Die Bomber aus dem Baskenland

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Prosperierendes Baskenland

Eine große Figur wird durch die Straßen getragenTapas vom Feinsten: Gambas auf Ei, Croissants mit Iberico-Schinken. In der "Gambara" einer der besten Tapa-Bars in San Sebastiáns Altstadtviertel ist es brechend voll. Es ist Semana Grande, die Festwoche: Da strömen die Touristen, viele Einheimische sind da und es kommen die Basken aus der Umgebung.

José Martinez, hat dann alle Hände voll zu tun. Die Basken treffen sich gerne und essen zusammen sagt er uns: "Wir sind fleißig und wir genießen das, was wir haben."

So ist es. Die Basken feiern gern. Sie können knorrig und stur sein. Draußen ziehen gerade die Cabezones die Schwellköpfe vorbei.

Die Basken sind fleißig, die Arbeitslosigkeit liegt unter dem Durchschnitt, ihre Wirtschaft ist Zugpferd in Spanien. Kaum eine Region im Land hat es zu soviel Wohlstand gebracht. Sie lieben ihre Traditionen - keine Region in Europa ist so eigenständig wie das Baskenland und dennoch wollen viele die vollständige Unabhängigkeit. Der Gewalt der ETA - wie zuletzt auf Mallorca - sind die allermeisten aber längst überdrüssig:

Passanten sagen uns:
"Das ist eine Schande, natürlich."

"Kein Attentat ist gut. Ich glaube, man muss miteinander reden."

"Wir haben unsere Sprache, unsere Kultur. Wir haben unsere Lebensart, wir wollen unseren Weg selbst bestimmen."

"Aber die Lösung ist der Dialog. Es gibt keinen anderen Weg, es wird sonst immer Streit geben. Man muss sich zusammensetzen und reden."

Kein Rückhalt für die ETA

Gorka Landaburu50 Jahre ETA-Terror. Es ist das aktuelle Titelblatt der Zeitschrift "Cambio 16". Chefredakteur ist Gorka Landaburu. Der Daumen und der Zeigefinger seiner rechten Hand wurden vor acht Jahren zerfetzt. Die Briefbombe, die ihm von der ETA geschickt wurde, sollte eigentlich tödlich sein. Nur mit viel Glück hat er das Attentat überlebt. Auch an der linken Hand fehlen Gliedmaßen, ein Auge ist blind.

Ins Visier der Terrororganisation geriet er, - der Baske, der einst selbst Mitglied der ETA war und dessen Eltern vor Franco fliehen mussten - weil er Mord als Mittel der Politik immer verurteilt hat.

Gorka Landaburu:
"Ich habe aktiv gegen das Franco-Regime, gegen die Diktatur gekämpft. Heute 35 Jahre nach Francos Tod, 35 Jahre nach der Diktatur kämpfen wir weiter gegen eine neue Diktatur, die ETA heißt. ETA hat für mich nichts Baskisches, sie repräsentiert niemanden, nur sich selbst."

Sympathisanten der ETA findet man in San Sebastián in dieser Altstadtgasse. Es sind junge Leute, die nicht gefilmt werden und die nicht mit uns reden wollen. Sie sind überzeugt, dass sie in einem Unrechtsstaat leben, gegen den man kämpfen muss. Auf Plakaten werden Attentäter wie Helden verehrt.

Um sie zu unterstützen, verkaufen diese Frauen T-Shirts und Pullover. Sie sind Angehörige von ETA-Häftlingen. Folter werfen sie dem spanischen Staat vor und sie sind empört, dass alle ETA-nahen Parteien verboten wurden. Ein Parteienverbot, das kürzlich auch der Europäische Gerichtshof in Straßburg bestätigt hat.

Eine Angehörige von ETA-Gefangenen:
"Sie lassen uns nichts machen, sie haben uns alles verboten. Wir können uns nicht bewegen, aber wir werden weiter kämpfen."

Die Regionalregierung kämpft massiv gegen die ETA

Die Polizei holt Plakate von ETA-Sympathisanten einFreiheit für das Baskenland, das fordern sie. Und was halten sie von den Anschlägen auf Mallorca?
"Wenn ich Dir sagen soll, was ich denke, dann ziehe ich vor nichts dazu zu sagen. Es gibt hier keine Meinungsfreiheit."

Solche Bilder sind es, die die ETA-Sympathisanten in ihrem Opfermythos bestätigen. Immer wieder entfernt die baskische Polizei, die Ertzaintza, in San Sebastián und an anderen Orten die Unterstützerplakate, denn die "Verherrlichung einer terroristischen Organisation" ist verboten. Martialisch sieht das aus, doch das ist erklärte Strategie der neuen Regierung.

An ihrer Spitze steht seit gut 100 Tagen Paxti López. Zur Festwoche ist er nach San Sebastián gekommen, zum Chorkonzert in die Kathedrale. Zum ersten Mal in der Geschichte des Baskenlandes regiert nicht mehr die nationalistische Partei, sondern ein Sozialist, der sich klar gegen die Unabhängigkeit ausspricht:

Gorka Landaburu:
"Die neue sozialistische Regierung geht vor allem mit mehr Engagement und mit mehr Entschiedenheit vor. Sie hat ein klares Ziel: der Kampf gegen ETA und gleichzeitig will sie erreichen, dass sie im sozialen und im kulturellen Bereich, wo sie immer noch eine Rolle spielt, keine Berechtigung mehr findet."

Die Festwoche in San Sebastián ist auch immer die Woche der Straßenkrawalle und der Demonstrationen. Es ist eine Ausnahme, dass die Polizei diesmal nicht eingreift. Fast immer werden die Proteste von ETA-Sympathisanten inzwischen gerichtlich verboten und aufgelöst. Aus Jugendszenen wie diesen rekrutiert die ETA ihren Nachwuchs, füllt Lücken auf, die ihr durch viele Verhaftungen - auch von wichtigen Köpfen der Terrororganisation - entstanden sind.

Die Militanten der ETA: Fanatiker mit Terror-Karriere

Eine Strandbucht mit blauem MeerGorka Landaburu:
"Wir finden in der ETA heute fanatische Leute. Die sind 20 oder 25 Jahre alt, haben Gehirnwäsche hinter sich. Mit 15 Jahren trugen sie ein Plakat vor sich her, mit 18 haben sie Molotowcocktails geschmissen und Busse angezündet. Und mit 20 oder 21 Jahren sind sie - von der Polizei verfolgt - nach Frankreich geflohen. Das sind heute die Militanten der ETA."

Nur mit Leibwächtern kann Gorka Landaburu sich aus dem Haus wagen. So wie ihm geht es im Baskenland tausenden Lokalpolitikern, Unternehmern, Richtern. ETA, das heißt: Baskenland und Freiheit, doch ihre Kritiker oder Gegner zwingt sie zu einem Leben unter ständiger Bewachung.

Am Strand von San Sebastián, der schönen Concha, kann Gorka Landaburu nicht unbefangen flanieren. Zu gefährlich ist es, in die Kneipe von José in die Altstadt von San Sebastián zu gehen, wo Txakoli, spritziger Weißwein ausgeschenkt wird und die Tapas so köstlich sind.

Es ist Semana Grande, jede Nacht gibt es deshalb ein Feuerwerk. San Sebastian zeigt sich in nächtlicher Schönheit. Frieden wünschen sich die meisten, der Rückhalt für die ETA schwindet, doch die Organisation hat gezeigt, dass sie jederzeit töten kann. Ein Ende des Terrors ist nicht in Sicht.

(Quelle: br/ws/werg)

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