Alman Daktar Sahib

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Reinhard Erös ist gelernter Arzt, Soldat und ein Bayer, der schon lange in Afghanistan lebt. Dort betreibt der ehemalige Bundeswehrangehörige mit privaten Spenden Kliniken, Waisenhäuser und vor allem Schulen. Und dies auch in Gegenden, in denen die Taliban die heimliche Macht ausüben. Reinhard Erös bewegt sich in der Region Jalalabad ohne Armee- oder Polizeischutz. Und er hat eine Philosophie: „Du musst auch mit dem Teufel Tee trinken, um etwas zu erreichen“. So kann Erös sogar Mädchenschulen im Talibangebiet eröffnen. Der Westen, glaubt er, sollte mehr in Bildung investieren, statt immer mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken.

 Computerraum Ist doch keine Kunst für Maleha, in die richtigen Tasten zu tippen. Für Reinhard Erös aber ist es ein persönliches Erfolgserlebnis, wenn die afghanischen Schülerinnen ihr Können zeigen im neueingerichteten Computerkabinett. Wir sind in Jalalabad, Ostafghanistan. Bis 2001 eine Hochburg der Gotteskrieger. Das Bibi-Hawa-Mädchengymnasium, eine von 25 Schulen, die Reinhard Erös im Talibangebiet gebaut und eingerichtet hat. Für den ehemaligen Bundeswehrarzt ist klar: Frieden und Fortschritt am Hindukusch bringen nicht tausende Sicherheitskräfte, sondern nur eine gebildete Jugend. „Wenn wir im Westen und Deutschland permanent nur diskutieren, wieviele Hunderttausende Soldaten und Polizisten wir hier ausbilden müssen, aber es keine Diskussion gibt, über die Qualität der Bildung und die Zukunft der Kinder hier … dann wird das Land auch mit einer Million Soldaten nicht zur Ruhe kommen“, sagt Reinhard Erös von der Kinderhilfe Afghanistan.

 Reinhard Erös Chemie in der 8. Klasse. Die jungen Mädchen lernen wie Kalziumkarbonat mit Wasser reagiert und Reinhard Erös, dass der Schulbetrieb reibungslos läuft. Erös organisiert seit zehn Jahren seine Hilfsprojekte in Eigenregie mit seiner siebenköpfigen Familie, finanziert von Tausenden privaten Spendern – ohne jede staatliche Unterstützung. An seinen Schulen unterrichten 1500 Lehrer mehr als 50.000 Schüler. Über die Schule zischt plötzlich eine raketenbestückte amerikanische Aufklärungsdrohne. Ferngesteuert aus den USA gleitet das millionenteure Gerät rüber nach Pakistan zur Talibanjagd. Unten, im richtigen Leben, verfolgen die Lehrerinnen ein ganz anderes, bescheideneres Ziel: eine Kaffeemaschine. Die wird Erös, ganz klar, das nächste Mal mitbringen. „Vor fünf Jahren haben die Kinder unter freiem Himmel gelernt. Jetzt arbeiten wir in diesem tollen Schulgebäude und für alle Unterrichtsfächer gibt es super Materialien“, erklärt die Direktorin des Bibi-Hawa-Gymnasiums in Jalalabad. Nach der Inspektion: kleine finanzielle Geschenke für die Lehrerinnen, wie Erös es nennt. Eine Aufstockung zum bescheidenen, staatlichen Gehalt von rund 50 Euro im Monat. „In den Schulen, die wir gebaut haben, die wir auch betreiben und ausstatten, da wollen wir, dass es auch für die Lehrer attraktiv ist, zu arbeiten … sie werden besser entlohnt und haben ein höheres Ansehen…“

Reinhard Erös mit gemäßigten TalibanIn seinem Büro bekommt Reinhard Erös unerwarteten Besuch. Die Männer sind aus den umliegenden Bergen angereist. Erös kennt sie aus den 80ern. Damals war der Arzt Erös hier jahrelang unterwegs und versorgte verletzte Mujahedin und ihre Familien. Die Gäste haben gute Verbindungen zu den Aufständischen und wollen deshalb ihre Gesichter nicht zeigen. Im NATO-Jargon würden sie vielleicht als moderate Taliban gelten, für Erös aber sind sie gesprächsbereite Paschtunen, die sich nicht gern bevormunden lassen. Wir reden im Haus. Die Männer fürchten, von US-Aufklärern entdeckt zu werden. „Die ausländischen Truppen sorgen angeblich für Wiederaufbau und Frieden, sagen sie. Doch Afghanistan brennt und alle schauen zu. Sie im Westen bezeichnen uns als Taliban; aber wir sehen uns als afghanische Opposition. Zuerst muss die NATO raus. Dann nehmen Sie die Hälfte des Geldes, das Ihre Soldaten kosten und dazu schicken Sie ein paar Aufbauhelfer, die werden wir willkommenheißen und beschützen.“ Während des gesamten Interviews sind die Männer höflich und geben sich pragmatisch.

Reinhard Erös mit StammesältestenDraussen sitzen inzwischen offizielle Gäste. Stammesälteste aus der Nachbarprovinz, die Erös um Hilfe bitten beim Bau einer Mädchenschule. Nach 40 Minuten ist das Projekt besiegelt. Lokale Baufirmen sollen beauftragt werden. Die Paschtunen wissen, auf ihren „alman daktar sahib“, den Dr. Erös aus Deutschland ist Verlaß. „Ich habe die Stammesältesten gefragt, ob sie den Schulbau mit den Religiösen abgesprochen hätten, es ist ja eine Mädchenschule. Das haben sie. Das ist eine Grundvoraussetzung für unsere Einrichtungen. Denn ich möchte nicht, dass unseren Schulen von Taliban abgefackelt oder Lehrer bedroht werden. Wenn die Taliban nein sagen, dann bauen wir kein Schule“, sagt Reinhard Erös. „Tee trinken mit dem Teufel“ nennt Erös das. Seine Schulen im ostafghanischen Talibangebiet funktionieren. Der Bayer hält sich im Hintergrund, trägt lokale Kleidung und reist ohne Militär- oder Polizeischutz. Ein bißchen großen Bahnhof gibt es dann doch noch: bei der Eröffnung eines Waisenhauses, das Erös gebaut hat. Lokale Politprominenz ist auch da, denn ausländische Hilfsprojekte gibt es hier nicht oft. Im Haus werden über 600 afghanische Kinder wohnen, die ihre Eltern durch Anschläge oder Kämpfe verloren haben. Erös hat ein großes Herz für die Afghanen und er weiss: westliche Militärpolitik kann die 4000 Jahre alte Kultur am Hindukusch nicht ändern. Dafür zitiert Reinhard Erös auch gern seinen Lieblingssatz: Wir im Westen haben die Uhren, die Afghanen haben die Zeit.

(Quelle: ard,swr,werg)

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