Fischen JWD

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Sie packen für einen Sommer in der Wildnis: Drei Generationen der Familie Ogura. Einige Verwandte sind schon vorgefahren. Vor ihnen liegt kein Abenteuerurlaub, sondern viel Arbeit.
Wir haben Benzin dabei und alle möglichen Nahrungsmittel, Nudeln, Reis. Eine Bootsladung ist bereits drüben, aber die reicht nicht aus.

Sie müssen mit dem Boot weiter, denn hier oben enden die Straßen. Vor ihnen liegt eine der letzten fast unberührten Regionen Japans. Nur ein paar Menschen wohnen dort, und das auch nur im Sommer.

Der Nationalpark Shiretoko, das Ende der Welt. So haben Hokkaidos Ureinwohner die malerische Landzunge genannt. Raue Sommer, eisige, schneereiche Winter, aber ein Paradies für Bären, Rehe und Hirsche.

Nach einer Stunde Fahrt erreichen sie ihre große Bucht, die sie sich im Sommer mit einer anderen Familie teilen. Denn es ist Erntezeit für Kumbu, für Seetang.

Tsuyoshi Ogura sucht den Meeresboden unter sich ab – mit einem speziellen Guckrohr. Wegen der Strömung und des kalten sauberen Wassers wächst an den Küsten des Nationalparks besonders guter wilder Seetang. Der 45jährige hat die Arbeit von seinem Vater übernommen.

Wie riesige Spaghetti dreht er das vitaminreiche Meeresgemüse mit langer Holzgabel aus dem Boden. Jedes mal ein Kraftakt.

„In dieser Jahreszeit ist der Seetang am besten. Ich suche nach den langen, breiten und dickfleischigen Pflanzen.“

Die Japaner verwenden Kombu vor allem getrocknet als schmackhafte Suppengrundlage. Tsuyoshis Ehefrau Tomoko und die anderen warten schon auf die Ladung und beginnen gleich damit, die frische Ernte zusammenzubinden. Die Weiterverarbeitung ist aufwendig, die ganze Familie muss von früh bis spät mit anfassen. Zeit, die Umgebung zu genießen, haben sie kaum. Und das wechselhafte Wetter durchkreuzt immer wieder ihre Pläne.

„Heute ist es nicht gut genug, wir werden den Seetang zum Trocknen erst morgen auslegen können. Wir lagern ihn daher in Meer, dann bleibt er frisch.“

Vater und Sohn hängen sie dafür an ein Seil. Bei Sonnenaufgang werden sie wieder eingesammelt, um drei Uhr, dann beginnt hier der Arbeitstag. Im Sommer kann die die Familie mit Seetang zusammen über 30.000 Euro verdienen, die andere Zeit im Jahr fischen sie Seeigel, das wirft weit weniger Geld ab.

Vor der Hütte liegt die Ernte vom Vortag, sie ist immer noch feucht. Die Familie muss den Trockenraum benutzen und dafür den Generator anwerfen, ansonsten leisten sie sich nur am Abend Strom, um Benzin zu sparen.

Die beiden Omas der Familie gehen auf die 70 zu, sie rollen die getrockneten Algen. Am Ende der Saison werden sie für den Verkauf noch klein geschnitten und nach ganz Japan verkauft. Die Oguras haben hier noch alte Landrechte, deshalb dürfen sie in dem Naturschutzgebiet im Sommer wohnen.

Tomoko Ogura fand vor ihrer Ehe die Idee noch romantisch, einige Wochen im Jahr in der Wildnis zu leben. Aber die Entbehrungen, meint sie, seien doch groß: Kein Fernsehen, kein vernünftiges Klo. Sorgen mache ich mir, weil kein Arzt in der Nähe ist. Sie haben immerhin ein Satellitentelefon als Verbindung zur Außenwelt.

„Damals war diese Hütte renovierungsbedürftig. Mein Mann fragte, ob wir es machen sollen und ich hier im Sommer leben könnte. Damals dachte ich ja, warum nicht, da wusste ich nicht, wie hart es hier ist. Aber es ist eigentlich auch ganz schön, wieder hier zu sein.“

Einige verlassene Hütten rotten vor sich hin. Die Familien fischen den Seetang nun außerhalb des Nationalparks, andere haben aufgegeben, weil die Kinder die mühsame Arbeit nicht mehr machen wollen, oder sie sich etwa wegen der hohen Benzinkosten nicht mehr lohnt.

Und das Leben hier ist auch gefährlich. Mehr als 200 Braunbären leben im Nationalpark. Eine Mutter taucht plötzlich mir ihrem Nachtwuchs vor der unbewohnten Nachbarhütte auf. Die Oguras kennen die drei, denn sie gehen regelmäßig in ihrer Bucht spazieren.

Wenn die Menschen draußen arbeiten, bleiben die Bären meistens auf Distanz, aber jedem hier schon einmal das Herz in die Hose gerutscht.

Himeko Kobayashi
„Letztes Jahr stand einer 30 Meter vor mir. Ich war starr vor Schreck, mein Kopf war leer, die Beine wie gelähmt. Ich wollte rufen, da vorne ist ein Bär, aber ich habe kein Wort rausgekriegt.“

Tsuyoshi Ogura
„Einmal habe ich gesehen, wie ein Bär durchs Fenster gestiegen ist, in einer Hütte, die da noch bewohnt war. Ich hatte große Angst um die Familie. Die war zu Glück draußen und hat versucht, den Bären mit Lärm zu vertreiben.“

Heute drehen die drei wieder friedlich ab, bleiben aber noch Stunden in Sichtweite am Strand.

Abends – ein Hauch Gemütlichkeit beim Essen der mitgebrachten Vorräte. Die Familie ist fix und fertig, um sieben Uhr liegen sie meist schon im Bett. Als hier noch mehr Familien wohnten, wurde auch mal gefeiert, aber jetzt gibt es nur noch die Arbeit.

„Die Landschaft sei zwar schön, aber das Leben beschwerlich, meint Tsuyoshi Ogura. Auch ich überlege manchmal, ob wir nicht besser umziehen sollen näher an die Stadt.“

Im nächsten Jahr werden die Oguras aber wohl noch wiederkommen - denn wenn sie lange nicht da waren – bekommen sie auch wieder Sehnsucht nach ihrer Bucht am Ende der Welt.

(Quelle: ws/wikipedia/wdr/werg)

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