Das "andere Gold"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Die größte Salzwüste der Welt

Marcelo CastroEs ist eine schier endlos weiße Platte, gleißend hell, die Luft staubtrocken und sauerstoffarm. Salz donnert gegen das Fahrzeug, setzt sich fest an der Karosserie. Für Marcelo Castro sind das paradiesische Bedingungen. Denn der Salar de Uyuni - die größte Salzwüste der Welt - soll das Armenhaus Südamerikas zu einem reichen Land machen. Und er soll im Auftrag seiner Regierung diesen Traum realisieren. Denn hier liegt, gebunden im Salz, das halbe Weltvorkommen des Rohstoffes, der die globale Energiegewinnung revolutionieren soll.

Marcelo Castro, Bergbaugesellschaft Comibol:
"Den Reichtum dieser Salzwüste findet man in dieser Flüssigkeit, die wir Sal Muera - Totes Salz - nennen. In jedem Liter findet man Lithium. Pro Liter sind es zwischen einem und drei Gramm. Wenn man das multipliziert mit den 12.000 Quadratkilometern dieser Wüste, dann ergibt das unseren neuen Reichtum."

Ein weißer, kristalliner Ozean, fast 4.000 Meter hoch gelegen, eingebettet von den Bergen und Vulkanen der Anden. Nicht wirklich lebensfreundliche Bedingungen, aber faszinierend schön.

Das hier also ist die Weltressource der Zukunft, schwärmen Experten und vergleichen Boliviens Lithium-Schatz bereits mit Saudi-Arabiens Erdölvorkommen. Ein Schatz, den das lateinamerikanische Land in aller Ruhe heben möchte. Marcelo und seine Leute bauen derzeit die ersten größeren Natur-Becken, in denen mit Hilfe von Sonne, Wind und Wasser die notwendigen chemischen Prozesse eingeleitet werden sollen, um das Alkalimetall Lithium zu gewinnen.

Langsamer Aufbau der Lithiumindustrie

Karge Landschaft am Salar de UyuniMarcelo Castro, Bergbaugesellschaft Comibol:
"Dabei entsteht ein Material, aus dem in der Fabrik schließlich das Lithium herausgelöst wird. Alles funktioniert Natur verträglich - das Restmaterial geht zurück in die Wüste. Die Auswirkungen auf die Umwelt - gleich Null!"

Die Fabrik, von der Marcelo spricht, wird gerade erst hochgezogen. Eine Pilotanlage, mitten in der Wüste. Kein industrielles Megaprojekt, obwohl weltweit Hersteller von Handyakkus, Laptop-Batterien und den geplanten Flotten von Elektrofahrzeugen dringend nach Lithium rufen. Mit ausländischer Unterstützung würde das schneller gehen. Viele Unternehmen aus Asien, Europa und den USA gieren nach Förderlizenzen im Salar. Doch Präsident Evo Morales vergibt keine Konzessionen an ausländische Firmen, was Marcelo völlig richtig findet.

Eine historische Chance für Bolivien

Ein Arbeiter mit Sonnenbrille500 Jahre lang wurde Bolivien von Fremden ausgebeutet. Jetzt möchte das Land selbst von seinen Bodenschätzen profitieren und Batterien für den Weltmarkt herstellen. Bolivien glaubt an sich. Neben den Bauarbeiten wird schon ganz bescheiden Lithium produziert.

Mittagspause für die insgesamt 200 Arbeiter, die hier unter den extremen Bedingungen in harten Drei-Wochen-Schichten durcharbeiten, aber stolz darauf sind, dass sie Boliviens neue, vielversprechende Zukunft mitgestalten dürfen.

Ein Arbeiter:
"Bolivien war immer ein Land, das ganz hinten anstand, immer völlig unterentwickelt. Dabei besitzen wir viele Ressourcen wie Silber, Gold oder Blei. Die aber wurden von Ausländern ausgebeutet. Profitiert haben ständig nur andere. Jetzt mit dem Lithium erwarten wir, dass es zum ersten Mal anders wird."

Ein anderer Arbeiter:
"In unserem Land war es immer so, dass viele Präsidenten ihre Macht nur für sich selbst genutzt haben. Jetzt mit Evo Morales wurde es anders. Ich spüre, dass er mit der Förderung des Lithiums uns und ganz Bolivien unterstützen möchte."

Eine historische Chance. Boliviens weißes Gold soll Infrastruktur und Lebensbedingungen im Land verbessern, so der Plan der Regierung.

Reichtum aus der Salzwüste?

Verrostete DampflokomotivenMarcelo Castro:
"Wenn wir selbst unsere Bodenschätze erschließen und produzieren, schaffen wir ein neues Vermögen. Ein wichtiges Kapital, das wir selbst erwirtschaften. Damit können wir die Probleme Boliviens reduzieren, weil wir das Geld für die Entwicklung des Landes einsetzen können. Das ist der Kreislauf, den wir schaffen müssen. Der Reichtum Boliviens für die Bolivianer."

Reichtum gab es im Salar niemals. In Uyuni zeugen lediglich verrostende Wracks alter Dampflokomotiven vom Versuch, einstmals diese Region an den Rest des Landes anzuschließen. Die Menschen, die hier leben, hatten immer mit Armut zu tun und mit dem Salz.

Große Hoffnungen

Ein SalzarbeiterDer Beruf des Salzbauers hat eine lange Tradition, eine andere Arbeit gab es auch nie. Rund 25.000 Tonnen bauen die indianischen Trabajadores jährlich ab - für die Landwirtschaft und für den Kochtopf. Ein nahezu unendliches Produkt, an dem aber nicht viel zu verdienen ist, obwohl es nach ganz Südamerika exportiert wird. Das soll mit dem Lithium nun ganz anders werden.

La Paz: bolivianische Andenmetropole und Sitz von Marcelos staatlichem Bergbau-Unternehmen. In dem dazugehörigen Labor wird schon lange analysiert und gerechnet. Mit dem Ergebnis, dass man hier nur schmunzelnde Gesichter sieht, denn dieses weiße Pulver wird Bolivien verändern, davon ist man fest überzeugt.

Reserven für 200 Jahre

Javier CurvinaJavier Curvina, Chemiker der Bergbaugesellschaft Comibol:
"Wir streben zunächst einmal eine Produktion von 500 Tonnen monatlich an. Bei unseren Vorräten hätten wir dann die nächsten 200 Jahre genug zu tun".

Bolivien möchte zum Global Player werden. Die Grundlage dafür ist dieses karge Nichts und die entsprechende Leidenschaft.

Marcelo Castro, Bergbaugesellschaft Comibol:
"Um dieses Projekt umzusetzen, muss man das Blut und den Puls in den Adern spüren. Dieses Projekt ist Teil meines Lebens geworden. Es ist eine große Liebe. Wie eine Frau, die zu Dir gehört. Für dieses Projekt braucht man Leidenschaft."

Über 10 Mio Tonnen Lithium soll es hier geben. Damit, so sagt Marcelo, ist Bolivien endlich für die Welt interessant geworden.

(Quelle: ard/br/werg)

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