Bildung a la China

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Aus der inneren Mongolei ins Traditionsinternat

Der Vater Guo Li HongLi Hong holt einen seltenen Wochenendgast vom Flughafen ab. Denn sein Sohn lebt weit entfernt im Internat. Dort genießt er eine private Schulausbildung - ein Luxus, den sich in China nur wenige leisten können.

Guo Li Hong:
"Wir geben viel Geld aus, aber es ist gut angelegt. Denn anders als in einer normalen Schule, wird unser Sohn in dem Internat in chinesischer Tradition unterwiesen."

Vor zwei Monaten hat der Sohn seine Heimatstadt hier in der Inneren Mongolei im Norden Chinas verlassen. Zwei Monate auf Entzug: Kaum ist der 14-jährige Bai zu Hause, spielt er schon wieder am Computer. Für einen Moment hat er sein altes Leben wieder.

Für ihren Sohn will Mutter Xue Juan nur das Beste - und für Bai ist das Beste heute Fleisch. Denn dort, wo er herkommt, herrscht nicht nur Computer- sondern auch Fleischverbot. Doch zu dem Internat ihres Sohnes sehen die Eltern keine Alternative

Vater Guo Li Hong:
"Unser Sohn soll einmal im Ausland studieren. Seine traditionelle Ausbildung im Internat wird ihm später helfen ein richtiger Chinese zu bleiben. Er macht schon jetzt gute Fortschritte."

Unterrichtsbeginn um halb sechs

Flache LandhäuserDafür zahlen sie 300 Euro jeden Monat - das ist viel Geld in China, auch für diese wohlhabende Familie.

Ein Wecksignal in der Abgeschiedenheit: 1.000 Kilometer entfernt das Internat - im Stil alter chinesischer Landhäuser gebaut. 5 Uhr 30, Unterrichtsbeginn - Bai steckt die lange Reise noch in den Knochen. Meister Xing leitet die Thai Chi-Stunde. Wie jeden Morgen in aller Frühe sollen die Schüler zuerst Yin und Yang - Schatten und Licht - in Einklang bringen. So will es die Tradition hier.

Tai Chi als Mittel der Harmonie

Lehrer Xing Qi LinSohn Guo Bai Cheng:
"Die Übungen beruhigen mich so sehr, dass ich mich fast selbst verliere. Außerdem hilft es mir ruhig zu bleiben und mich besser zu konzentrieren. Aber ich finde es schwierig diese Bewegungen wirklich gut zu lernen."

Noch steht Bai am Anfang seiner Ausbildung.

Lehrer Xing Qi Lin:
"Thai Chi gehört zur chinesischen Tradition. Auf die Kinder wirkt das ausgleichend, es hilft ihnen zum Beispiel Konflikte zu lösen. Ihren Eltern begegnen sie respektvoller, sind harmonischer mit Freunden."

Unterricht auf dem Feld

Landwirtschafstlehrer Xu Bai ZhanHarmonie auch im nächsten Fach. Bai und seine Mitschüler sollen sich hier vor allem in Geduld üben. Die Jahrtausende alte Schrift Chinas - für Cui Ailing, die Internatsleiterin, ist sie der ideale Unterrichtsstoff:
"Anfangs sind die Kinder gleichgültig, egoistisch und frech. In ihrem früheren Schulalltag gab es nur Lernen unter Druck. Für die Persönlichkeit war keine Zeit. Wir fördern hier ihren Charakter und ihre spirituelle Kraft."

Damit sich der Geist entfaltet, müsse der Körper beansprucht werden. Bai erntet daher Bohnen in der Mittagshitze. Mit Bauer Xu müssen die Schüler regelmäßig raus aufs Feld. Was sie hier ernten, kommt später auf den Tisch.

Landwirtschafstlehrer Xu Bai Zhan:
"Mit diesen Stadtkindern muss man langsam anfangen. Anfangs habe ich ihnen Unkrautjäten beigebracht. Danach, wie man Chinakohl aufzieht: immer Schritt für Schritt. Sie haben Gemüse ja noch nie auf dem Feld wachsen sehen."

Sie lernen die Arbeit einfacher Bauern zu achten auf dem Acker und im Klassenzimmer. Vielleicht hören sie sich auch deshalb ein wenig altklug an:

Schülerin Shi Jia Ming:
"Mir macht es Spaß die Pflanzen wachsen zu sehen und das gibt mir ein Gefühl von Erfüllung."

Schüler Zhao Zhe Hao:
"So wie die Tomate hier auf dem Feld einen Zweig braucht, an dem sie wachsen kann, brauchen wir unsere Lehrer, die uns im richtigen Sinne aufziehen."

Vom verwöhnten Einzelkind zum richtigen Chinesen

Guo Bai ChengAufzucht zu richtigen Chinesen. Im Traditionsinternat gehört dazu jeden Tag Wäschewaschen. Mit den Waschbrettern des alten China wachsen sie anders auf als Millionen verwöhnter Einzelkinder hierzulande. Selbständig und pflichtbewusst sollen Bai und seine Mitschüler hier werden, bevor sie mal in die Welt ziehen.

Es ist Abend geworden. Meister Xing führt durch die letzte Unterrichtseinheit heute. Bai beim Shaolin Kung Fu. Kampfkunst, Kalligraphie und altchinesische Philosophie lernen sie in 33 Stunden jede Woche. Dafür steht nur zweimal Englisch und einmal Mathe auf dem Stundenplan.

Guo Bai Cheng:
"Anfangs hatte ich Heimweh, aber nun würde ich gerne länger als geplant hier bleiben. Ich habe mich im Internat verändert: Früher mochte ich andere Kinder nicht, habe mich oft gestritten. Seitdem ich hier bin, ist das vorbei."

Ein Jahr wird Bai noch hier verbringen, um das alte China und seine Werte zu verinnerlichen - so soll er im modernen China besser zurechtkommen und gefestigt ins Ausland gehen. Seine Eltern haben neuen Wohlstand gewonnen, doch die alten chinesischen Wurzeln soll ihr Sohn trotzdem nicht verlieren:

Vater Guo Li Hong:
"Die traditionelle Ausbildung ist tiefgründig. Mein Sohn lernt Höflichkeit, ihm werden Moral und Respekt vermittelt. Wenn er im Geiste dieser chinesischen Tradition lebt, wird ihn das immer voranbringen."

Mit gestärkter chinesischer Persönlichkeit sollen sie das Internat einmal verlassen, doch jetzt am Ende eines langen Schultages plagt Bai ein ganz anderes Problem: Heimweh! Kurz mit Mama sprechen, die doch nur sagt, dass er durchhalten muss. Dann wird es Nacht in der chinesischen Traditionsschmiede.

(Quelle: ard/dpa/werg)

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