Der Engel vom Müllplatz

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Mittwoch Nachmittag in Moskau, kurz nach fünf, Lisa ist spät dran heute. Sie hasst es, wenn andere auf sie warten müssen. Aber die Stadt ist völlig verstaut, Feierabendverkehr. Neben dem Müllplatz am Paweletsker Bahnhof warten sie ganz geduldig. Dr. Lisa kommt, sagen sie, sie kommt immer. Jeden Mittwoch, darauf kannst du dich verlassen.

Längst hat sich das herumgesprochen auf den Strassen von Moskau. Dass es da eine Ärztin gibt, die jedem hilft.

Hey, du da hinten. Gedrängelt wird nicht, verstanden!

Immer mittwochs verteilen Lisa und ihre Leute hier, was man auf der Strasse am nötigsten braucht. Warmes Essen, warme Kleider – für manche die einzige Versorgung seit Tagen. Später am Abend wird der dunkle Müllplatz zur Arztpraxis. Dr. Lisa hilft jedem, der zu ihr kommt, behandelt alles.
Auch Ljudkas offene Beine. Die wollen und wollen nicht heilen. Ljudka schläft in Kellern und Bahnhöfen, eigentlich müsste sie ins Krankenhaus, sagt Lisa. Aber dort nehmen sie Leute wie Ljudka nicht.

Immer im Sitzen schlafen, das ist Gift für ihre Beine. Und sie schlafen alle im Sitzen. Sie sind alle fehlernährt. Sie werden alle krank.

Kirill ist erst seit sechs Wochen auf der Strasse. Geschichten wie seine erzählen hier viele: Betrüger haben ihn um seine Wohnung gebracht, dann hat er auch noch die Arbeit verloren, und der Pass ist auch geklaut.
Mit den Verwandten gibt es Probleme, da können wir nicht wohnen, jetzt wohnen wir in ganz Moskau. Auf der Straße. Und wir überleben nur, weil es gute Leute gibt, die uns versorgen. Wie das weitergehen soll, weiß ich nicht. Wir, damit meint Kirill seine Frau Maria. Und Maksim. Den kleinen Sohn, gerade mal ein halbes Jahr alt.
Geschichten wie die von Kirill gibt es viele, sagt Lisa. Manche davon stimmten, manche seien frei erfunden. Aber das sei völlig unwichtig. Wichtig sei, dass man helfe – denn keiner sei freiwillig auf der Straße.

Lisa ist auch tagsüber immer unterwegs. Und: immer in Eile. Denn Moskau ist riesig, und ihre Termine sind über die ganze Stadt verteilt. Lisa hat in den USA studiert, geheiratet und lange dort gearbeitet. Erst seit drei Jahren ist sie zurück in Russland, ihr Mann ist hier erfolgreicher Anwalt. Sie hat selbst genügend Geld, um nur das zu tun, was sie will. Aber was sie tut, sagt Lisa, schafft ihr ebenso viele Freunde wie Feinde.

Die einen sagen danke, die anderen beschimpfen mich. Es gibt Leute, die wollen mir verbieten, was ich tue. Weil ich menschlichem Müll helfe, sagen sie. Ich helfe einer Obdachlosen, ihr Kind zu gebären. Ich helfe Leuten, die keinen Nutzen bringen. Das sei sinnlos, das höre ich oft. Entweder sie lieben uns, oder sie hassen uns, dazwischen gibt es nichts.

Nicht alle ihre Patienten leben auf der Strasse. Sie besucht auch Schwerstkranke. Todgeweihte, die kein Krankenhaus mehr nimmt. Wie Viktor. Er hat seit langem Krebs, vor drei Jahren kam ein schwerer Schlaganfall dazu.
Zwei Monate lag er im Krankenhaus, dann wurde er nach Hause zu seiner Frau entlassen. Als unheilbar, zum Sterben.

Schluss, haben sie gesagt, wir haben keinen Platz für dich. Die haben mich richtig rausgejagt. Mit einem durchgelegenen Rücken, ein ganz großes Loch war da.

Als ich ihn das erste Mal sah dachte ich, er schafft es nicht. Nie hätten die ihn in seinem Zustand entlassen dürfen, er hätte in die Reha gehört. Aber das kann sich bei uns nicht mal die Mittelklasse leisten. Aber wir haben es hinbekommen. Wir haben den Rücken hingekriegt, er isst wieder, er hat sogar wieder Mut.
Jetzt hat er schon drei Jahre geschafft, und gucken sie sich ihn an, er schafft noch mehr.

Ein Kellerbüro, viele Freiwillige – Lisa arbeitet nicht allein. Sie hat einen Fond gegründet, es gibt einen Blog im Internet – immer mehr Leute kommen und wollen helfen. In jeder denkbaren Form. Die Brote hat Tatjana gekauft, und Aufschnitt – für den Bahnhof.

Ich kann doch nichts anderes. Ich kann keinen Verband anlegen, ich kann auch nicht an den Bahnhof zu den Obdachlosen gehen. Da würde mich Lisa auch gar nicht hinlassen. Also haben mein Mann und ich überlegt, was wir machen können, und jetzt kaufen wir eben einmal in der Woche das Brot ein.

Wieder ist es Mittwoch, wieder Feierabend, die Moskauer gehen nach Hause. Wenn sie ein Zuhause haben. Die anderen gehen zu Lisas Hinterhof, denn sie wissen, sie wird auch heute wieder da sein.

Warme Kleider verteilen sie heute, Unterwäsche, Waschzeug. Viele fragen nach Schuhen, aber mit Schuhen ist es schwierig, sagt Lisa. Davon haben wir nie genug.
Es ist noch mild für die Jahreszeit, aber bald wird der Frost kommen, deshalb verteilen sie was sie nur können an warmen Sachen.

Auch Kirill und Maria und der kleine Maksim sind wieder hier. Der Kinderwagen ist kaputtgegangen, auch sonst hatten sie keine leichte Woche. Es war ihre siebte auf der Strasse.

Wir müssen uns einen anderen Schlafplatz suchen. Im Bahnhof können wir nachts nicht bleiben. Da sind immer Schlägereien, ständig ist Polizei da, und gestohlen wird auch. Da gibt es richtige Banden, die bestehlen die Leute nachts im Schlaf.

Seit drei Jahren fährt Lisa jetzt zum Müllplatz. Längst kommen nicht nur Obdachlose, sondern viele deren Geld einfach nicht reicht für Kleidung oder Medikamente. Lisa hilft allen. Und findet das ganz normal.
Ich bin doch nicht alleine hier. Wir machen das, was uns gefällt, fertig. Wir haben die Leutchen hier gerne, egal was die anderen sagen. Und es gibt sicher noch andere Orte, wo man ihnen hilft.
Aber das hier - das hier ist mein Müllplatz.

Lisa hat längst größere Pläne. Ein Hospiz für die Ärmsten will sie bauen, und noch so einen Krankenwagen könnte sie auch gut einsetzen. Einer muss doch was tun, sagt sie – und ich mache es gerne.


(Quelle: wdr/werg)

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