Die "Kindersklaven"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

In Haitis Elendsquartieren trifft man auf unfassbare Geschichten von Armut und Not. Es sind Geschichten von Kindern.

Zum Beispiel vom zwölfjährigen Anderson, den kleinen Mädchen Joahnne und Michel-Ange und der vierzehnjährigen Gilen.

Sie alle wurden von ihren Eltern aus Not an fremde Familien weggegeben und schuften nun als deren Leibeigene. Gilen macht den Haushalt, spülen, putzen, Wasser holen. Lohn bekommt sie nicht, höchstens etwas zu essen.

„Ich arbeite den ganzen Tag, das ist sehr hart,“ sagt Gilen leise, „aber am meisten vermisse ich meine Mutter, das ist für mich das schlimmste.“

Durantane Pierre ist nun die „Tante“ von Gilen, so muss sie ihre Gastmutter nennen.

Es sind arme Familien in der Hauptstadt Port-au-Prince, die sich Kinder aus noch ärmeren Familien als Haussklaven holen – das hat in Haiti eine lange, traurige Tradition.

„Das ist doch nichts Schlechtes, wer soll denn sonst die Arbeit machen,“ erklärt die Frau, „und Gilen geht es doch besser. Sie hat sogar Schuhe bekommen.“

In einem engen Raum lebt die sechsköpfige Familie. Die leiblichen Kinder von Durantane haben es besser – sie können spielen und müssen nicht den ganzen Tag arbeiten. Das bleibt die Aufgabe von Gilen – sie steht in dieser traurigen Hierarchie der Armut ganz unten.

Ohne Jean-Baptiste Alinx von der deutschen Kindernothilfe könnten wir hier nicht drehen. Er führt uns zu diesen Kindersklaven, die in Kreole verniedlichend „Restavek“ genannt werden. Das bedeutet soviel wie „bei jemandem bleiben“.

Für die 7jährige Joahnne und die 8jährige Michel -Ange heißt das konkret: spülen, putzen, Wasser holen – den ganzen Tag.

Und das ist die „Tante“ der beiden: Jean-Baptiste Alinx versucht sie zu überzeugen, die Mädchen für ein paar Stunden in die Schule gehen zu lassen.

„Nachts müssen wir hier auf dem Fußboden schlafen,“ erzählt Joahnne, „es ist sehr sehr eng hier.“

Der zwölfjährige Anderson muss mehrmals täglich in großen Eimern Wasser schleppen – Knochenarbeit für ein Kind.

Zuhause heißt es dann erst einmal Regenwasser aus der armseligen Hütte schippen – Anderson ist ein traumatisierter Junge.

Seine Gastmutter Bernadette, die „Tante“, hat ihn im letzten Jahr auf der Strasse entdeckt – seine Eltern waren bei einem Hurrikan ums Leben gekommen. Bernadette findet, dass sie eine Wohltäterin ist, aber das Verhältnis der beiden ist denkbar schlecht. Die Frau verstellt sich auch vor unserer Kamera kaum und beginnt den Jungen zu maßregeln.

„Restavek“ Kinder werden nur allzu oft misshandelt.

„Natürlich schlage ich den Jungen,“ gibt Bernadette offen zu, „wenn er nicht die Sachen erledigt, die ich ihm aufgetragen habe.“

Ein Psychologe von der Kindernothilfe versucht ein Gespräch mit Anderson - Restavek - Kinder, so berichtet er uns, reden sehr wenig, sind verängstigt, wurzellos. Anderson erzählt immer wieder von den Schlägen, die er bekommt - er möchte nur weg. Seine Großeltern leben noch. Wir fragen den Jungen nach seinem größten Traum.

Wärme, Geborgenheit, Liebe – das finden diese Kinder, wenn sie sehr viel Glück haben, bei karitativen Organisationen.

Die Kindernothilfe versucht einen regelmäßigen Schulunterricht zu organisieren und Freizeitaktivitäten – dazu gehört auch eine richtige warme Mahlzeit. Gilen und Anderson können in einer solchen Umgebung sogar auf einmal lächeln.

Haitis Regierung allerdings ignoriert die Not dieser Kinder.

In Port-au-Prince erinnert ein Monument an die Unabhängigkeit Haitis – feierlich wird hier das Ende der Sklaverei beschworen.

Wir wollen deshalb beim Sozialministerium nachfragen, warum Kinderarbeit heute noch erlaubt ist.

Nach langem Warten wird uns erklärt, die zuständige Madame Dejean sei leider nicht da – nur wenige Minuten später sehen wir aber, wie genau diese Dame das Ministerium durch einen Hintereingang verlässt und davonfährt.

An der Küste präsentiert sich Haiti von seiner schönen, seiner karibischen Seite – hier sind wir unterwegs, um die Familie von Gilen zu besuchen. Das 14jährige Mädchen ist sichtlich angespannt, sie hat schon lange Zeit nicht mehr ihre Verwandten gesehen. Nun ist es möglich, auch mit Genehmigung ihrer Gastmutter in Port-au-Prince.

Und dann nähert sich Gilen langsam der Hütte ihrer Familie – auf sie warten ihre Großmutter und eine Verwandte. Die Begrüßung ist verhalten, fast ist man sich schon ein wenig fremd geworden.

Gilens Mutter hat Haiti verlassen, der Vater will vom Mädchen nichts mehr wissen. Die Heimat von Gilen wirkt idyllisch, doch das täuscht - auf dem Land ist die Armut noch größer.

Drinnen taut das Mädchen sichtlich auf. Und auch wenn ihre Großmutter sich freut – zurückhaben möchte sie ihre Enkelin auf keinen Fall. Denn dann müsste sie ja noch einen Mund mehr füttern – das ist die traurige Logik der Armut.

„Ja, es ist ein tolles Gefühl, hierzu sein,“ sagt Gilen,“es ist wunderbar, meine Familie wiederzusehen. Nur meine Mutter fehlt.“


Rückkehr nach Port-au-Prince. Für die Restavek-Kinder bedeutet das: putzen, spülen, Wasser holen.

Es ist ein elender Alltag, für Joahnne, Anderson und Gilen. Sie alle arbeiten, so unfassbar das auch klingen mag, als Kindersklaven...

(Quelle: ws/ard/werg)

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