Zwei Vogelmänner und die Jungfrau

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Am Abgrund und einen Schritt weiter

Absprung von der FelswandDie zwei Männer können nur mit Trippelschritten vorwärtsgehen. Sie stecken in engen, orange-schwarzen Anzüge. Zwischen Armen und Beinen spannt sich Stoff, der die Bewegungsfreiheit stark einschränkt. Doch wohin sollte man auch laufen, am Ende eines Schneefeldes auf 2600 Metern Höhe, direkt neben der Eiger Nordwand. Diese beiden Männer wollen fliegen. Nur mit ihren Anzügen und mit Körperspannung. Sie trippeln zur senkrechten Felskante, stimmen sich noch kurz ab und stürzen sich dann einige hundert Meter in die Tiefe.

Wie in einer Luftmatratze

Vogelmensch in vollem FlugNach etwa 150 Metern werden aus fallenden Körpern plötzlich gewandte Flieger. Von oben sieht es fast so aus, als würde ein wagemutiger Pilot sein Flugzeug aus dem Sturzflug in einer Steilkurve hochziehen und wieder auf Kurs bringen. Die beiden Männer fliegen jetzt wie menschliche Raketen vorwärts. Das Geheimnis liegt in den Wingsuits, wie diese Flügelanzüge genannt werden.

Mirko Schmidt, Windsuit-Pionier: „Wir haben hier bei diesen Wing Suits Flügel zwischen den Armen und den Beinen und die befüllen sich im Fluge mit der Luft. Das heißt, die haben hier Kammer innen drin und Einströmöffnungen und Ventile. Wenn sie aufgepustet sind, haben sie genau dieselbe Form wie eine Tragfläche, wie beim Flugzeug, und entwickeln auch dieselben Eigenschaften. Das heißt, es entsteht bei der Fahrt ein Lift, also ein Auftrieb, und der ermöglicht es uns sehr sehr lange in der Luft zu bleiben, sehr weit zu fliegen vor allen Dingen und sehr langsam zu fallen.“

Eine knappe Minute fliegen die beiden Wingsuit Piloten zum Teil nur haarscharf an den Felswänden vorbei. Sie erreichen dabei eine Geschwindigkeit von 165 Kilometer pro Stunde. 200 Meter über dem Tal ziehen sie den Fallschirm.

Mirko ist ein erfahrener Fallschirmspringer und Basejumper, der seit einigen Jahren auch Wingsuit fliegt. Robert Pečnik könnte als einer der Väter des Wingsuits bezeichnet werden. Er hat vor knapp zehn Jahren mit einem Kollegen die ersten serientauglichen Flügelanzüge entwickelt. Robert und Mirko sind seit Jahren befreundet und tüfteln ständig an den Fluganzügen herum. Es hat sich einiges in der Entwicklung getan.

Mirko Schmidt, Wingsuit-Pionier: „Am Anfang waren die Suits wesentlich kleiner. Da hat man einfach mal versucht, sich so ein Stück Stoff zwischen Arme und Beine zu nähen um zu gucken, was bremst das Ganze, was trotzt dem Fallen. Und früher war es dann so, dass man glücklich war, wenn man gesprungen ist und einfach mal 50 Meter von der Wand weg kam. Schon deshalb weil man bei der Schirmöffnung möglichst viel Abstand zur Felswand, zu Bäumen und anderen Hindernissen braucht. Aber die Anzüge, die wir heute haben, diese high performance suits, ermöglichen einem so weite Flüge, dass wir jetzt eigentlich genau anders herum gehen. Wir spielen sozusagen die ganze Zeit mit der Form der Wand und surfen das Ganze ab. Erst zum Ende des Fluges fliegen wir von der Wand weg, in den sicheren Bereich, um da den Schirm zu öffnen.“

Immer weiter vorwärts

Analyse eines Flugs am ComputerJeder Sprung wird per GPS dokumentiert. So lässt sich die exakte Flugroute rekonstruieren. Ein spezielles Computerprogramm errechnet die Beschleunigung und den Auftrieb, den die Piloten mit ihren Anzügen in der Luft erreicht haben. Die Daten zeigen, die Vogelmänner haben schon einen Gleitwinkel von drei zu eins. Das bedeutet drei Meter Vorwärtsflug bei einem Meter Höhenverlust. Bei Google Earth können sie die geflogene Strecke noch einmal anschauen und analysieren, denn die Alpen sind dort in 3D nachgebaut.

In den 47 Sekunden Flugzeit haben sie eine Strecke von 2372 Metern zurück gelegt. Mirko Schmidt, Wingsuit-Pilot: „Die Kurven verraten uns, wie wir uns in dem Augenblick bewegt haben. Wenn man zum Beispiel mal so einen Testsprung macht und versucht mal eine ganz andere Position vom Körper zu wählen. Dann kann man da an der Stelle im Programm wieder genau ablesen, was der Erfolg da war. Ob es in die richtige Richtung ging oder in die Falsche. Es ist also ein Superhilfsmittel, um sich selber zu schulen. Aber auch um zu gucken, welche Ideen funktionieren und welche gar nicht funktionieren.“

Nichts als Luft

Ständig wird das Material geprüft und verbessertDas Wichtigste für die Entwickler: Wie schnell befüllen sich die Kammern der Suits im Flug mit Luft, wie schnell setzt der Auftrieb ein und sind die Einströmöffnungen an der richtige Stelle? Mirko Schmidt, Wingsuit-Pionier: „Wir haben ja hier an den Armflügeln zum Beispiel oder auch am Beinflügel Lufteinlässe. Und das ist eigentlich auch der wichtigste und kritischste Punkt. Man kann sich nicht einfach nur irgendwas dazwischen spannen und dann fliegt das. Sondern hier geht’s wirklich um die Form einer Tragfläche. Und manchmal muss man das auch im Negativen testen. Das heißt, man macht einen Testsprung, klebt eine Seite zu. Die andere Seite stellt man sehr weit auf, um garantieren zu können, hier kommt Luft rein, und hier nicht. Und dann springt man zusammen mit einem zweiten Springer und lässt sich in der Luft filmen. Wenn da ein großer Unterschied zwischen beiden Flügeln zu sehen ist, funktioniert das System. Sollte zum Beispiel das Bild in dem Falle gleich aussehen, dann ist völlig klar, da muss noch was geändert werden.“

Robert Pečnik, Wingsuit-Entwickler: „Da gibt es noch viele Verbesserungsmöglichkeiten. Das größte Potential liegt wohl darin, das Profil der Suits am Körper zu verbessern. Das kann über die Länge des Körpers sicher noch optimiert werden. Und dann kann man sicherlich noch glattere und leichtere Materialien verarbeiten. Das gilt auch für die Fallschirme. Die können sicherlich noch leichter und flacher werden. Vielleicht gibt es in Zukunft auch noch spezielle Helme, mit besonders aerodynamischem Design. Wir sind auf einem guten Weg, den Gleitwinkel noch zu verbessern.“

Fliegen ja, landen nein

Nach dem Flug wird der Fallschirm zur Landung geöffnet Zur Landung brauchen die tollkühnen Männer allerdings weiterhin einen Fallschirm. Auch bei verbesserten Gleitwinkeln ist eine Landung nur mit dem Wingsuit utopisch. Mirko Schmidt, Wingsuit Pilot: „Wir liegen ja in dem Wing Suit drin wie auf einer Luftmatratze. Nur dass wir in dem Flügel sind. Wir sind selber der Flügel. Und das heißt, wir kommen mit der Brust und dem Kinn zuerst auf. Und das kann der Körper nicht gut finden. Es gibt sicherlich Leute, die glauben, man könnte auf einem steilen Berg im Schnee das Ding irgendwie absetzten. Aber die Frage ist, ob das Landen wäre.“

Deshalb ist dieser rasante Sport auch noch keine Massenbewegung geworden. Man benötigt neben einer gehörigen Portion Mut auch viel Erfahrung im Fallschirmspringen. Außerdem sind die meisten Absprungplätze in den Bergen nur mit dem Hubschrauber oder nach stundenlanger Wanderung zu erreichen. Ein hoher Aufwand für eine knappe Minute Flugzeit.

(Quelle: phoenix-fly.com/base-jump.de/ard/ws/werg)

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