Australiens importierte Plage

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Vor mehr als 150 Jahren wurden ihre Vorfahren nach Australien als Lasttiere eingeführt – jetzt terrorisieren sie die Menschen. Eine Herde von 6000 Kamelen hat das kleine Dorf Docker River belagert, die Einwohner schlugen Alarm. Farmer greifen inzwischen schon selbst zur Waffe, die Regierung plant eine großangelegte Tötungsaktion. Eine Million Kamele leben inzwischen im Innern Australiens, die größte Herde der Welt. Kamelfarmer wehren sich gegen die geplante Tötungsaktion und versuchen, die Aborigines im Umgang mit den Dromedaren zu schulen.

Ashley Severin mit GewehrKamele in der Wüste – kein besonders seltener Anblick. Im Nahen Osten nicht. Und auch nicht hier in Australien. Doch genau da fangen die Probleme an: Ashley Severin patrouilliert auf seinem Farmgelände. Der Viehzüchter macht Jagd auf ungebetene Gäste – auf wilde Kamele. Jeden Tag. Und beinahe jeden Tag landet er einen Treffer. Eine Tonne schwer, geschätzte 15 Jahre alt: Ein wunderschönes Tier liegt tot am Boden. „Mir macht’s keinen besonderen Spaß. Aber ich habe keine andere Wahl. Kamele sind wie große Ratten. Wenn wir als Farmer überleben wollen, dann muss ich mein Land und mein Vieh vor den Kamelen schützen.“

Wir sind im Herzen des australischen Outbacks. Curtin Springs, so heißt dieses trockene Stück Erde, die Farm von Ashley Severin. 4000 Kühe nennt die Familie ihr Eigen. Die allein durchzubringen, zu ernähren und zu tränken, ist eine Kunst für sich – über Generationen weitergegeben. Hier in dieser lebensfeindlichen Wüste. Was die Kamele wegfressen, sagt Ashleys Frau Lindee, fehlt am Ende den Kühen zum Überleben. „Die Kamele richten auf unserer Farm enorme Schäden an, vor allem bei den Pflanzen. Und wir kriegen das kaum in den Griff. Auch wenn es heute bewölkt ist, hier regnet es nicht besonders häufig. Vielleicht alle 7 bis 10 Jahre. Und wenn die Kamele einen Baum oder einen Busch abgrasen, dann dauert es lange, bis sich die Natur davon erholt.“

Kamelherde Flug übers Outback: Die australische Wüste – seit knapp 150 Jahren ist sie auch die Heimat der Kamele. Damals wurden die ersten als Arbeitstiere aus dem Nahen Osten ins Land geholt. Von Abenteurern und Pionieren, die die Ödnis Australiens erschließen wollten. Kamele waren beliebt, belastbar, ausdauernd. Einst zahm, jetzt wild. Einst wenige hundert, jetzt Hunderttausende: geschätzte 1, 5 Millionen Kamele leben in der australischen Wildnis. Weil sie hier keine natürlichen Feinde haben, werden es immer mehr. Das macht den Menschen im Outback Angst. Docker River, vor ein paar Tagen, ein Dorf der Aboriginal-Ureinwohner. Von hier stammen Szenen wie aus einem Hitchcock-Film. Amateuraufnahmen. Über Nacht hat eine Kamel-Herde den Ort überfallen. 6000 Tiere belagern Häuser, Gärten, Brunnen. Ein extrem heißer Sommer, die monatelange Dürre hat die Tiere durstig gemacht und hungrig. Die Menschen in Docker River trauen sich immer seltener noch aus dem Haus. „Die haben unseren ganzen Zaun eingerissen. Und dann standen sie vor der Tür“, erzählt Murray Butler und seine Nachbarin Jiani Miama: „Ich habe die Tiere im Vorgarten gesehen und war richtig eingeschüchtert. Ich dachte, die brechen sogar noch ins Haus ein.“

Die Angst vor den Kamelen – sie führt zu ungewöhnlichen Konstruktionen: Schrottautos und Stahlseile sollen einen Strommast schützen – vor den wilden Tieren. Ein verzweifelter Versuch. Manche Farmer aus der Umgebung glauben, die Aborigines seien zu zaghaft im Umgang mit den Tieren. Auch die Regierung hätte früher durchgreifen müssen. Nun endlich haben die Behörden angeordnet, die Kamele von Docker River massenhaft zu keulen. Anfang der Woche kamen die Hubschrauber mit den Scharfschützen. Seitdem wird rund um den Ort geschossen. Seitdem bekommen die Behörden wütende Mails von Tierschützern aus der ganzen Welt. "Die Leute sind schon ziemlich sauer“, berichtet Bezirksdirektor Graham Taylor. „Aber sie verkennen das Problem. Die Tiere haben das ganze Dorf in Beschlag genommen, wir müssen an die Sicherheit der Menschen denken. Es gibt nur diese eine Chance: die Tiere abzuschießen."

Gatter mit KamelenAbschuss als letzte Chance? Bei Kings Creek, einem Nachbarort, nähert man sich der Kamelplage anders: Mitten in der Wüste: eine Art Mausefalle für wilde Kamele. In dem Gatter werden beinahe täglich Dutzende Tiere gefangen. So etwas wie bares Geld auf vier Beinen. Mit den Tieren soll Handel getrieben werden. An Abschießen also denkt keiner der Arbeiter. „Wir Aborigines lieben die Tiere und es ist schwer mitanzusehen, wenn die geschossen werden“ sagt Farmarbeiter Hedrick Couldart. „Wir finden, dass die Tiere einen würdevolleren Umgang verdient haben. Wir bringen sie raus zu den Leuten, die was davon verstehen.“ Chris Howard ist so einer. Der Kamelfarmer hält die Plage fast für einen Glücksfall. Auf seiner Farm bietet er Kamelausritte für Touristen. Auf den Schlachthöfen im Umland werden aus seinen Tieren Steaks und Würste gemacht. "Kamele sind für alles Mögliche gut: das Fleisch beispielsweise ist gesund und proteinhaltig. Wir können auch viele neue Arbeitsplätze schaffen – wenn wir die Tiere stärker nutzen. Eine Schande, die Tiere einfach abzuknallen.“

Stärker nutzen und weniger erschießen – Ashley Severin, der Farmer von Curtin Springs zweifelt. Er will das Problem mit der Waffe lösen. Besuch auf seinem Kamel-Friedhof. „Tja, das ist das Ende einer ganzen Herde. Die hat uns vor ein paar Monaten besucht. Vier Tage lang waren wir auf Jagd. Ein paar sind weggelaufen, die haben wir da drüben erschossen: Bam, bam, bam. Die anderen hier. Demnächst werden wir die Körper wohl verbrennen.“ Die Waffe bleibt Ashleys ständiger Begleiter. Auch wenn Tierschützer aus der ganzen Welt protestieren. Viele Farmer wissen keine andere Hilfe - gegen Australiens wilde Kamele.

(Quelle: SWR/werg)

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