Das "Männchen"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Der Anti-Mann von Breslau

Ein UniversitätsgebäudeJa, die Reaktionen sind vielfältig, wenn Marcin Boronowski in der Breslauer Innenstadt Spazieren geht.

Marcin kennen sie hier alle, er gilt als polnischer Anti-Mann. Früher hat er sich nur im Dunkeln auf die Straße getraut, aber das ist längst vorbei, sollen die Leute über ihn doch denken, was sie wollen ...

Marcin Boronowski:
"Ich mache das nicht einfach so, da steckt ein Gedanke hinter: Ich zeige der Gesellschaft, dass der Mensch komplizierter ist als sie denkt. Ich habe nur ein Leben, und das werde ich nicht in einer einzigen Rolle verbringen. Ich lasse mich nicht als Mann programmieren, das beleidigt mich."

Und daran mussten sich alle gewöhnen, selbst hier an der Breslauer Uni. Das war gar nicht so einfach. Aber eines Tages stieg Marcin Boronowski in Pantoletten und im Röckchen aus seinem Wagen und ging zum Unterricht.

Er ist Anglistik-Dozent in der Philologischen Abteilung, unterrichtet also Englisch. Seine Studenten kennen ihn schon gar nicht mehr anders, für sie ist das völlig normal. Und ganz ehrlich, zumindest einige der Damen im Kurs beneiden ihn heiß und innig.

An der Universität akzeptiert

Studentin Agata BoguckaStudentin Agata Bogucka:
"Ich bewundere seine schönen Beine. Und ich muss zugeben, dass ich nicht verstehe, wie er in solch hohen Schuhen überhaupt laufen kann."

Student Mateusz Jozefowicz:
"Wenn man unseren Professor auf der Straße oder in der Straßenbahn sieht, dann denken die Leute ‚Natürlich, der hat doch eine Macke.' Aber wenn man ihn besser kennenlernt, dann wird einem klar, dass da viel mehr dahinter steckt."

Am Anfang fand der Uni-Rektor das alles befremdlich, inzwischen wird es geduldet. Und auch die Kollegen verteidigen mit wissenschaftlicher Akribie die Neigungen von Marcin Boronowski.

Kollege Andrzej SciegoszAndrzej Sciegosz, Universität Breslau:
"Ich sage es mal mit den Worten von Erich Fromm: Wirklich krank sind die Gesunden. Oder die, die denken, sie seien gesund, sind die wirklich Kranken. Wissen Sie es, gibt Menschen, die viel schlimmere Macken haben und auf viel wichtigeren Posten sitzen ..."

Hier wohnt der polnische Anti-Mann, der uns auch erzählt, dass er von Zeit zu Zeit bedroht wird. In seiner Wohnung gestattet er uns einen Blick in seinen Kleiderschrank. Das darf längst nicht jeder, er hat Vertrauen. Und wir bekommen noch einmal einen Einblick in seine Philosophie.

Er nimmt sich, was ihm gefällt

Marcin BoronowskiMarcin Boronowski:
"Ich fühle mich als Männchen. Ich bin aber auch ein Anti-Mann. Ich werde die gesellschaftliche Rolle als Mann nicht akzeptieren. Aber ebenso klar muss sein: Ich mache das hier nicht aus sexuellen Gründen. Ich habe nichts gegen meine männlichen Geschlechtsorgane. Was mir an Frauen gefällt, Röcke, Strapse, Pumps übernehme ich. Was mir an Männern gefällt, zum Beispiel den Bart, übernehme ich auch. Damit zeige ich den Leuten, dass ich entscheide, wer ich bin. Und nicht andere."

Und damit andere genauso mutig werden können wie er, zeigt er uns am Computer seine neueste Erfindung: Das Paramobil, ein fahrbarer Paravent auf Rädern. Hier können sich Männer, die Röcke tragen wollen, unerkannt in der Öffentlichkeit bewegen. Aber auch für Homosexuelle sei das gut geeignet, erfahren wir, oder für alleinstehende Mütter mit Kindern, die auch in der polnischen Gesellschaft verachtet würden.

Zwischen Ablehnung und Verständnis

Neue Schuhe für den MannDann müssen wir gehen. Denn Marcin Boronowski will noch schnell neue Schuhe einkaufen. In einem Laden ist er besonders gern, hier gibt es Pumps bis Größe 44. Und er kann nach Herzenslust anprobieren.

Eine Verkäuferin:
"Für mich ist das nichts Besonderes. Viele junge Männer kaufen in Polen Stöckelschuhe. Und warum auch nicht? Herr Boronowski hat doch - soweit ich das beurteilen kann - sehr schöne schlanke Beine. Die soll er auch zeigen."

Nebenan probiert Marcin Boronowski schnell noch ein paar Röcke an. Die Damen-Umkleidekabinen sind für ihn längst ein vertrautes Terrain. Er liebt die klassische Eleganz in Marine-Blau. Gekauft. Zum Schluss der Bummel durch die Altstadt. So geht er jeden Tag durch Breslau. Sollen die Leute doch ruhig schimpfen ...

Passanten:

"Der hat doch einen an der Birne, oder?"

"Eine dumme Idee. Völlig unmännlich."

"Der hat doch einen Dachschaden, oder nicht?"

Marcin Boronowski wird trotzdem auch morgen wieder im Rock zur Arbeit gehen. Hier in Breslau geht das, nur zu Hause bei seinen Eltern in einer kleinen polnischen Stadt, da trägt er noch Hosen. Seine Eltern würden es nicht verstehen, sagt er. Und wirkt ein bisschen traurig.

(Quelle: ws/br/ard/werg)

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