Israel

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Zündeln im Heiligen Land

Jüdische Siedler besetzen neuen Außenposten bei TulkaremJerusalem, die heiligste Stadt der Juden. Hier stand vor rund 2.000 Jahren der jüdische Tempel.

In der jüdischen Hauptstadt dürfen Juden überall wohnen, sagt die Regierung.
Während der US-Nahostsondergesandte George Mitchell mit der Regierung in Jerusalem über einen Siedlungsbaustopp verhandelt, werden gleichzeitig Fakten geschaffen, wie zum Beispiel in Sheikh Jarrah, einem arabischen Stadtviertel.

Mitglieder einer radikalen jüdischen Organisation ziehen in ein leerstehendes Haus ein. Es hatte angeblich früher einen jüdischen Besitzer. Doch die arabischen Nachbarn protestieren, halten die Besetzung für illegal.

Die israelische Polizei schützt die Siedler, die eine Gerichtsgenehmigung vorweisen können. Ausländische Aktivisten beteiligen sich an den Protesten, sie werden fortgeschleppt, einige werden verhaftet.
"Die behaupten, dass sie hier leben dürfen, dass das Haus gekauft und in ihrem Besitz sei. Aber das ist Betrug, das ist nicht geklärt", klagt Mahmud El Saa’u. "Das Land gehört auf alle Fälle dem WAKF, der islamisch-religiösen Vereinigung."

Mahmud führt uns mit seiner Familie zu seinem Haus um die Ecke. Auch er hat eine Räumungsklage am Hals. Sein Haus war angeblich ebenfalls vor 1948 in jüdischem Besitz.

In Sheikh Jarrah sind mehr als 27 Familien vom gleichen Schicksal bedroht. "Sie sagen, sie hätten das Haus von einer Frau namens Dvora Green gekauft. Ich glaube nicht, dass eine Dvora Green je existiert hat. Sie haben die Dokumente gefälscht." "Die Juden wollen nicht nur unser Haus, sondern nach und nach jedes einzelne Haus. Sie fressen sich durch Jerusalem wie Motten, die Juden sind wie Motten", fürchtet Mahmuds Frau.

Was die Siedlerorganisationen machen: Sie bieten den arabischen Bewohnern Millionen an, damit sie ausziehen. Nur einige wenige nehmen das Geld an und gehen.
"Wir sterben lieber als dass wir hier weggehen", sagt Mahmuds Schwägerin Nura. "Heute haben sie Leute aus dem Haus gezerrt, sie geschlagen. Auch ich bekam etwas ab. Aber wir werden nie weggehen. Sie können uns erschießen, sie können uns töten, wir gehen nicht."

Der Siedlungsbau geht unbeirrt weiter

Zwei Tage später: Die europäischen Staaten fordern Israel erneut auf, den Siedlungsbau einzustellen. George Mitchell hat in Jerusalem bislang nichts erreicht.

Wir sind unterwegs zu einem sogenannten illegalen Außenposten im Westjordanland. Wir begleiten drei Siedler, die einen Wassercontainer zu einem Außenposten bringen wollen - das aber ist von der Armee verboten.

"Nur in Judäa und Samaria ist das verboten. Die Araber dürfen. Aber wenn Juden Wasser auf einen Berg bringen wollen, geht das nicht", erklärt der Siedler Tuvia Lerner.

Frage: Welcher Unterschied besteht denn zwischen dem Außenposten dort und dem da hinten, wo es Wassercontainer gibt?
"Das Datum der Gründung. Alles, was vor März 2001 gebaut wurde, ist anerkannt."

Wir fahren nach oben. Was Tuvia meint: In der sogenannten Roadmap zum Frieden hat sich Israel vor sechs Jahren dazu verpflichtet, alle Siedlungen, die nach März 2001 errichtet wurden, sofort abzureißen. Doch bislang geschah nichts.

Dieser Außenposten - er besteht aus zwei Hütten - existiert immer noch. Auch wenn die Armee ab und zu vorbeikommt und alles niederreißt. Kaum ist sie weg, wird alles wieder aufgebaut. Ein 14-jähriger Junge bewacht das Ganze.

Die israelische Regierung spielt ein doppeltes Spiel. Die Errichtung von Außenposten ist verboten und doch werden sie stillschweigend geduldet. Die Siedler interessieren sich nicht für internationale Gesetze. Sie leben nach dem Religionsgesetz, leben in einer anderen Welt. Auch Tuvia, der vor über 20 Jahren aus Moskau nach Israel eingewandert war:

"Ich dachte der Sozialismus sei was Großartiges, nur in Russland funktioniere er nicht. Dann kam ich nach Israel, und sah, dass er hier auch nicht funktioniert. Also dachte ich, irgendwas stimmt da nicht. Dachte schließlich, die Idee, Gott habe die Welt geschaffen, macht Sinn. Nicht dieses atheistische kommunistische Zeug. Und dann studierte ich die Thora, verliebte mich in die Bibel, begann das Land zu lieben. Wenn ich hier auf diesen Hügeln bin, dann begegne ich meinen Vorfahren, von denen die Bibel spricht."

Leben am Schauplatz jüdisch-biblischer Geschichte

Anti-Obama-Protest in JerusalemAm späten Nachmittag fahren wir zu einem anderen Außenposten. Als Protest gegen den Druck Amerikas haben die Siedler sich entschlossen, heute elf neue Außenposten zu errichten. So wie den Außenposten Mitzpe Avichai in der Nähe von Hebron.

Das Westjordanland - oder Judäa und Samaria - wie die Siedler es mit den biblischen Namen nennen: Hier hat sich jüdisch-biblische Geschichte abgespielt, nicht am Küstenufer, nicht in Tel Aviv.

Darum akzeptieren diese religiösen Eiferer nicht, dass Juden kein Recht haben sollen, hier zu leben. Auch die Armee ist da. Sie schaut zu, scheint den Siedlern Schutz zu geben.

Eine Familie ist gekommen, um für immer hier zu bleiben: "Unser Ziel ist, dass die Regierung diese neue Nachbarschaft anerkennt. Wir wollen nicht nur Hütten, sondern richtige Häuser bauen. Wir wollen uns ausbreiten. Es gibt keinen Grund, warum wir das hier nicht tun dürfen. Wir sind hier aufgewachsen, das ist unser Land", behauptet die Siedlerin Zaviya Davis.

Am nächsten Morgen: Die Armee war in der Nacht da und hat die Hütten von Mitzpe Avichai niedergerissen. Auch die neue Behausung von Zaviya. Das beeindruckt sie jedoch überhaupt nicht. Der Wiederaufbau ist schon in vollem Gange: "Siehst du dort ganz hinten - dort haben die Araber mit EU-Gelder gebaut. Das hier ist legales Land, das im Besitz unserer Gemeinde ist, so wie das Land dort. Das ist die Realität: Wer zuerst kommt, gewinnt das Land. So ist es. Und darum müssen wir handeln und nicht zuhause sitzen und warten."

Der Donnerstag ist der jüdische Trauertag Tischa Be’aw. An diesem Tag zerstörten die Römer im Jahr 70 nach Christus den jüdischen Tempel. Es war das Ende des jüdischen Reiches.

Ministerpräsident Netanjahu hat angeordnet, den Bau von 900 Wohnungen in Ostjerusalem zu stoppen. Doch das wird die Siedler nicht aufhalten, ein neues jüdisches Reich aufbauen zu wollen. Nur am Wochenende halten sie inne, da ist Shabbat, der jüdische Ruhetag.

(Quelle: ndr/spon/werg)

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