Bauen bis Nichts mehr geht

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Eine Quittung für die Bausünden

Tuncay AslantepeDie Stadt Istanbul und das Wasser gehören zusammen. Am Schnittpunkt von Marmara-Meer, Goldenem Horn und Bosporus leben die Menschen seit Generationen vom Meer und mit ihm. An starken Regen ist man gewöhnt, wusste, wo und wie zu bauen war. Die Natur tat das Ihre: Viele Flussläufe transportierten das Regenwasser fernab der Häuser ins Meer.

Doch das starke wirtschaftliche Wachstum seit den achtziger Jahren brachte dieses Gleichgewicht aus dem Lot. Bis zu einer Viertelmillion Zuwanderer jährlich hat die Stadt inzwischen zu verdauen. Gebaut wurde in den letzten Jahrzehnten ohne Rücksicht auf die Geographie - das Hochwasser vom Mittwoch war die Quittung.

Die siebenköpfige Familie Aslantepe ist vor zwanzig Jahren aus dem nordöstlichen Anatolien in einen westlichen Randbezirk Istanbuls gezogen. Zuhause gab es keine Arbeit, hier ist Tuncay Chefkoch in einem Döner-Restaurant geworden. Die Flut hat jetzt seine Existenz vernichtet.

Tuncay Aslantepe, Flutopfer:
"Jetzt muss ich draußen leben, habe kein Dach mehr über dem Kopf. Wo soll ich leben? Was soll ich denn machen? Jemand soll mir sagen, was ich tun soll und ich tu's."

Viele Familien haben sich hier im Tal des Ayamama-Flusses niedergelassen. Es war billig, die Fabriken, die Arbeit und Brot gaben, liegen in der Nähe. Die Häuser wuchsen höher, die Stadtverwaltung drückte die Augen zu. Jetzt sollen die Menschen das Tal verlassen.

"Wo sollen wir denn hin?" klagt Tuncays Nachbarin. "Dann sollen sie uns halt Geld geben, damit wir weiter oben eine Wohnung finden."

Bauspekulation und die Folgen

Aykut BulsunManche Nachbarn greifen jetzt zur Selbsthilfe, schützen ihre Häuser durch provisorische Mauern.

Aykut Bulsun, Flutopfer
"Ich mache das Ganze hier, weil sich die Stadtverwaltung nicht darum kümmert. Das hier müsste ich doch nicht selber tun. Wenn die Stadtverwaltung sich um die Infrastruktur und den Bach gekümmert hätte, müsste ich damit keine Zeit verschwenden."

Aus der Luft wird die ganze Dimension des Unheils deutlich. Erst kamen Firmen hierher auf das billige Land, dann zogen die Menschen nach. Mit ihnen kamen die Immobilienspekulanten. Die Kommunalpolitiker duldeten die illegale Bebauung, genehmigten später Straßen, Strom und Kanalisation. Denn hier gab es jetzt Wohlstandswachstum und damit Wählerstimmen. Schließlich wurde der Fluss reguliert und kurzerhand zugebaut.

Die Rückkehr der Flüsse in ihr Bett

Recep Tayyip ErdoganMinisterpräsident Erdogan beim Inspektionsflug. Er war selbst lange Jahre Oberbürgermeister von Istanbul. Auch in seiner Zeit wurde hier kräftig weitergebaut. Jetzt zeigt er sich plötzlich umweltbewusst.

Recep Tayyip Erdogan, türkischer Ministerpräsident:
"Die Flussläufe wurden verändert. Wir haben jetzt Probleme, die wegen dieser Maßnahmen entstanden sind. Ein Fluss findet zwangsläufig in sein Bett zurück und seine Rache ist schlimm. Diesen Preis zahlen wir jetzt."

Dabei wussten die Verantwortlichen längst, welch riskantes Spiel hier abläuft. Die Städteplaner haben immer wieder gewarnt. Das Gebiet galt als riskant.

Unzählige Warnungen

Stadtplaner Erkan DemirdizenErkan Demirdizen, Stadtplaner:
"Später wurde noch die Autobahn gebaut. 25 Jahre lang ist nichts kontrolliert worden, Schwarzbauten wurden erlaubt. Es hat unzählige Warnungen gegeben. Auch als der jetzige Ministerpräsident hier Bürgermeister war, gab es dort eine Überschwemmung. Seit 15, 20 Jahren weiß man, dass die Schwarzbeuten am Ayamama-Fluss weg müssen."

Solche Hochhäuser sollen das Problem jetzt lösen. Rund um Istanbul werden sie von der staatlichen Baubehörde aus dem Boden gestampft - erdbeben- und hochwassersicher. Das Problem ist nur, dass die Familien, die inzwischen irgendwo in den Gefahrenzonen ihr kleines Haus oder eine Wohnung haben, die nicht einfach hergeben wollen. Sie fordern ihren Anteil an dem trügerischen Wertzuwachs der vergangenen Jahrzehnte.

Fadime Bulsun, Flutopfer:
"Bauunternehmer geben mir fünf Wohnungen für meinen Besitz. Wird auch Erdogan mir fünf Wohnungen geben?" fragt sie. "Mein Haus liegt zentral, es ist sehr schön. Vierzig Unternehmer sind schon gekommen und haben mir angeboten, hier neu zu bauen."

Über eine Milliarde Euro Schaden

Hochhäuser in IstanbulEs scheint nicht so, als hätten alle im Flusstal die Lektion vom Mittwoch schon begriffen. Zu lange hat sich die lukrative Spirale aus Zuwanderung, illegaler Bebauung, Wertsteigerung und daraus leicht erworbenem Wohlstand schon gedreht. Ob es gelingt, sie anzuhalten, wird man sehen.

Den Gesamtschaden der jüngsten Überschwemmung am Ayamama-Fluss schätzen Fachleute auf über eine Milliarde Euro. Vielleicht führt das zum Umdenken.

In Istanbul regnet es noch immer. Das Katastrophenzentrum ist weiter in Alarmbereitschaft. Die historische Altstadt wurde bisher von Überschwemmungen verschont. Für Fachleute der beste Beweis, dass die Katastrophe am Ayamama-Fluss allein das Ergebnis verantwortungsloser Stadtentwicklung war.

(Quelle: ws-istanbul/br/werg)

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