedeutet Entwicklung, Reichtum, Wachstum und Arbeitsplätze. Wir haben es geschafft von einem Modell zu einem anderen überzuwechseln, ohne dass es zu starken Brüchen oder Unruhen gekommen ist: weder im sozialen Bereich, noch bei den Arbeitsplätzen. Das ist nur eine Frage des Willens."

Und natürlich von Subventionen. Aber Puertollano hat die Chance ergriffen und großzügig Gewerbeflächen angeboten. Sauberer Strom für 100.000 Menschen wird zum Beispiel in diesem solarthermischen Kraftwerk erzeugt. Seit Mai dieses Jahres richten sich 120.000 Parabolspiegel nach dem Lauf der Sonne, 90.000 Tonnen Kohlendioxid werden damit jährlich eingespart. Spanien hat sich mit diesen Kraftwerken zum Vorreiter in Europa entwickelt.

Abschied von der Kohle

Ein Mann in einem BergwerksstollenVon der Kohle zur Sonne heißt die Strategie von Puertollano. Die Stadt leistet einen Beitrag zum Klimaschutz und schafft gleichzeitig neue Arbeitsplätze.

Für Pepe und seine Familie, die im Minenmuseum den künstlichen Stollen durchwandern, geht das Konzept auf:
"Für mich ist das die Zukunft. Die Zukunft von Spanien und von der ganzen Welt, das sind die erneuerbaren Energien. Das mit den Rotoren, na den Windrädern. Und solche Firmen wie die, in der Rosi und Paco arbeiten, das sind die fortschrittlichsten von allen, die es hier in der Gegend gibt."

Die Mine, das ist die Vergangenheit. Von "unter Tage" strebt Puertollano entschlossen der Zukunft entgegen.


(Quelle: ard/br/werg)

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